Nordsee

Wieder mehr Hummer für Helgoland

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Ein Programm soll die europäische Form des Krustentieres retten, die nur vor der Hochseeinsel vorkommt - bisher jedenfalls.

Helgoland. Der Helgoländer Hummer ist das Wappenzeichen der Hochseeinsel. Doch er ist seit Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Zwölf Jahre lang haben Wissenschaftler auf Helgoland geforscht, ob und wie das edle Krustentier gerettet werden kann. Inzwischen sind sie sich sicher: "Wir müssten 250 000 einjährige Junghummer züchten und aussetzen. Dann haben wir eine Chance", sagt Prof. Heinz-Dieter Franke von der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Kosten des Vorhabens: bis zu 1,5 Millionen Euro.

Bereits seit vielen Jahren züchten die Meeresbiologen in einer Halle der BAH am Helgoländer Fährhafen Hummer. Unzählige Becken sind dort in Reihen aufgestellt. Jungtiere, ausgewachsene Männchen und Weibchen - sie alle leben streng getrennt voneinander, denn Hummer sind Kannibalen.

In einer der grünen Plastikwannen lebt Charly. Starr sitzt er in einer Ecke. Das etwa 25 Jahre alte Männchen ist eines von nur fünf der Biologischen Anstalt. Charlys Aufgabe ist klar: Er soll Weibchen begatten. Dafür wird eine Hummerdame über Nacht zu ihm gesetzt. Sie sendet Duftstoffe aus, die die Aggressivität des Männchens reduzieren. "Außerhalb der Paarungszeit würden sie sich sofort gegenseitig attackieren", erklärt Franke. Damit Charly nicht zu stürmisch ist und das Weibchen verletzt, sind ihm vorübergehend die Scheren zugebunden. Die BAH besitzt 60 meist trächtige Weibchen, sie haben keine Namen. Viele haben Fischer zwischen ihren Fängen entdeckt und beim Institut abgegeben.

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Hummer können mehr als 50 Jahre alt werden. Als große Räuber haben sie eine wichtige Funktion im Nahrungsnetz: Ihnen schmecken Würmer, Schnecken, Muscheln oder Algen. "Deshalb ist der starke Rückgang der Hummerpopulation nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern auch ein ökologisches Problem für die Lebensgemeinschaft Helgoländer Felssockel", berichtet Franke und öffnet den Deckel einer grünen Box. Er hebt ein etwa 20 Jahre altes Weibchen aus dem Wasser und dreht das zappelnde Tier auf den Rücken. Bei diesem Exemplar kleben mehr als 5000 dunkle Eier am Hinterkörper, die das Tier neun bis elf Monate herumträgt. Im Frühsommer werden daraus die Larven schlüpfen, die in Spezialbecken aufgezogen werden. Als Junghummer werden sie schließlich in einem großen Bassin gehalten, das an einen Setzkasten erinnert.

Wenn die Hummer etwa ein Jahr alt und sechs Zentimeter groß sind, fahren BAH-Mitarbeiter in einer Sommernacht hinaus aufs Meer und setzen die Schalentiere aus. Begleitet werden sie dabei von Besuchern, die für 25 Euro pro Jahr die Patenschaft eines Schützlings übernommen haben und so das Projekt unterstützen. Seit Beginn wurden mehr als 10 000 Hummer markiert und ausgesetzt. Erste Erfolge sind zwar sichtbar, doch für einen echten Effekt ist die Zahl der ausgewilderten Tiere noch viel zu klein. "Wir müssen der Population einen einmaligen, kräftigen Impuls verleihen, um sie über die kritische Schwelle zu bringen", sagt Franke. "Langfristig würde sich der Helgoländer Hummer dann so vermehren, dass es wie früher wieder mehr als eine Million ausgewachsene Exemplare gibt."

Um diese These untermauern zu können, haben die Wissenschaftler mit finanzieller Hilfe des Landes Schleswig-Holsteins jahrelang gezüchtet und geforscht. Sie mussten sichergehen, dass die Umweltbedingungen sich für den Hummer nicht so sehr verschlechtert haben, dass eine Wiederaufstockung der Population aussichtslos wäre. "Die wissenschaftliche Fragestellung ist seit vergangenem Sommer abgeschlossen. Nun würden wir die Ergebnisse gerne umsetzen", sagt der Biologe. "Wir sind auf der Suche nach einem Träger, der ein solch teures Wiederaufstockungsprojekt fördern würde."

Nur wenige Meter von der Zuchthalle entfernt stehen die für Helgoland so typischen bunten Hummerbuden, die an die große Zeit der Hummerfischerei auf Deutschlands einziger Hochseeinsel erinnern. Richard Denker ist einer von noch sechs verbliebenen Fischern. Von ihren Fängen allein können sie aber nicht mehr leben, dafür ist die Ausbeute zu gering. "Derzeit sind es zwei bis drei Hummer pro Tag pro Fischer", sagt Denker. "Wir hoffen sehr, dass es wieder mehr werden." Um 1930 wurden einst Spitzenfänge von 80 000 Hummern pro Jahr gemeldet, damals lebten rund 100 Familien vom Fang der Schalentiere. Seit den 60er-Jahren aber ging es bergab. "Die genaue Ursache kennen wir nicht", sagt Franke. Die Verschmutzung der Nordsee mit Öl oder die Freisetzung von Giftstoffen nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg könnten Gründe sein.

Bislang noch gibt es den Helgoländer Hummer, der zur Art des Europäischen Hummers gehört, in deutschen Gewässern nirgendwo anders als an der roten Felseninsel. Nach den Worten von Franke laufen jedoch Anträge, Exemplare an Windkraftanlagen in anderen Gebieten der Nordsee ansiedeln zu dürfen - etwa vor Borkum. "Im Bereich von Windkraftanlagen werden üblicherweise Steinschüttungen ausgebracht, die hervorragend geeignet sind als Lebensraum für Hummer."

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