Altona

Tea Time mit der Queen in einem Lokal in Ottensen

Jörg Schröder (l.) und  Antonio da Silva Oliveira haben sich mit dem Eaton Place einen Traum erfüllt.

Jörg Schröder (l.) und Antonio da Silva Oliveira haben sich mit dem Eaton Place einen Traum erfüllt.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Das Eaton Place versteht sich als britische Insel mitten in Hamburg. Die Betreiber geben sich alle Mühe, dass man das nicht nur sieht.

Ottensen. Oh dear! Die Queen hängt an der Wand, steht winkend zwischen den Marmeladengläsern und ist Thema von Bildbänden im Regal. Ist hier der Clubraum der Hamburger Sektion vom Königin-Elizabeth-Fanclub, zu dem man nur Zutritt hat, wenn man „Rule Britannia“ auswendig singen kann? So streng ist es in diesem Lokal in Ottensen nicht. Gleichwohl ist Eaton Place eine britische Insel mitten in Hamburg.

Jörg Schröder und Antonio da Silva Oliveira haben sich in den Räumen im Hochparterre hinter der schwarz gestrichenen Fassade einen Traum erfüllt, als sie im Mai 2018 ihren Tearoom eröffneten. „Drei Jahre haben wir geplant“, erzählt Schröder. Der 49-Jährige stammt aus Hamburg, sein ein Jahr älterer Geschäftspartner aus Portugal, lebt aber seit Jahrzehnten in Deutschland. Beide Männer kommen aus der Personalentwicklung und sind gastronomische Quereinsteiger. „Aber wir wussten, dass wir die Bürojobs nicht bis zur Rente ausüben wollten.“

Guter Kuchen und Wohlfühl-Atmosphäre

Der Mann mit dem kahlen Kopf schwärmte schon lange von einem ­Etablissement very British, sein Freund wollte ein Café mit herausragendem Kuchen und Wohlfühl-Atmosphäre. Herausgekommen ist Eaton Place, benannt nach der Straße nahe der deutschen Botschaft im Londoner Stadtteil Belgravia und der TV-Serie „Das Haus am Eaton Place“ aus den 70er-Jahren. „Vorher war hier eine Tapas-Bar, wir haben alles entkernt und umgebaut“, so Schröder. Er und sein Partner sehen ein bisschen nach Schuluniform aus mit Union-Jack-Krawatte und blauem Pullunder über dem weißen Hemd.

Der Hamburger interessiert sich seit seiner Kindheit für das Vereinigte Königreich. „Ich habe gerne englische Serien geguckt und mich über Mr. Bean amüsiert. Und als ich acht Jahre alt war, lag die Königliche Yacht ,Britannia‘ im Kieler Hafen. Dahin musste mein Bruder mit mir fahren.“ Schröder las alles über die königliche Familie, trauerte um Prinzessin Diana und machte Urlaub auf der Insel. „England war Abenteuer, eben alles anders als bei uns.“

Skurril und spleenig, gemütlich und gediegen sind die Räume der feinen Teestube eingerichtet. 26 Gäste haben Platz. Die Wände sind mit englischer Tapete beklebt, zarte Blumen in Medaillons. Oder blau gestrichen, genauer gesagt im Ton Stiffkey Blue der englischen Farb-Schmiede Farrow & Ball. Und dieses tiefe Marineblau heißt so, weil es an den Schlamm am Strand von Stiffkey in Norfolk erinnert.

Zusätzliche Hingucker

Als zusätzliche Hingucker dienen diverse Bilder von Königin Elizabeth II., Union Jacks mit Fransen sowie unter Glas eine Uniformjacke von 1965 der Coldstream Guards, eines Leibregiments der Queen. „Dafür haben wir die ganze Portobello Road in London abgegrast“, erinnert sich Schröder. Auffällig ist auch der nachgebaute Marktwagen mit englischen Produkten wie Lemon Curd, Marmelade, Tee, Kekse, Schokolade sowie dem nach Hefe schmeckenden Brotaufstrich Marmite. Und natürlich die winkende Queen.

Die runden Tische mit Holzplatte und gusseisernem Fuß tragen Deckchen. Auf der gepolsterten Bank entlang der Wand im hinteren Raum liegen Kissen mit Hunde-Konterfeis. Besonders beliebt: die grauen Sessel mit Union-Jack-Kissen am Fenster links vom Eingang. Die Stühle sind Windsor Chairs, zwischen 1910 und 1930 in England aus Holz gefertigt. Und auch die rund 40 Teekannen, versilbert und mit Kupferkern, kommen von der Insel. Natürlich werden sie mindestens einmal pro Woche ordentlich geputzt.

16 Teesorten gibt es von blumig bis herb, von grün bis Roiboos, außerdem Kräuter und Früchte. Mancher zieht nur zwei Minuten, andere brauchen Wasser von 96 Grad. „Wir servieren auch Kaffee, aber 90 Prozent unserer Gäste bestellen Tee“, sagt Antonio da Silva Oliveira, der Teetassen aus feinem Porzellan auf den Tisch stellt. Dazu einen der Kuchen, die in der Vitrine oder unter Glaskuppeln stehen: Sponge Cake, Lemon Tart, Carrot Cake, Cheese Cake oder vielleicht den karierten Battenberg-Kuchen? Einer leckerer als der andere, selbst gebacken von der italienischen Konditorin Roberta.

Gitarrenmusik zur Tea Time

Aber man geht ins Eaton Place für den Afternoon Tea. Auf einer Etagere kommen rindenlose Sandwiches mit Gurke, Lachs und Ei, dann die englischen Brötchen Scones mit Marmelade und Clotted Cream (dicker Rahm) und schließlich Petits Fours und kleine Kuchen. Die belegten Brote sind weich und saftig, die Scones locker, die süßen Verführungen zu schnell aufgegessen. Ein Nachmittag zum Genießen! Mehr als 1500 Scones verzehren die Gäste pro Monat, dazu schon mal 15 Kilogramm Marmelade und 25 Kilogramm Clotted Cream. Wer das alles probieren möchte, sollte rechtzeitig reservieren. Denn die Gäste kommen nicht nur aus der Nachbarschaft, sondern aus ganz Norddeutschland. „Und für hier lebende Briten, Kanadier oder Südafrikaner sind wir schon das zweite Wohnzimmer“, sagt Schröder.

Einmal im Monat gibt es Gitarrenmusik zur Tea Time, demnächst sollen auch Whisky- und Gin-Verkostungen stattfinden. Kurz vor Ladenschluss läutet eine Glocke zur Last Order, es werden englische Lieder gesungen und Anmerkungen zum Brexit gemacht. „Wir werden der englischen Lebensart treu bleiben, egal was geschieht“, sagt Schröder. Er hat neulich an Prinz Charles geschrieben, die deutsch-britische Freundschaft betont und um eine Grußnote gebeten. „Wenn er mal nach Hamburg kommt, ist er herzlich willkommen.“
Royaler Besuch in Ottensen – oh dear!