Bevölkerungsentwicklung: Es fehlen bereits fast 100 Millionen

In Asien werden die Mädchen knapp

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Viele werden gezielt abgetrieben. Der Jungenüberschuss hat gravierende Folgen - von der Wirtschaft bis zur Partnerwahl.

Hamburg. Sind Jungen mehr wert als Mädchen? Im Denken von Millionen Eltern auf der Welt sind sie das. „Ein Mädchen aufziehen, heißt das Feld eines anderen bestellen“, besagt ein altes chinesisches Sprichwort, in Indien heißt es „den Garten seines Nachbarn gießen“. Ein Sohn verkörpert die Fortsetzung des Familiennamens, das Mädchen verlässt bei der Heirat das Haus.

Solche Haltungen sind Jahrhunderte alt. Aber sie haben auch eine dramatische Aktualität: Weil Mädchen Kinder zweiter Klasse sind, fehlen einer neuen UN-Studie zufolge in Asien heute schon 96 Millionen Frauen.

Die traditionelle Bevorzugung von Jungen hat in Verbindung mit der modernen Pränataldiagnostik zu einem massiven Ungleichgewicht der Geschlechter geführt, sagte Anuradha Rajivan, die Hauptautorin des Berichts des Entwicklungsprogramms UNDP. Mädchen werden als Föten abgetrieben, als Neugeborene getötet, als Kinder schlechter versorgt als Jungen. Die Mädchen- und Frauensterblichkeit ist weit höher, als sie sein dürfte.

Die weltweit größte Geschlechter-Schere klafft in den Ländern Ost- und Südasiens. Auf 100 geborene Mädchen kommen 119 Jungen, im internationalen Schnitt sind es 100 zu 107. Das größte Defizit besteht in China und Indien, denen zusammen 85 Millionen Mädchen fehlen, gefolgt von Pakistan mit 6.1 Millionen.

Als „natürliches“ Verhältnis bei den Geburten gilt: 100 Mädchen pro 105 bis 107 Jungen. Diese Zahl ist in Gesellschaften ohne krasse Diskriminierung überaus stabil – etwa in Deutschland, Russland, den USA, aber auch in Nigeria, Jordanien oder Chile. Wegen der höheren Sterblichkeit im Lebensverlauf von Jungen gleicht sich das leichte Ungleichgewicht später wieder aus.

Anfang der 1980er Jahre lag der Jungenanteil der Neugeborenen auch in China, Indien, Taiwan und Südkorea noch im Normbereich. Aber dieses Verhältnis hat sich seit einem Vierteljahrhundert deutlich verschoben, wie die UN-Statistiken ausweisen. In China wurden zwischen 1985 und 1989 pro 100 Mädchen schon 108 Jungen geboren, in den Jahrgängen 2000 bis 2004 sogar 124 Jungen. Heute sind es 123, wie die chinesische Nationalakademie für Sozialwissenschaften (CASS) im Januar mitteilte.

In Taiwan kletterte der Jungenüberschuss seit den 1980er Jahren auf heute 109, in Indien auf 119, in jeder zweiten vietnamesischen Provinz auf 110. Solche Steigerungen sind mit natürlichen Faktoren, ohne menschliches Eingreifen, nicht zu erklären.

Der erste, der auf die heraufziehende Disparität hinwies, war 1990 der Wohlstandsforscher und Wirtschafts-Nobelpreisträger Amartya Sen. Weil Frauen in allen Lebensbelangen systematisch vernachlässigt würden, „gibt es an die hundert Millionen Frauen gar nicht erst“, schrieb er. Und warnte davor, die Aussonderung von Mädchen mit „Armut“ und „Rückständigkeit“ zu erklären. Das Einzige, worin er falsch lag, war die damals zu hohe Zahl 100 Millionen – sie ist erst heute fast erreicht. Aber er prägte den Forschungsbegriff „Missing Women“ – fehlende oder vermisste Frauen.

Warum hält sich die Mädchenfeindlichkeit so hartnäckig? Was bringt Eltern dazu, weiblichen Nachwuchs zu vermeiden oder sogar zu beseitigen? Der Mädchenmangel, sagt der amerikanische Demograf Nick Eberstadt vom „American Enterprise Institute“, ist Ergebnis eines „fatalen Zusammentreffens von überkommener Söhne-Präferenz, schnell verbreiteter Pränatal-Diagnostik und sinkender Fruchtbarkeit“.

Die Bevorzugung von Söhnen hat eine alte Tradition in Asien. „In China, Taiwan und Südkorea ist das Fehlen eines männlichen Erben gleichbedeutend mit dem Ende des Familienstammbaums und der Verehrung der Ahnen“, schreibt die französische Bevölkerungsforscherin und Sinologin Isabelle Attaneì. Ein weit verbreiteter Hindu-Ritus verlangt, dass der Sohn das Bestattungsfeuer für die Eltern entfacht und ihre Köpfe mit Wasser besprengt, damit ihre Seelen den Körper verlassen können. Auch der Buddhismus und die konfuzianischen Wertvorstellungen geben männlichen Nachkommen den Vorzug.

