Galápagos: Touristen schleppen neue Arten ein

Naturfreunde bedrohen Darwins "Arche Noah"

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150 000 Gäste landen jährlich auf dem Archipel. Mit an Bord von Flugzeugen sind Tiere und Pflanzen, die den Galapagos-Arten gefährlich werden.

Regungslos wärmt sich die mehr als einen Meter lange, grün-rote Meerechse in der Tropensonne. Sie sitzt ein paar Meter vom Strand einer der Galápagos-Inseln entfernt auf einem schwarzen Lavafelsen. Ein paar Schritte weiter tanzt ein Paar Blaufußtölpel sein Balzritual. Die Seelöwen dösen am Strand und blicken kaum auf, als aus einem Boot eine Gruppe von Menschen durch das flache Wasser an Land planscht. Furcht zeigt keines der Tiere, weshalb auch? Feinde gibt es im Meer oder in der Luft, an Land greift sie niemand an. Die Menschen sind nur mit Kameras und Sonnenbrillen bewaffnet - aber es werden immer mehr.

Seit Charles Darwin anno 1835 auf den Galápagos wichtige Anstöße für seine vor 150 Jahren veröffentlichte Evolutionstheorie fand, scheint sich an den paradiesischen Zuständen auf dem Archipel wenig geändert zu haben. Doch während sich zu Darwins Zeiten kaum Menschen auf die etwa tausend Kilometer vor der südamerikanischen Pazifikküste liegenden Inseln verirrten, folgen heute jedes Jahr mehr als 100 000 Naturreisende den Spuren Darwins. Der Tourismusboom könnte die Lebensgrundlagen der Arten zerstören, über deren Entstehung Charles Darwin berichtete. Wie dies geschieht, weiß Christof Schenck recht gut.

Der Biologe ist Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die die Charles-Darwin-Stiftung auf den "Verzauberten Inseln" massiv unterstützt. Den Namen hatte der Archipel ursprünglich erhalten, weil er fernab der üblichen Schiffsrouten lag und aufgrund starker Strömungen schwer zu erreichen war. "Die Unzugänglichkeit war ein Grund, weshalb Charles Darwin dort eine Natur praktisch im Urzustand vorfand", sagt Schenck. Der Archipel blieb dünn besiedelt. Heute leben auf den Inseln, die mit 8000 Quadratkilometern die Hälfte der Fläche Schleswig-Holsteins haben, nur 30 000 Menschen. Viele Naturschützer nennen den Archipel "Arche Noah im Pazifik". Zum 100. Geburtstag der Evolutionstheorie spendierte die Regierung Ecuadors den Inseln 1959 einen Nationalpark, der seit 1968 mit 97 Prozent der Landflächen einen umfassenden Schutz bietet.

Gerade auf kleineren Inseln liegen die Lebensgrundlagen vieler Arten jedoch im Wasser. Die Meerechsen sonnen sich auf den Lavafelsen, um anschließend im mit rund 20 Grad Celsius erstaunlich kühlen Wasser die Algenteppiche abzuweiden. Auch die Blaufußtölpel und Seelöwen jagen im Meer. Um auch diese Lebensbasis zu schützen, richtete die Regierung 1996 zwischen den Inseln ein riesiges Meeresreservat ein.

Anschließend folgte eine Auseinandersetzung mit den Fischern, die den Archipel für sich entdeckt hatten. "Wir haben in dieser Zeit den Tourismus-Boom weitgehend übersehen", erinnert sich der Biologe. Für Naturbegeisterte waren die Galápagos-Inseln längst ein Traumziel. Dort konnten sie exotische Tiere hautnah beobachten. Gleichzeitig lockte der Archipel als Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte. Zählten die Behörden 1990 noch 40 000 Touristen, waren es 2006 bereits 145 000.

Die massive Zunahme schürt nun die Sorge um Darwins "Erbe". Zwar müssen die Besucher auf zugelassenen Wegen bleiben, so Schenck. Probleme machten aber die Bedürfnisse der Gäste: "Die meisten Nahrungsmittel, jede Flasche Bier, Sonnencreme oder Toilettenpapier müssen vom Festland hergebracht werden." Der Boom lockt zudem Ecuadorianer vom Festland auf die Inseln. Längst sind sie die reichste Provinz des Landes und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Mehr als 400 Millionen US-Dollar (278 Mio. Euro) Umsatz bringt der Tourismus pro Jahr. Damit boomt auch der Verkehr zwischen dem Festland und den Inseln.

Mit jedem Versorgungsschiff, jedem Passagierflug wächst die Umweltverschmutzung. 2001 sank der Tanker "Jessica" mit 900 Tonnen Benzin, 600 Tonnen Diesel und 300 Tonnen Schweröl zwischen den Inseln und verursachte eine Ölpest, die ungezählte Tiere tötete. Als Konsequenz soll der Archipel komplett auf erneuerbare Energiequellen umstellen. Die größte Transportgefahr aber bleibt ungelöst: Schiffe und Flugzeuge können Organismen an Bord haben, die nicht auf die Inseln gehören: Samen, Insekten und kleine Reptilien. Die Neuankömmlinge können auf den von Natur aus isolierten Inseln Flora und Fauna völlig umkrempeln.

Neben den 500 einheimischen Pflanzenarten hatten sich bis zur Jahrtausendwende bereits 748 fremde Pflanzenspezies breitgemacht. Die Neuankömmlinge verdrängen oft die Alteingesessenen, möglicherweise Pflanzen, auf die eine Tierart als Nahrung angewiesen ist. So verschwinden gleich mehrere Spezies. Die mit den Touristen eingeschleppten Fremdlinge sind schon heute für das Ökosystem so gefährlich, dass die ZGF einen großen Teil ihrer Hilfsgelder in die Bekämpfung dieser invasiven Arten steckt.

Zwei Maßnahmen können gegen solche Invasoren helfen. Zum einen muss rigoros auf potenzielle Eindringlinge kontrolliert werden, etwa indem Schuhsohlen und Gepäck inspiziert werden. Zudem sollten die Galápagos-Inseln eher auf hochpreisigen Qualitätstourismus setzen, so Christof Schenck. Dann würden viel weniger Touristen die gleichen Dollarmengen wie beim Massentourismus bringen. Weniger Reisende verringern das Risiko von blinden Passagieren, die dem "Schaukasten der Evolution" zusetzen. Mit diesem Begriff hatte die Unesco die Galápagos-Inseln 1978 zum allerersten Welterbe der Menschheit ernannt. Damals ahnte niemand, dass dies einen Touristenboom beflügeln würde, der Darwins Erbe heute gefährdet.