Vorbeugung

Für wen ist eine Grippe-Impfung wirklich sinnvoll?

Impfung kann das Krankheitsrisiko nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts nicht nur „erheblich verringern“, sondern sogar Leben retten.

Impfung kann das Krankheitsrisiko nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts nicht nur „erheblich verringern“, sondern sogar Leben retten.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Der November gilt als bester Zeitpunkt, um sich den Grippeschutz zu holen. Doch für wen es sinnvoll ist, darin sind Experten uneins.

Berlin.  Im Februar 2015 lag halb Deutschland darnieder. Unternehmen mussten umstrukturieren, weil ganze Abteilungen krankheitsbedingt zu Hause blieben. Einer der Gründe: Der damalige Grippeimpfstoff wirkte nicht gegen die im Umlauf befindlichen Viren. Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellen ihn jährlich neu zusammen, um auf die sich ständig ändernden Viren zu reagieren.

Prognostizieren die Experten richtig, kann die Impfung das Krankheitsrisiko nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts nicht nur „erheblich verringern“, sondern sogar Leben retten. Denn während die Grippe für sonst Gesunde nur einige unangenehme Tage im Bett bedeutet, kann sie für Alte und Immunschwache schnell gefährlich werden. Wer gesund bleibt, schützt auch sie. Doch sollte man sich zum Schutz anderer impfen lassen? Für wen ist der Piks wirklich sinnvoll? Das sagen Experten.

Gesundheitsexperten empfehlen andere Strategie

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am RKI empfiehlt die Impfung allen über 60-Jährigen, Bewohnern von Altersheimen, chronisch Kranken und Personen, die im gleichen Haushalt mit ihnen leben, sowie Schwangeren ab dem vierten Monat und Berufstätigen, die im Gesundheitsbereich arbeiten.

Für gesunde Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche gelte die grundsätzliche Empfehlung nicht, da Influenza hier „in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen“ verlaufe. Schon seit einigen Jahren empfehlen die unabhängigen Gesundheitsexperten der Stiftung Warentest explizit eine andere Strategie. Vor allem Kinder und Jugendliche sollten geimpft werden, ihr Immunsystem würde besser reagieren als das Älterer, zudem würden sie die Viren aufgrund ihrer vielen Kontakte in Kindergarten, Schule und Familie weit verbreiten. Blieben sie gesund, profitierten auch Ungeimpfte – so die Stiftung.

Kein Schutz für über 60-Jährige

Über 60-Jährige hingegen seien durch die Impfung nicht mehr zuverlässig geschützt, ihr Immunsystem reagiere immer schlechter. Jeden Gesunden über 60 grundsätzlich jährlich zu impfen, sei daher wenig sinnvoll. „Diese Beurteilung hält die Kommission für derzeit nicht zutreffend und fahrlässig“, so die Experten vom RKI. Zwar sei die Einschätzung richtig, dass Ältere schlechter auf die Impfung reagieren, eine Infektion könne aber deshalb auch zu einem entsprechend schweren Verlauf führen, so das Institut.

„Das ist richtig, und wir raten auch nicht davon ab, dass der Einzelne sich impfen lässt. Auch Ältere sollten das mit ihrem Arzt besprechen“, erklärt Katrin Andruschow von der Stiftung Warentest, „aber wir halten eine andere Impfstrategie für sinnvoll.“ Kinder und Jugendliche jährlich zu impfen, um Ungeimpfte und insbesondere Risikogruppen besser zu schützen, werde in Fachkreisen schon lange diskutiert und etwa in den USA und Kanada sowie in Europa zum Beispiel in Österreich, Polen, Finnland, Litauen und England schon verfolgt. Auch die Sächsische Impfkommission rät zu diesem Vorgehen.

EU peilt Impfquote an

Durchgesetzt hat sich bislang keine der beiden. Die von der EU angepeilte Impfquote von 75 Prozent bei Älteren werde von Deutschland bisher nicht annähernd erreicht, erklärt das RKI. Und auch Kinder werden bislang nicht flächendeckend versorgt. „Solange das nicht umgesetzt wird, ist der Herdenschutz für Ältere auch nicht da“, so Andruschow.

Nicht geimpft werden dürfen unter anderem akut Kranke oder Personen, die gegen Bestandteile der Impfung allergisch reagieren – etwa Hühnereiweiß. Hühnereiweißfreie Impfstoffe werden in Deutschland derzeit nicht angeboten. Schwerwiegende allergische Reaktionen seien zwar selten, so das RKI, dennoch sollten betroffene Patienten nur ärztlich überwacht geimpft werden. Bei Gesunden ist nur mit wenigen Nebenwirkungen zu rechnen, sind sich die Experten einig. Eine leichte Rötung oder Schwellung der Einstichstelle sei möglich, ebenso leichte Erkältungssymptome, die nach ein bis zwei Tagen abklingen sollten. Ein hundertprozentiger Schutz besteht auch danach nicht.

Milder Infektion für Geimpfte

Stecken Geimpfte sich an, verlaufe die Infektion aber meist milder und ohne Komplikationen, so das RKI. Das liege auch an den ständig wechselnden Eigenschaften des Virus. Für die saisonale Influenza sind in der Regel Viren vom Typ A/H1N1-, A/H3N2- und Typ-B-Viren verantwortlich. Es gibt sie weltweit in zahlreichen Varianten. Alle drei sind jährlich mit je einer Variante in dem Impfstoff enthalten.

„Jeweils die Variante, von der die WHO erwartet, dass sie hauptsächlich zirkuliert“, erklärt Susanne Glasmacher vom RKI. Benannt sind die Varianten immer nach der Stadt, in der sie erstmals identifiziert wurden – so trägt der diesjährige H1N1-Virus den Beinamen California, H3N2 Hong Kong und die Typ-B-Viren Brisbane.

Keine Impfung gegen Vogelgrippe

„Gegen den Vogelgrippe-Erreger H5N8 hilft die Impfung nicht – das muss sie aber auch nicht, denn für den Menschen ist dieser Typ nach bisherigen Erkenntnissen nicht gefährlich“, erklärt Glasmacher. Trotzdem empfiehlt die Stiko eine Grippeschutzimpfung auch für alle Personen, die direkten Kontakt zu Geflügel oder Wildvögeln haben. Mit der schon mehrere Jahre alten Empfehlung sollten Doppelinfektionen vermieden werden.

„Vor einigen Jahren kursierte bei Vögeln der H5N1-Virus, für den einige wenige Fälle beschrieben wurden, in denen auch Menschen erkrankten“, erklärt Glasmacher. Wenn ein solcher Patient zusätzlich an der Influenza erkrankt, könnten die verschiedenen Virustypen im Körper eine potenziell gefährliche Mischehe eingehen. „Dieser Fall ist jedoch sehr unwahrscheinlich“, so die Biologin.