Molekularbiologie

Gene entscheiden, wie alt wir werden

Ein spannendes Thema für die Forschung: Woran liegt es, dass einige Menschen so alt werden? Kieler Wissenschaftler haben jetzt das weltweit zweite Methusalem-Gen entdeckt.

Professorin Almut Nebel hält ein Reagenzglas gegen das Licht, darin schimmert ein weißliches, fast durchsichtiges Klümpchen. "Das ist unser Schatz: Genmaterial, das wir von 700 Hochbetagten gesammelt haben, darunter sehr viele 100-Jährige", erklärt die Leiterin der Kieler "Forschungsgruppe Gesundes Altern".

3000 dieser unscheinbaren DNA-Proben lagern bei minus 20 Grad in der Biobank "Popgen" in Kiel. Sie ist die Basis für die bahnbrechende Arbeit des gut zehnköpfigen Teams, um diejenigen Gene zu entschlüsseln, die für ein langes Leben verantwortlich sind.

Den weltweit beachteten Durchbruch erzielten die Kieler Forscher erst vor wenigen Wochen: FOXO3A heißt das Gen, in dem eine bestimmte Sequenzvariante die Länge des menschlichen Lebens positiv beeinflussen kann. Herausgefunden haben es Nebel und ihre Kollegin Friederike Flachsbart vom Institut für Klinische Molekularbiologie, nachdem sie DNA-Proben von 388 hundertjährigen Deutschen mit 731 Jüngeren verglichen hatten.

Mit ihrer Forschungsarbeit bestätigten die Kieler Wissenschaftler eine Studie von amerikanischen Kollegen, die eine entsprechende These aufgestellt hatten. FOXO3A schützt unsere Zellen vor oxidativem Stress und steuert indirekt die Wirkung von Insulin, das für den Abbau von Zucker in der Zelle verantwortlich ist und positiv auf den Fett- und Aminosäure-Stoffwechsel in unserem Organismus einwirkt. Damit könnte es ferner beeinflussen, ob der Mensch von Diabetes oder einem Schlaganfall verschont wird - und damit möglicherweise auch die Chance hat, Johannes Heesters (105) nachzueifern.

Doch Forschungsleiterin Nebel dämpft voreilige Schlussfolgerungen, die Kieler hätten nun das Methusalem-Rätsel geknackt. "FOXO3A ist nur eines von vielen Genen, die für ein langes Leben mitverantwortlich sind." Wahrscheinlich kennen die Genetiker nur die winzige Spitze eines gigantischen Eisbergs. "Bisher gibt es neben FOXO3A nur ein weiteres Langlebigkeitsgen, das in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nachgewiesen werden konnte. Wie viele außerdem noch wirksam sind und welche Wirkungen sie in Kombination mit anderen Genen haben, wissen wir bisher nicht."

Die Erkenntnisse der Genetiker sollen irgendwann den Schlüssel für Therapien gegen Alterskrankheiten liefern, erklärt Nebel, die einem weiteren Methusalem-Gen bereits auf der Spur ist. Pharma-Unternehmen könnten etwa Arzneien entwickeln, die bei der Gen-Struktur jedes einzelnen Patienten ansetzen. Denkbar wäre auch, dass Medikamente Risiko-Gene für Krankheiten blockieren oder Reparatur-Gene anregen.

Doch die Forschung nach den Schlüssel-Genen in den drei Milliarden Bausteinen der DNA gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Viele Jahre intensiver Forschung sind nötig, um die Erbmoleküle herauszufiltern, die für frühes Erkranken oder gesundes Altern sorgen, die Regenerationsfähigkeit der Zellen anregen oder deren Verfall einleiten. "Der schwierigste Teil unserer Arbeit besteht darin, Teilnehmer zu finden, die älter als 98 sind", erklärt Friederike Flachsbart. Deshalb suchen die Kieler stets Hochbetagte, die mit einer Blutprobe viel für die Forschung beitragen können (siehe Info unten).

Einig sind sich die Forscher schon jetzt: "Ob wir steinalt werden, hängt nur etwa zu einem Drittel von unseren Genen ab. Erheblich größeren Einfluss hat demnach, ob wir pfleglich mit unserem Körper umgehen: Rauchen, fehlende Bewegung und falsche Ernährung gelten unbestritten als Hauptursachen für einen verfrühten Tod", weiß Almut Nebel.

Studien besagen auch, dass ein höheres Bildungsniveau und eine positive Lebenseinstellung lebensverlängernd wirken. Ebenso wie die Kunst, Krankheiten bereits im Keim zu ersticken.

Warum Jeanne Calment 122 Jahre alt wurde, dürfte damit bis auf Weiteres ein Rätsel bleiben: Lag es an dem täglichen Glas Portwein oder dem üppigen Genuss von Schokolade, die die Südfranzösin zum ältesten Menschen der Welt werden ließen? Ob sie über die lebensverlängernde FOXO3A-Sequenzvariante verfügte, ist unbekannt. Eines steht dagegen fest: Die Frau aus Arles erreichte ein biblisches Alter, obwohl sie bis zum 119. Lebensjahr geraucht hatte.

Hochbetagte gesucht!

Für die Altersforschung sucht das Institut für Klinische Molekularbiologie des Kieler Uniklinikums ständig Senioren, die älter als 98 Jahre sind. Wer mitmachen will, braucht nur eine Blutprobe für die DNA-Isolierung abzugeben und Auskünfte über die Lebensweise und eventuelle Krankheiten zu geben. Alle Informationen werden aus Datenschutzgründen anonymisiert. Kontakt: Sonja Börm, Tel. 0431/597-1084, E-Mail s.boerm@mucosa.de ; Internet: www.forschungsgruppe-gesundes-altern.de

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.