Alltagslärm

Na, hören Sie mal - vor allem zur stillen Nacht!

Sind wir noch fähig, dem Wohlklang des Lautlosen zu lauschen? Ein Essay über alltäglichen Akustikmüll - und wie wir ihm entkommen können.

Stille Nacht. Eine Zeit, die einzigartig ist im Auf und Ab des Jahres. Wer kann, verbringt die Weihnachtstage mit denen, die ihm nahe sind, der Familie oder auch einem verschworenen Kreis von Freunden. Die Sehnsucht nach Wärme und Zugehörigkeit sitzt tief. Selbst den reichen alten Scrooge aus Charles Dickens' "Weihnachtsgeschichte" ergreift sie, wie er nachts im Schnee durch London läuft und hinter den Fenstern die armen Familien feiern sieht, die er sonst so hartherzig behandelt.

Die Stille Nacht ist uns nicht nur aus religiösen Gründen heilig. Einmal im Jahr geben wir dem Bedürfnis nach einem Innehalten kollektiv nach. Und wenn nicht gerade die Fetzen fliegen, weil bei der ungewohnten Ballung von Familienmitgliedern die alten Konflikte nun mal gerne unterm Teppich hervorlugen - wenn es also friedlich zugeht, dann stehen die Chancen für diese weihnachtliche Stille gar nicht so schlecht: In vielen Häusern bleibt der CD-Spieler aus. Stattdessen singen wir selbst "O du fröhliche", flöten die Enkel Hirtenlieder, oder die Weihnachtsgeschichte wird vorgelesen. Und wir hören zu, bewusst und mit Muße. Weihnachten ist ein Fest für die Sinne.

Auch für unser Gehör ist das ein glücklicher Moment. "Hören braucht Aufmerksamkeit", bestätigt Christoph von Dohnányi, der Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters. Das genaue Hören ist gewissermaßen sein Beruf. "Es beginnt aus der Stille heraus. Ohne Stille gibt es keinen Klang." Dohnányi bereitet noch die lauteste Bruckner-Sinfonie am Schreibtisch vor, ohne Klavier. "Um die Musik im Kopf zu hören, brauche ich Ruhe, fragen Sie mal meine Familie!", sagt der mehrfache Großvater und lacht. "Und das gilt selbstverständlich auch für Komponisten."

Dass Dohnányi seinem Bedürfnis nach Stille nachkommt, sollte selbstverständlich sein. Tatsächlich aber ist Stille nur wenigen vergönnt. Im Alltag wird es immer schwieriger, sich der akustischen Umweltverschmutzung zu entziehen. Allenthalben wummert, fiept und säuselt es. Das Grundrauschen einer Stadt, in dem sich Martinshörner und Lautsprechergequake mischen, Kaufhausmusik, Autolärm und elektronische Quittungstöne, nehmen wir schon nicht mehr wahr. Viele fliehen die Stille geradezu: Ungefähr jeder zweite S-Bahn-Passagier trägt sein akustisches Schneckenhaus in Form eines iPods mit sich herum. Er hört nichts mehr von seiner Umwelt, die aber hört ihn umso besser: Das Restzirpen, das aus den weißen Ohrstöpseln dringt, füllt mühelos ganze Waggons und kann unverkabelte Zeitgenossen mit seinem monotonen Rhythmus zur Verzweiflung bringen. Gegen akustische Belästigungen sind wir wehrlos, da kochen die Aggressionen schnell hoch.

"Wir sind umgeben von plärrenden, digitalen, zerhackten Geräuschen. Viele Menschen haben kein Gefühl mehr für Klang", sagt Niels Graf von Waldersee, der am Gänsemarkt eine Facharztpraxis für Stimm-, Sprech-, Sprachstörungen und kindliche Hörstörungen betreibt. "Es ist doch kein Wunder, wenn sich der Radau des Alltags und all das Zugetexte im Kopf zu einem Tinitus verselbstständigen! Die Leute können das irgendwann buchstäblich nicht mehr hören. Hörsturz und Ohrgeräusch sind die Gesellschaftskrankheiten unserer Zeit."

Das Ohr hat kaum Lobby; Waldersee gehört zu seinen wenigen Fürsprechern. Das Hören als sinnliches, bewusstes Erleben ist auf dem Rückzug. Das kann man als Luxusproblem einer kulturbeflissenen Elite ansehen oder für einen rein ästhetischen Verlust halten. Aber es ist weit mehr als einfach nur bedauerlich. Wer nicht zuhören kann, der nimmt sich und andere nur eingeschränkt wahr. Das wirkt sich auf die eigene Persönlichkeit aus, auf die Verständigung mit der Umwelt und auf die Dauer auch gesamtgesellschaftlich.

