Alkoholkonsum

Prost! Der tierische Umgang mit Alkohol

Einige Tiere erweisen sich als äußerst trinkfest: Fruchtfliegen wehren mit Alkohol Parasiten ab, Fledermäuse nehmen ihn mit der Nahrung auf.

Hamburg. Bei wenigen anderen Gelegenheiten im Jahr wird so viel getrunken wie beim Karneval oder in Norddeutschland beim Faslam. Doch wer Alkoholkonsum für eine menschliche Erfindung hält, täuscht sich. Manche Tiere vertragen sogar wesentlich mehr als Homo sapiens.

Einen eher lästigsten Alkohol-Fan kennt jeder Biergartenbesucher, der schon einmal kleine schwarze Insekten aus seinem Glas gefischt hat. Die Fruchtfliegen der Gattung Drosophila scheinen sich von Bier magisch angezogen zu fühlen. Zuerst folgen sie dem Geruch. Sobald sie auf dem Glas gelandet sind, kommt ihr Geschmackssinn zum Einsatz. Erst kürzlich haben Insektenforscher um Anupama Dahanukar von der Universität von Kalifornien (Riverside) einen speziellen Rezeptor entdeckt, der mit Nervenzellen im Mundbereich der Insekten verbunden ist. Er spricht auf die süßlich schmeckende Verbindung Glycerin an, die bei der Gärung entsteht und daher im Bier enthalten ist. Sobald er dem Nervensystem der Tiere diese Substanz meldet, sind die Winzlinge kaum noch zu vertreiben.

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Dabei können sie durchaus betrunken werden. Wenn alkoholselige Insekten beim Fliegen das Gleichgewicht verlieren und unkoordiniert zu Boden trudeln, ist dies ein deutliches Anzeichen für zu viel Promille im Körper. Allerdings haben manche Fliegen stärker mit solchen Ausfällen zu kämpfen als andere. Der Schlüssel für die Trinkfestigkeit liegt offenbar im Erbgut. Dort haben Würzburger Forscher bereits 2005 ein Gen entdeckt, das sie nach dem englischen Wort für einen alkoholbedingten Kater "Hangover" getauft haben. Es sorgt offenbar dafür, dass die Tiere ähnlich wie menschliche Gewohnheitstrinker mit der Zeit größere Alkoholmengen vertragen.

Zum Teil wirkt der Alkohol auch als Medizin: Mit tödlichen Parasiten belastete Larven von Fruchtfliegen fressen alkoholische Nahrung, um ihre inneren Schmarotzer zu bekämpfen. Das hat ein Forscherteam um Todd Schlenke von der Emory University in Atlanta (USA) erkannt und in der aktuellen Ausgabe des Journals "Current Biology" beschrieben. Fliegenlarven, die Eier der Schlupfwespe in sich trugen, hatten unter Alkoholeinfluss höhere Überlebenschancen als ohne. Zudem wurden alkoholisierte Larven von der Wespe seltener zur Eiablage genutzt. Womöglich ist der Gebrauch von Alkohol gegen Parasiten im Tierreich weit verbreitet, mutmaßen die Forscher.

Jedenfalls sind Insekten nicht die einzigen Tiere, die mitunter besoffen durch die Gegend torkeln. Aus England kommen Berichte über halb weggetretene Igel, die mit Bier gefüllte Schneckenfallen ausgetrunken haben. Und der Filmklassiker "Die lustige Welt der Tiere" (1974) zeigte unter anderem Affen, Elefanten und Warzenschweine, die sich an den vergorenen Früchten des Marula-Baums labten und anschließend über die Savanne wankten.

Zumindest was die Elefanten angeht, haben Steve Morris und seine Kollegen von der Universität in Bristol (Großbritannien) dies jedoch ins Reich der Legenden verwiesen. Die Dickhäuter fressen die mirabellengroßen Früchte fast nur frisch vom Baum, auf dem Boden liegendes Obst, das nach wenigen Tagen Gärung tatsächlich rund drei Prozent Alkohol enthalten kann, verschmähen sie meist. Doch selbst ein Elefant, der die Gammelware mag, müsste nach Berechnungen der Forscher das Vierfache einer normalen Tagesration in sich hineinstopfen, um einen merklichen Rausch zu bekommen.

