Hirnforschung

Pommes und Currywurst machen süchtig

Foto: Michael Rauhe

Beim Genuß kann das Gleichgewicht der Hormone außer Kontrolle geraten. Dicke müssen mehr essen, um ein Glücksgefühl zu erzielen.

Hamburg. Wer sich hemmungslos mit fetter Wurst, Pommes frites oder Kuchen vollstopft, kann nach Erkenntnis von US-Forschern genauso abhängig werden wie ein Drogensüchtiger. Die Fettsucht ist danach die Folge von komplizierten Abläufen im Gehirn.

Denn das Hirn spielt Fettleibigen, die den Konsum von kalorienreichem, ungesundem Essen nicht lassen können, den gleichen Streich wie Rauchern, Sex-, Heroin- und Kokainsüchtigen, berichten Paul J. Kenny und Paul M. Johnson in der heutigen Ausgabe des Fachjournals "Nature Neuroscience".

Das Team vom Scripps Research Institute aus La Jolla (US-Bundesstaat Kalifornien) wies im Versuch mit Ratten nach, dass Junkfood das chemische Gleichgewicht im Hirn ähnlich aushebeln kann wie jedes andere Suchtmittel. Betroffen ist das "Reward System", das ein Wohlgefühl auslöst und Mensch wie Tier vorübergehend befriedigt. Doch ebenso wie Drogensüchtigen spielt das System auch den Dicken einen Streich: Je mehr sie zulangen, desto mehr Nachschub verlangt das Gehirn, um das gleiche Glücksgefühl wie beim letzten Mal zu erzeugen.

Laut Kenny "verloren die Ratten im Verlauf der Studie komplett die Kontrolle über ihr Essverhalten" - das Hauptmerkmal für Sucht. "Sie ließen selbst dann nicht von ihrem Verhalten ab, wenn sie mit Elektroschocks rechnen mussten. Das zeigt, wie wichtig ihnen das Schlemmen war." Das Forscherteam fütterte die Nager mit allem, was auch für Menschen verlockend ist: Würstchen, Schinkenspeck und Käsekuchen.

Kaum hatte das Experiment begonnen, legten die Ratten auch schon an Gewicht zu. Als ihnen das fette Essen gestrichen und stattdessen Salat und Gemüse vorgesetzt wurde, verweigerten sie die Nahrung und hungerten lieber. "Wenn das Tier die Hirnzentren fürs Wohlbefinden mit dem schmackhaften Essen überreizt, passt sich das System an und schraubt seine Aktivität zurück. Das heißt, das Hirn muss ständig mit weiterer Zufuhr (von Junkfood) stimuliert werden, um nicht in einen Dauerzustand negativen Befindens zu verfallen", so Kenny. Molekulare Studien bestätigten dies. Das Scripps-Team konzentrierte sich dabei auf den Rezeptor, an den der Botenstoff Dopamin andockt.

Dopamin wird vom Hirn als Reaktion auf Reize wie Sex, Schlemmen und Drogengenuss ausgeschüttet. So ist der Rezeptor (D2) seit Längerem für seinen Einfluss auf Sex- und Drogensucht bekannt. Tatsächlich sprach D2 auch auf den Genuss von reichlich Junkfood an. Um die Flut von Dopamin besser verarbeiten zu können, schaltete D2 sozusagen einen Gang nach dem anderen zurück. Demzufolge benötigte der Rezeptor immer mehr - vom Schlemmergenuss ausgelöstes - Dopamin, um in Aktion zu treten und Wohlgefühl auszulösen. Der gleiche Vorgang tritt bei anderen Suchtmitteln ein.