Jahr der Mathematik: Abendblatt-Gespräch mit dem Koordinator

Was Mathe mit Kunst zu tun hat

Das neue Wissenschaftsjahr wird heute eröffnet. Es soll mit vielen Vorurteilen aufräumen.

Abendblatt:

Was wollen Sie mit dem Wissenschaftsjahr der Mathematik erreichen?

Prof. Günter M. Ziegler:

Wir wollen ein frisches, buntes und vielfältiges Bild von Mathematik sichtbar machen, und wir wollen die Leute dazu einladen, es zu entdecken.



Abendblatt:

Was soll ich mir unter einem "frischen" Bild vorstellen?

Ziegler:

Wenn man die Leute über Mathematik befragt oder reden hört, dann hängen die Antworten doch sehr von dem Bild ab, das die Menschen von Mathematik haben. Die Vorstellung kommt üblicherweise aus dem Schulunterricht. Das dadurch geprägte Bild ist nach meiner Erfahrung recht eindimensional. Das Einzige, was die meisten mit Mathematik in Verbindung bringen, ist "Rechnen lernen".



Abendblatt:

Und Mathe ist viel mehr als Rechnen?

Ziegler:

Rechnen ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt von dem, was Mathematik heute ist, auch als Schulfach sein sollte, als Wissenschaft aber sicherlich ist. Mathematik ist eben Kunst, Geometrie, Optimierung, Rätsel . . .



Abendblatt:

Mathematik ist Kunst oder Kunst ist Mathematik?

Ziegler:

Beides. Ich glaube, man kann das in beide Richtungen anschauen. Wenn man mit der Kunst anfängt, so denken Sie an Dürer oder Leonardo da Vinci, die ja beide eigentlich Künstler waren. Von Dürer gibt es dieses wundervolle Zeichen- und Geometriebuch, Ähnliches auch von Leonardo da Vinci. In Dali steckt jede Menge Mathematik. Der berühmte Hyperkubus in der "modernen Kreuzigung" ist letztlich vierdimensionale Geometrie. Oder die Grafiken von M. C. Escher oder Victor Vasarely - das ist doch faszinierende Mathematik in Kunstwerken. Und auch umgekehrt, wenn Sie sich anschauen, wie kunstvoll Mathematiker Mathematik präsentieren . . .



Abendblatt:

In ellenlangen Formeln, die niemand außer einer handverlesenen Elite versteht . . .

Ziegler:

Nein, die meine ich nicht, obwohl es auch da Beispiele gibt. Ein New Yorker Künstler hat solche Formeln künstlerisch verarbeitet, indem er sie in riesigen Formaten auf Leinwände gebracht und in Ausstellungen präsentiert hat. Aber das ist eigentlich nicht das, was ich meine. Was ich meine, ist, dass Mathematiker zum Beispiel Gipsmodelle von mathematischen Flächen oder Körpern angefertigt haben oder haben anfertigen lassen. Von diesen Objekten gibt es wiederum exzellente Fotografien, wie beispielsweise die beeindruckenden Schwarz-Weiß-Fotografien von Gerd Fischer aus München.


Oder nehmen Sie die Arbeiten von Jürgen Neukirch, der an der Universität Regensburg Mathematiker war. Er erschuf Modelle, die mit hochglanzpolierten Metalloberflächen beeindrucken. So vergegenständlichte er beispielsweise die Riemannsche Zetafunktion, eine der berühmtesten Funktionen der Mathematik, die alles über Primzahlen aussagt. Wenn Sie das Modell aus Messing, das vergoldet ist, gesehen haben, vergessen Sie diese Funktion bestimmt nicht wieder und haben vermutlich auch ein anderes Gefühl für Mathematik.


Abendblatt:

Wie kommt es dann, dass wir normalerweise Mathematik nur mit Formeln und Rechnen verbinden?

Ziegler:

Weil das der Teil ist, der handwerklich eingepaukt wird. Das ist der einzige Bestandteil der Mathematik, wo im Alltag und in der Schule immer laut dazu gesagt wird, das ist Mathematik. Mein Anspruch ist, die Vielfalt der Mathematik aufzuzeigen. Also: schau mal auf diese faszinierenden Bilder, da ist viel Mathematik drin. Oder der Bus kommt schon wieder zu spät? Dann ist da zu wenig Mathematik drin, denn wenn Mathematiker die Fahrpläne optimiert hätten, würden auch die Anschlüsse klappen. Wir wollen im Mathematikjahr die deutschen Firmen wie Siemens, Telekom, SAP, Allianz unter der Überschrift "Mathematische Industrie"" präsentieren. Vielleicht können wir so erreichen, dass die Leute nach dem Mathematikjahr sagen, Mathematik, das sind Bilder, Bushaltestellen, Industrie und sicherlich auch Rechnen lernen in der Schule. Eben ein vielfältiges Bild.



Abendblatt:

Wie wollen Sie diese Vielfalt erreichen?

Ziegler:

Dadurch, dass wir nicht das Mathejahr aus Berlin planen, sondern dass es von vielen Akteuren gestaltet wird. So laden wir schon jetzt auf der Web-Seite www.jahr-der-mathematik.de des Wissenschaftsjahres ein, Mathemacher zu werden. Und das kann jeder: der Bäcker in Bremen genauso wie der Hochschullehrer in München.



Abendblatt:

Ein Bäcker in Bremen?

Ziegler:

Ich habe gehört, dass es in Bremen einen Bäcker gibt, der im Mathematikjahr statt Brezeln Knoten bäckt. Er wurde von einem Mathematiker der Universität Bremen inspiriert, mit den gleichen Teigmengen neue Formen zu schaffen. Also es geht um jeden Einzelnen.


Zudem sind die Mathematiker und Mathematikerinnen, die Lehrer und Lehrerinnen und all die Experten im Land bereit und freuen sich darauf, im Mathejahr Mathe herzuzeigen. Wir sind also genug, um ein buntes Bild von Mathematik zu gestalten.


Abendblatt:

Und dieses bunte Bild soll auch über 2008 hinaus schillern?

Ziegler:

Das ist unser erklärtes Ziel. Wir wollen das Bild dieser Wissenschaft auf Dauer ändern. Auf das Mathejahr 2008 soll ein Mathejahr 2009 folgen!