Dennoch fallen im Umkreis von Marula-Bäumen immer wieder torkelnde Elefanten auf. Experten vermuten, dass diese Tiere Rinde von den Stämmen geschält und dabei giftige Käferpuppen mitgefressen haben. Die darin enthaltenen Substanzen scheinen zu bewirken, dass die Dickhäuter vorübergehend ihre Schritte nicht mehr richtig kontrollieren können.

Im Regenwald von Malaysia werden sogar Alkoholika an die Tierwelt ausgeschenkt. Regelrechte Trinkhallen haben Frank Wiens und Annette Zitzmann von der Universität Bayreuth entdeckt, als sie die Blüten der Bertam-Palme Eugeissona tristis untersuchten. "Diese Palme braut ihr eigenes Bier", erläutert Wiens. Ihre Knospen produzieren reichlich Nektar, der von verschiedenen Hefearten vergoren wird und dann bis zu 3,8 Prozent Alkohol enthält. Dieser Wert ist einer der höchsten, die jemals in einem natürlichen Nahrungsmittel gefunden wurden, und durchaus vergleichbar mit Bier aus menschlicher Produktion.

Den deutlichen Alkoholgeruch, der um die Blüten wabert, finden etliche Säugetiere offenbar sehr reizvoll. Sieben Arten haben die Forscher als regelmäßige Gäste in der Palmenbrauerei identifiziert. Zu ihnen zählt das Federschwanz-Spitzhörnchen Ptilocercus lowii. In den Haaren der Tiere fand sich die beim Alkoholabbau entstehende Verbindung Ethylglucuronid in solchen Mengen, dass man beim Menschen einen lebensbedrohlichen Alkoholismus diagnostizieren würde.

Auch manche Fledermäuse, die sich von Nektar oder Früchten ernähren, haben gegen einen Hauch Alkohol nichts einzuwenden. Beim Nilflughund Rousettus aegyptiacus wirken geringe Konzentrationen sogar appetitanregend. Allerdings sind die Flattertiere offenbar bemüht, sich keinen ernsthaften Rausch anzufressen: Futter, das mehr als ein Prozent Alkohol enthält, verschmähen sie meist. Wenn sie besonders hungrig sind, werfen sie solche Bedenken allerdings oft über Bord - und müssen dann die Konsequenzen tragen: Beobachtungen von Forschern der Ben-Gurion-Universität (Israel) lassen keinen Zweifel daran, dass es mit den Flugkünsten betrunkener Nilflughunde nicht mehr weit her ist.

Andere Fledermäuse sind trinkfester. In Belize haben kanadische Biologen sechs verschiedene frucht- und nektarfressende Arten gefangen. Ein Teil der Tiere bekam reines Zuckerwasser serviert, der Rest den gleichen Drink mit Alkohol versetzt. Die Alkoholtrinker nahmen von dem Cocktail so viel zu sich, dass ihr Blutalkoholgehalt auf 1,1 Promille anstieg - bei einem Menschen wäre der Führerschein da längst weg.

Doch die alkoholisierten Fledermäuse überraschten die Forscher. "Sie fingen zum Beispiel nicht an zu lallen, wie wir erwartet hatten", berichtet Dara Orbach in der Fachzeitschrift "Bats". Die Ultraschall-Rufe, mit denen die Tiere ihre Beute oder Hindernisse orten, klangen wie die der nüchternen Artgenossen. Und auch beim Fliegen durch einen Hindernisparcours schlugen sich die geflügelten Trinker erstaunlich gut. Orbach: "Der Alkohol beeinflusste weder ihre Manövrierfähigkeit noch ihre Bereitschaft zu fliegen oder die Zeit, die sie für den Parcours brauchten."

Die Forscher vermuten, dass sich gerade in den Tropen besonders viele trinkfeste Fledermausarten entwickelt haben. Schließlich lässt das heiße Klima Früchte und Nektar besonders schnell gären, sodass Alkohol für die dortigen Flattertiere zum Alltag gehören dürfte. Stundenlang hilflos betrunken herumzuhängen können sie sich angesichts der überall lauernden Feinde aber nicht leisten.

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