Einfluss der Entwicklungsgeschichte auf den Organismus

Biologie: Evolution als Krankheitsursache

Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Schlaganfall, Krampfadern entstehen vor allem, weil die Menschen des 21. Jahrhunderts in Körpern leben, die vom Jagen und Sammeln in den Savannen der Steinzeit geprägt wurden.

Lautlos vollzieht sich in der Medizin eine Revolution. "Wir haben zunächst nur die Erscheinung des Menschen betrachtet, dann konnten wir molekularbiologische Analysen vornehmen, und nun untersuchen wir auch die Geschichte der Gene, um zu verstehen, warum wir krank werden, wie wir gesund bleiben können", sagt Professor Detlev Ganten, bis vor Kurzem Chef der Charité und nun Vorsitzender des Stiftungsrates. Er gehört zu der (noch) kleinen Gruppe von Medizinern, die weltweit die evolutionären Ursachen von Krankheiten erforschen.

Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Schlaganfall, Krampfadern - praktisch alle Krankheiten, an denen wir heute leiden, haben eine historische Komponente. Die evolutionäre Medizin wendet die Erkenntnis der Evolutionsbiologie an, dass alle Lebewesen, auch unser Körper, "ganz und gar das Produkt der Entstehungsgeschichte, der Evolution sind".

Und so kommt es, dass die Menschen im 21. Jahrhundert mit einem Körper leben, "der in der Steinzeit geprägt wurde", sagt Ganten. Zwar schreite die Evolution fort, aber eben nicht so schnell wie unsere kulturelle Entwicklung. Vieles, was einst unser Überleben sicherte, entspricht nicht mehr den Erfordernissen des heutigen Lebens - aber es steckt noch in unseren Genen, in unserem Körper. "Diese Disharmonie ist ein wesentlicher Grund für die Zivilisationskrankheiten, mit denen wir uns herumplagen", folgert der international renommierte Mediziner, der kürzlich erst einen Weltkongress auch zu diesen Fragen in Berlin durchführte.

Wie das schiefgehen kann, das beschreibt Ganten an seinem Forschungsgebiet, dem Bluthochdruck. Wir seien für ein Leben als Jäger und Sammler geschaffen worden. Wir mussten hart für unsere Ernährung arbeiten, mussten weglaufen vor den großen Tieren und den kleinen Tieren hinterherlaufen, um sie zu erlegen. Und das alles in der Savanne, wo es an Wasser mangelte und Salze knapp waren. "Um unter diesen Bedingungen den Blutdruck aufrechtzuerhalten und ein Austrocknen des Körpers zu verhindern, entwickelte das sogenannte Renin-Angiotensin-System (RAS), ein Regelkreis aus mehreren Hormonen, spezielle Anpassungen. Es stellte sich darauf ein, den Mangel zu regulieren. Noch heute funktioniert dieses System nach den alten Regeln. Tatsächlich aber bewegen wir uns zu wenig und verzehren zu viel Salz. Die Folge: Das erprobte Gleichgewicht, die Homöostase, gerät aus der Balance. Das RAS-System läuft auf Hochtouren." Dagegen hilft nur: weniger essen, weniger Salz verzehren und vor allem mehr Bewegung. Also etwas mehr Steinzeit im 21. Jahrhundert. Ein Plädoyer für die Abschaffung von Medikamenten sei das aber nicht, betont Ganten, manchmal müsse Bluthochdruck medikamentös behandelt werden.

Neben den Stoffwechselerkrankungen hätten auch psychische Erkrankungen einen evolutionären Ursprung. "Angst und Fluchtreflexe waren für ein Überleben in der Steinzeit nötig, sie garantierten, dass der Mensch rechtzeitig fliehen oder sich verteidigen konnte. Heute löst dieses evolutionäre Erbe psychische Krankheiten aus wie beispielsweise Depressionen", erläutert Ganten. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der viele über ihr Leben nicht selbst bestimmen können, in der viele aus Situationen, die sie als bedrohlich empfinden, eben nicht mehr fliehen können. Die evolutionäre Medizin werfe, wie das Beispiel zeigt, auch die Frage auf, so Ganten, ob die Gesellschaft, in der wir leben, noch eine menschliche sei.

Zunächst einmal erkläre sie aber nur, warum wir so sind, wie wir sind. Sie gibt damit Hinweise auf eine "artgerechte Haltung" des Menschen. "Es ist an der Zeit, das Gesundheitssystem konsequent auf Vorsorge umzubauen, Medizinstudenten mit den Gedanken der evolutionären Medizin vertraut zu machen", fordert der Mediziner.

Doch noch immer rufe dieser Denkansatz, der erst vor gut zehn Jahren von dem US-Psychiater Randolph Nesse und dem Evolutionsbiologen George C. Willams formuliert wurde, Verwunderung hervor, berichtet Ganten. Immerhin werde die evolutionäre Medizin aber langsam auch auf Ärztekongressen ernst genommen. Sie wird unser Bild von uns selbst verändern, so wie die Mondlandung unser Bild von der Erde revolutioniert hat. Denn im Rückblick wird deutlich, dass alles, was in der Geschichte des Lebens als neu erscheint, in Wirklichkeit nur altes Material ist. Es wurde nur abgewandelt, neu kombiniert.

Zum Weiterlesen: "Die Steinzeit steckt uns in den Knochen", Ganten et.al., Piper, 334 Seiten, 19,95 Euro

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