Das Gehör spielt eine weit größere Rolle in unserem Leben, als den meisten bewusst ist. Wir erkennen an Stimmklang und Sprachmelodie eines vertrauten Menschen, wie es ihm geht; Mütter reagieren auf jede Veränderung im Atem ihrer Babys. Unsere eigene Lieblingsmusik bereitet uns wohlige Gänsehaut, die des Nachbarn dagegen schon mal Mordgelüste, denn was dem einen Heavy Metal, ist dem anderen ein Renaissancelied. Menschen mit absolutem Gehör leiden, wenn das Quietschen der Straßenbahn in der Tonhöhe nicht zur Beethoven-Sinfonie passt, die sich gerade im CD-Spieler dreht. Im Übrigen ist es mit der Lärmempfindlichkeit so eine Sache: Solange es nicht gerade um eine Feuerwehrsirene geht, ist es höchst subjektiv, ob wir einen Laut als Wohlklang oder als quälenden Krach empfinden.

Gerade auf Musik reagieren wir unwillkürlich mit dem ganzen Körper: Der Fuß wippt mit, das Herz schlägt schneller, unversehens haben wir Tränen in den Augen. "Gehörtes wirkt viel direkter auf unsere Gefühle als Gesehenes", sagt Reinhard Kopiez, Professor für Musikpsychologie an der Hannoveraner Musikhochschule. "Noch bevor das Großhirn die Hörreize bewertet, landen sie nämlich im Mittelhirnbereich, der für Gefühle zuständig ist. Deshalb kann uns Musik ähnliche Lust bereiten wie Sex oder Drogenkonsum."

Akustische Reize werden mit gutem Grund besonders schnell verarbeitet: Das Gehör hat eine Wächterfunktion seit den Zeiten, als unsere Vorfahren ständig mit dem Besuch eines Säbelzahntigers am heimischen Lagerfeuer rechnen mussten. Deshalb können wir es nicht abschalten, und deshalb registrieren wir auf spitze und grelle Laute besonders aufmerksam: Plötzliche Veränderungen in dem Geräuschcocktail, der uns nahezu immer umgibt, deuten auf eine rasche Bewegung hin, also auf Gefahr - im Gegensatz zu gleichmäßigen Geräuschen wie dem Plätschern eines Brunnens.

Es ist also ziemlich vernünftig vom Gehirn, nicht auf alle Informationen hochsensibel zu reagieren, sondern sie in wichtige und unwichtige zu unterteilen. Täte es das nicht, würden wir in der Flut der Alltagsreize verrückt. Damit das Gehirn die Reize zu etwas Sinnvollem macht, braucht es eine gewisse Aufmerksamkeit. Wahrnehmendes Hören ist ein aktiver Vorgang. Reinhard Kopiez formuliert es so: "Erst im Kopf wird aus Tönen Musik."

Nehmen die Reize aber Überhand, dann stumpfen die Sinne ab. Besonders gravierend ist das bei Kindern. Statt beim Versteckspielen herauszufinden, welche Treppenstufe beim Drauftreten wo knarrt und wie der alte Vorhang riecht, in den man sich so trefflich einwickeln kann, statt auf Bäume zu klettern und sich an Nachbars Zaun die Hose aufzureißen, verbringen schon Grundschulkinder Stunden vor dem Bildschirm. "Sie entwickeln eine Plastikidentität!" erregt sich der Hörspezialist Waldersee. "Sie werden bewegungsfaul und übergewichtig, sie konsumieren Gefühle, die sie gar nicht fühlen, und sind mit der Bilderflut überfordert. Der Computer oder Fernseher dröhnt sie mit der schrecklichsten Musikuntermalung zu. Aber sie wissen nicht, wie es klingt, wenn man mit dem Finger über eine Baumrinde fährt oder wenn ein Frosch ins Wasser plumpst."

Das Hören hat sich verändert in den Jahrtausenden, seit der Mensch die ersten Weisen sang und auf Knochenflöten pfiff. Wo heute das Radio dudelt, sang man früher gemeinsam beim Zimmern, Rudern oder auf dem Feld. Und Naturvölker setzten nicht Satellitenfunk, sondern Trommeln zur Fernverständigung ein.

