Ölkatastrophe in China

Ölpest in China weitaus schlimmer als bekannt

Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace sollen zwischen 60.000 und 90.000 Liter Rohöl ins Meer geflossen sein.

Peking/Houston. Wenn die Schätzungen stimmen, ist das Ausmaß größer als bei der Exxon-Valdez-Ölpest in Alaska 1989: Die Umweltschutzorganisation Greenpeace befürchtet, dass die Menge des ins Gelbe Meer ausgeflossene Öl vor Chinas Küste weitaus größer ist, als von der chinesischen Regierung bislang angegeben. Nach Angaben der Umweltschützer flossen seit der Explosion zweier Pipelines im Hafen von Dalian im Nordosten des Landes vor zwei Wochen zwischen 60 000 und 90 000 Tonnen Rohöl ins Meer - bis zu sechzigmal mehr, als die offiziellen Zahlen angeben. Laut chinesischer Behörden waren es nur 1500 Tonnen Öl.

Die Ölpest in China sei "eine der 30 schlimmsten in der Geschichte", sagte Greenpeace-Experte Richard Steiner bei einer Pressekonferenz in Peking, der sich in den vergangenen Tagen vor Ort ein Bild von der Katastrophe gemacht hatte. Seinen Angaben zufolge könnte die Ölverschmutzung auch die Küste Nordkoreas bedrohen. Die fehlende Luftüberwachung des Ölteppichs mache eine genaue Einschätzung der Lage allerdings schwierig.

Die beiden Pipelines des größten staatlichen Ölkonzerns China National Petroleum Corporation (CNPC) waren am 16. Juli in der Hafenstadt Dalian in der Provinz Liaoning explodiert. Bis sich die Umwelt von der Ölpest erholt, könnten nach Einschätzung von Greenpeace bis zu zehn Jahre vergehen.

Währenddessen hat am zweiten Ölpest-Schauplatz im Golf von Mexiko der Konzern BP gestern ein Doppelmanöver gestartet, mit dem das Leck am Meeresboden endgültig verschlossen werden soll - von oben wie auch von unten. Der Einsatzleiter der Regierung, Admiral Thad Allen, zeigte sich optimistisch, dass die Aktion gelingt.

Als erster Schritt ist eine Operation geplant, die Experten "Static Kill" nennen. Dabei soll durch den Deckel, mit dem das Bohrloch seit dem 15. Juli provisorisch abgedichtet ist, schwerer Schlamm gepumpt werden. Öl und Gas sollen so zurück in das Reservoir gezwungen werden, aus dem sie nach oben drängen. Wenn der Druck im Bohrloch stabil bleibt, wird es mit Zement versiegelt. Das könnte bis zu sieben Tage dauern. Ein ähnlicher Versuch mit Namen "Top Kill" war jedoch vor zwei Monaten gescheitert, weil die Kraft des ausströmenden Öls viel zu groß war.

Parallel gehen die Ingenieure die letzten etwa 30 Meter der Entlastungsbohrung an, mit der die Quelle dann auch von unten verstopft werden soll. Gegen Ende der Woche könnte der Nebenzugang in mehr als fünf Kilometern unter dem Meeresboden auf die außer Kontrolle geratene Ölquelle treffen, schreibt die "New York Times". Durch den Entlastungstunnel sollen dann ebenfalls Schlamm und Zement gepumpt werden, um das Bohrloch auch von unten und nunmehr endgültig zu versiegeln.

Bis es letzte Gewissheit über den Erfolg des "Bottom Kill" genannten Manövers gibt, kann es nach Einschätzung von Experten durchaus Ende August werden. Aber vielleicht, so heißt es, reiche auch schon der "Static Kill", um die Quelle zu besiegen.

Die Arbeiten zurückwerfen könnte indes ein weiterer Tropensturm. "Das Wetter ist immer unser schlimmster Widersacher", sagte BP-Manager Kent Wells.