Burn-out schon bei Kindern

Foto: Schulte-MarkwortMichael / UKE

Leistungsdruck macht immer mehr Schülern zu schaffen. Aber auch die Zahl psychisch erkrankter Erwachsener steigt

Hamburg. Auch Kinder können schon am Burn-out-Syndrom erkranken. "Bisher haben wir den Begriff Burn-out für Erwachsene reserviert, aber es gibt mittlerweile auch erschöpfte Kinder und Jugendliche", sagt Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum (UKE) . Erschöpfungszustände sind jedoch nicht das Einzige, woran Kinder verstärkt leiden. Jedes vierte Kind in Deutschland zeigt mittlerweile eine psychische Auffälligkeit. Das zeigt eine Auswertung des UKE von zwei großen Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Berliner Robert-Koch-Institutes.

Kinder werden immer leistungsbereiter und überfordern sich dabei oftmals

Als einen Grund für die Entwicklung sieht Prof. Schulte-Markwort eine gesteigerte Leistungsbereitschaft bei den Kindern. "Kinder werden immer disziplinierter und leistungsbereiter. Dieses führt auch dazu, dass sie sich sehr anstrengen und sich oftmals selber überfordern", so Schulte-Markwort. Erhöhte Anforderungen trügen entscheidend mit dazu bei, dass immer mehr Kinder unter psychischen Problemen wie Angst, Depressionen oder Hyperaktivität leiden. "Viele von ihnen bekommen zusätzlich auch körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, Einschlafstörungen und Schwindel", so der Kinderpsychiater.

Wahrscheinlich 500 Kinder würden voraussichtlich in diesem Jahr allein im Altonaer Kinderkrankenhaus stationär wegen psychosomatischer Beschwerden behandelt, sagt Schulte-Markwort. Vor einer Behandlung werde zunächst geklärt, welchen Grund die Beschwerden haben. Durch Untersuchungen werden körperliche Ursachen ausgeschlossen.

"Mit Schmerztagebüchern analysieren wir den Zusammenhang mit bestimmten Auslösesituationen. Wir untersuchen die Familiengeschichte des Kindes, sein soziales Umfeld, fragliche Überforderung oder soziale Ausgrenzung in der Schule, andere Belastungsfaktoren innerhalb der Familie. Und daraus ergibt sich dann die entsprechende Behandlung. Das kann das Führen eines Schmerztagebuches und autogenes Training sein, Einzelpsychotherapie, soziales Kompetenztraining oder eine Familientherapie", erklärt der Kinderpsychiater.

Um ihre Kinder zu unterstützen, sollten Eltern sich auch selbst einige Fragen stellen, meint Schulte-Markwort: "Welchen Leistungsanspruch habe ich für mein Kind? Ist dieser Anspruch wirklich angemessen oder stülpe ich dem Kind etwas über, mit dem es überfordert ist? Was bedeutet eine bestimmte Symptomatik meines Kindes und habe ich eine Idee, worunter mein Kind leiden könnte?"

Wichtig sei, dass Eltern immer aufmerksam gegenüber der gesamten Persönlichkeit ihres Kindes sind. "Je besser es einem gelingt, die Individualität eines Kindes zu berücksichtigen und ihr gerecht zu werden, desto geringer ist auch die Gefahr, dass man es nicht irgendwo hineinpresst und das Kind mit Auffälligkeiten reagiert."

Kinder müssen mehr individuell gefördert und berücksichtigt werden

Auch auf der strukturellen Ebene sieht der Kinderpsychiater Verbesserungsbedarf: Es müsste viel kleinere Klassen geben, Kinder müssen individueller gefördert und berücksichtigt werden, und "wir brauchen einen anderen Lehrer-Eltern-Kontakt, um besser einzuschätzen, wie das Kind in der Schule zurechtkommt."

Währenddessen nimmt auch unter den Erwachsenen die Zahl derjenigen stetig zu, die wegen psychischer Probleme behandelt werden müssen. So betrugen nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die Krankheitskosten für psychische und Verhaltensstörungen im Jahr 2008 knapp 28,7 Milliarden Euro. Für fast die Hälfte dieser Kosten waren nur zwei Diagnosen verantwortlich: 9,4 Milliarden Euro wurden für Demenzerkrankungen und 5,2 Milliarden Euro für Depressionen ausgegeben. Ein Zeitvergleich zeigt, dass die Kosten durch psychische Erkrankungen von 2002 bis 2008 besonders stark gestiegen sind: Mit 5,3 Milliarden Euro war das Plus hier höher als bei allen anderen Krankheitsarten.

Allein bei Demenz und Depressionen erhöhten sich die Kosten in diesem Zeitraum um zusammen 3,5 Milliarden Euro beziehungsweise 32 Prozent. Insgesamt sind die Krankheitskosten seit 2002 um 35,5 Milliarden angestiegen und lagen im Jahr 2008 bei 254,3 Milliarden Euro. Psychische und Verhaltensstörungen waren dabei die Krankheitsgruppe mit den dritthöchsten Kosten: Noch höhere Kosten wurden 2008 lediglich durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen (37 Milliarden Euro) und Krankheiten des Verdauungssystems (34,8 Milliarden Euro) verursacht.

Psychische Erkrankungen machen 10,6 Prozent des Krankenstandes aus

Diese Zahlen bestätigen auch eine Entwicklung, die die Deutsche Angestellten-Krankenkasse in ihrem Gesundheitsreport 2009 beschreibt. Danach stieg der Anteil der psychischen Erkrankungen am Krankenstand zwischen 1998 und 2008 um gut 60 Prozent von 6,6 auf 10,6 Prozent.