Den Entwicklungssprung der Technologie hat die Umwelt akustisch mitvollzogen. Unser Alltag ist von Flachbildschirmen dominiert, von schnellgeschnittenen Videoclips und Internetzugang in nahezu jeder Lebenslage. Das Sichtbare, jederzeit auf Knopfdruck verfügbar, beherrscht unser Erleben und prägt auch das Kunstschaffen. Findige Veranstalter nehmen multimediale Konzertformen ins Programm und kombinieren Musik mit Bildprojektionen oder ganzen Filmen. Szenische Aufführungen von Oratorien haben sowieso Konjunktur. "Gleichzeitig zu sehen und zu hören entspannt die Aufnahmebereitschaft der Menschen. Niemand stört sich zum Beispiel an noch so moderner Musik bei Ballettaufführungen oder Film", sagt Christoph von Dohnányi. "Aber wer nichts sieht und sich nicht bewegt, hört intensiver. Es ist durchaus kein Manierismus, wenn Solisten oder Dirigenten mit geschlossenen Augen musizieren."

Für Françoise Fahning ist diese Sensitivität unverzichtbar. Die 41-Jährige aus Iserbrook ist Diabetikerin und seit über 20 Jahren blind. "Das Aussehen meiner Schwestern erinnere ich noch", erzählt sie. "Aber bei ihren Kindern und meinem Mann ersetzen mir die Stimmen die Gesichter. Stimmen sind unverwechselbar." Fahning arbeitet als kaufmännische Angestellte; ihre Kolleginnen sind oft überrascht davon, was sie alles mitbekommt: "Ich kann am Gang unterscheiden, wer gerade durchs Büro läuft." Gegenstände erkennt sie daran, wie sich die Geräuschkulisse verändert, wenn sie sich ihnen nähert. "Die wird dann dumpfer. Das klingt, als ob der Gegenstand in ein dickes Tuch eingepackt wäre", erklärt sie. "Das hört jeder! Aber ein Sehender achtet nicht darauf."

Zumindest nicht, wenn er nicht lauscht. Mit diesem Verb bezeichnet die Musikdramaturgin Ingrid Allwardt das gerichtete Hören. Allwardt hat sich der Hörvermittlung verschrieben; an der HafenCity-Universität lehrt sie "Die Kunst des Hörens" im Rahmen eines Studium fundamentale. Die lernen etwa bei einem Gang durch die Musikgeschichte, dass barocke Schnörkel nicht nur aus Stein, Holz oder Gips sein können, sondern auch aus Tönen. "Städteplaner und Architekten sind visuell orientiert", sagt Allwardt. "Ich will die Studenten darauf aufmerksam machen, dass sie die Umwelt auch akustisch gestalten können." Und müssen, möchte man anfügen - man braucht nur einmal in einem überakustischen Saal zu sitzen oder die vielspurige Willy-Brandt-Straße entlangzugehen, um am eigenen Leibe zu erfahren, welchen Einfluss Architektur und Städtebau auf unser Hören und damit auf unsere Lebensqualität haben.

"Ohren können manches, was Augen nicht können", sagt Allwardt. "Man kann hören, was um die Ecke ist oder hinter einem, sehen kann man es nicht." Mit Bedacht bringt sie den Studenten musikalische Intervalle nahe: "Hören ist ein Teil der Kommunikation nicht nur mit anderen, sondern auch mit sich selbst. Wer in sich eine Dissonanz erst einmal wahrnimmt, der kann sich bewusst entscheiden, ob er sie auflösen oder ertragen will."

Die Studenten erarbeiten akustische Visitenkarten und sammeln Alltagslaute auf Klangspaziergängen: vom Gummireifen auf Kopfsteinpflaster über im Wind schlagende Leinen am Fahnenmast bis zum immer gleichen Ächzen der Cafeteriatür. Oder sie machen ein fünfminütiges Kondensat aus ihrem Tagesablauf, beim Zähneputzen angefangen: "Die bewusste Wahrnehmung fängt schon mit der Auswahl der Geräusche an."

Wie man im Alltag das bewusste Hören fördern kann, dazu fällt Niels Graf von Waldersee eine Menge an Ratschlägen ein: "Man kann beim Dauerlauf dem Wald oder der Elbe zuhören. Bevor man das Radio einschaltet, kann man sich überlegen, welche Sendung man wirklich hören will. Oder man kann, statt Musik zu konsumieren, selber spielen oder singen. Die Stimme hat man ja immer dabei."

Diese einfachen Dinge zu beherzigen, ist für manchen eine echte Herausforderung. Wer seine Ohren freilässt, der hört auch sein Inneres, und da tut sich womöglich der eine oder andere Abgrund auf. Welches unspektakuläre Glück es aber stiftet, sich über die eigenen Sinne mit der Welt zu verbinden, das lässt sich schlecht beschreiben. Das kann man nur selbst herausfinden. Auch in diesem Sinne ist die Stille Nacht ein Geschenk. Das Bewusstsein dafür aber kann ruhig länger andauern, als der Weihnachtsbaum im Zimmer steht.