Eine Tochter dagegen ist eine ökonomische Last, wenn sie ohnehin in die Familie ihres Mannes wechselt und dafür eine Mitgift braucht. Dazu gehören in Indien heute auch Kühlschränke, HiFi-Geräte und Schmuck für die Schwiegerfamilie. Zwar sind Mitgiftzahlungen seit 1961 offiziell verboten, aber die Hochzeit einer Tochter ist für viele Familien ein ruinöser Kostenfaktor.

Familienplanung hat den Druck noch verstärkt. Die Kinderzahl je Frau sank in China von fünf (70er Jahre) auf heute weniger als zwei, in Indien auf weniger als drei, in Südkorea und Taiwan auf nur 1,2, in Vietnam auf 1,89. Was tun, wenn nur wenige Kinder politisch erlaubt oder finanzierbar sind? Dann soll schon das erste möglichst ein Sohn sein.

In den 80er Jahren gaben Ultraschall und Amniozentese (Fruchtwasseruntersuchung) den Eltern Mittel in die Hand, das Geschlecht des Nachwuchses zu steuern. Paradox: Was als Schutzmaßnahme für Schwangere und Ungeborene gedacht war, entwickelte sich zum Selektionsinstrument.

Gerade in Ländern mit einer autoritären Geburtenkontrolle wie China, Vietnam und auch Indien ist Abtreibung zu einem lukrativen Geschäft geworden. „Zahle heute 5000 Rupien (ca. 100 Euro) und spare morgen 50.000 Rupies“ (für die Mitgift), lautete ein Werbeslogan indischer Gynäkologen.

Amartya Sen hat recht behalten: Die Aussonderung von Mädchen endet gerade nicht mit der Unterentwicklung eines Landes. „In Indien wird die pränatale Selektion vor allem von den wohlhabenden und aufstrebenden, gebildeten Schichten praktiziert“, beobachtete die Demografin Attaneì. „In China sind es vor allem junge Akademikerinnen in den großen Städten, die selektiv Geburtenplanung betreiben.“

Die Regierungen versuchen, gegenzusteuern. Vietnam hat gerade seine strikte Zwei-Kind-Politik gelockert, um dem Mädchenmangel entgegenzuwirken. In China verbieten es mehrere Gesetze seit den 90er Jahren, Mädchen zu diskriminieren und pränatal auszusondern. 2004 sollten neue Aufklärungsprogramme bewirken, die Geburtenkluft „bis 2010 zu normalisieren“. Das misslang.

Auch in Indien sind selektive Abtreibungen längst verboten, seit 1994 ist es Medizinern und Kliniken sogar gesetzlich untersagt, Eltern über das Geschlecht des Fötus zu informieren. Abgetrieben wird trotzdem.

In zehn Jahren wird einer von fünf jungen Chinesen keine Partnerin mehr finden, kündigte die chinesische Nationalakademie für Sozialwissenschaften an. Schon jetzt blüht der transnationale Frauenhandel im Land. In Indien beginnen Junggesellen, Bräute aus anderen, ärmeren Bundesstaaten abzuwerben, auch wenn deren Mitgift gering ist.

Bisher kannte die Geschichte Männermangel nur nach großen Kriegen und Frauenmangel infolge von Frauenraub. Dass er bewusst schon bei der Familienplanung herbeigeführt wird, ist absolut neu. „Der rapide gesellschaftliche Wandel in diesen Ländern führt zu einer Kollision mit alten Werten, die die Vormachtstellung der Männer sicherten“, sagt Steffen Kröhnert vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. „Aber diese Wertvorstellungen werden nicht so bleiben, wie sie sind.“

Es müsse nicht zwingend so sein, dass der Überschuss frustrierter junger Männer in Asien zu einer Radikalisierung oder gewaltsamen Konflikten führt. „Das könnte in Gesellschaften passieren, die ihnen nicht genügend Positionen und Perspektiven bieten. Aber das ist in China, Indien und Taiwan nicht der Fall.“ Die Partnerinnensuche aber werde härter: „Die Alphatierchen werden die Frauen kriegen. Viele der weniger aktiven, nicht so Selbstbewussten werden allein bleiben.“

Die Präferenz für Söhne führe zum Gegenteil dessen, was sie erreichen sollte, sagt Ute Stallmeister von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung: „Frauen sollen alte Eltern umsorgen, Kinder großziehen, Nachbarschaftsnetzwerke pflegen und mitarbeiten. Diese Familienversorgung wird nicht mehr gewährleistet sein. Der soziale Zusammenhalt in der Gesellschaft leidet.“

Wird durch solche Erfahrungen die Wertschätzung von Frauen steigen? „Vielleicht steigt der Wert der Ware Frau“, sagt Stallmeister. „Aber damit ist noch nicht gesagt, dass die Frau mit eigenen Rechten und eigenen Entscheidungen respektiert wird.“

Der UN-Report fordert die Regierungen auf, nicht nur Mädchenbildung und Gesundheitsversorgung zu verbessern. Für Frauen sollten Jobs geschaffen werden, die sie unabhängiger vom Druck des Mannes und der Familie machen. Wenigstens dieser Report spricht aus, worüber die Regierungen in Asien gerne schweigen: Es geht um die elementarsten Menschenrechte. Um das Recht auf Leben für Kinder, auch wenn sie Mädchen sind.