Tod von Gunter Sachs

"Auch das Leben mit Alzheimer kann seine Würde haben"

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Gunter Sachs wollte nicht mit Alzheimer leben. Tilman Jens, Sohn von Walter Jens, im Gespräch über die Demenz-Erkrankung seines Vaters.

Der Tübinger Professor Walter Jens, 88, hat sich für das Leben entschieden. Im Jahr 2004 wurde bei ihm die neurodegenerative Krankheit Alzheimer diagnostiziert. Bis zu diesem Zeitpunkt galt er als einer der klügsten und intellektuellsten Köpfe des Landes. Er provozierte, weil er sich für die Legalisierung der Sterbehilfe einsetzte. Dennoch nahm er sie für sich nicht in Anspruch und wählte stattdessen die Konfrontation mit dem geistigen Verfall. Anders als Gunter Sachs, der sich am vergangenen Sonnabend in seinem Haus erschossen hat. Der Sohn von Walter Jens, Tilman Jens, 56, hat die Erlebnisse mit dem Vater und mit der Krankheit in einem Buch ("Demenz: Abschied von meinem Vater", Gütersloher Verlagshaus, erschienen im Februar 2009) verarbeitet. Gestern erreichten wir ihn telefonisch während einer Zugfahrt. Er lebt in Frankfurt und besucht seinen Vater alle 14 Tage in Tübingen. Ein Vater, der schwer krank ist, aber "erstaunlich fröhlich".

Hamburger Abendblatt: Aus Angst vor einer Alzheimer-Erkrankung hat sich Gunter Sachs im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte das Leben genommen. War das für Ihren Vater jemals denkbar?

Tilman Jens: Mein Vater hat oft daran gedacht, als seine Kräfte nachließen. Einmal hat er mich gebeten, "sprich mit dem Arzt", der ihm gesagt hat: "Wenn Sie es wirklich wünschen, werde ich Ihnen helfen." Das hat meinen Vater unglaublich beruhigt, dass es diese Möglichkeit geben würde. Aber das war es dann auch. Er hat sich zwar für die aktive Sterbehilfe eingesetzt, hat sich aber selbst nie zu dem Schritt durchringen können, was die Richtigkeit seiner Forderung aber nicht infrage stellt.

Der Arzt hätte ihm wirklich geholfen, sich das Leben zu nehmen?

Jens: Wenn mein Vater wirklich über mehrere Wochen angstfrei den Wunsch geäußert hätte: Ich will es jetzt. Dann hätte ihm der Arzt geholfen.

Wie geht es Ihrem Vater jetzt?

Jens: Man kann natürlich nicht in ihn reinleuchten, aber ich habe ihn vor fünf Tagen gesehen, er war erstaunlich fröhlich. Er hat viel gelacht, sah auch ganz gut aus. Er bekommt natürlich nichts mehr mit. Aber er wirkt im Moment - es gab andere Phasen vor vier bis sechs Wochen - relativ heiter. Ob er sich heiter im Innern fühlt, das wissen wir nicht.

Erkennt er Sie denn noch?

Jens: Wenn ich das wüsste. Ich bin ihm irgendwie vertraut, er lacht mich an, er hat mich auch mal als seinen Bruder bezeichnet. Es wechselt. Ich bin ihm kein Fremder. Aber ob er noch weiß, dass ich sein Sohn bin? Meine Mutter hat ja mal gesagt: "Ich bin ihm vertraut. So vertraut wie ein altes Möbelstück."

Ihre Mutter hat auch gesagt, dass er einen ungebrochenen Lebenswillen hat und sie bat: "Nicht totmachen, bitte nicht totmachen."

Jens: Es tauchen immer wieder Worte auf. Totmachen, leben, ich will sterben. Ich würde dem nicht zu viel beimessen. Aber Lebenswillen hat er. Mein Vater isst zum Beispiel nicht mehr, er spachtelt. Er hat einen Appetit, der ist unglaublich. Er verdrückt sechs Maultaschen und strahlt darüber. Früher war er ein Asket. Mit ihm ins Restaurant zu gehen war eine Qual. Freude waren für ihn Bücher, kultureller Genuss, Gespräche und Arbeit.

Ihr Vater war einer der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands - um auf Gunter Sachs zurückzukommen -, gerade für Ihren Vater muss es unglaublich schwer gewesen sein zu akzeptieren, dass es bald nicht mehr so sein würde.

Jens: Ja, ich weiß nicht, inwieweit ihm das bewusst war. Aber die Angst vor dem Tod war größer als die Angst vor dem langen, stetigen Abbau. Da gibt es übrigens eine Parallele zu Gunter Sachs. Mein Vater ist am empfindlichsten Organ getroffen worden, am Kopf, Gunter Sachs, der Fotograf, an seinem Körper, an seiner Männlichkeit. Sachs war es vermutlich unvorstellbar, im Rollstuhl zu sein. Die Leute haben früher gesagt: "Oh, da kommt Sachs!" Jetzt zu hören: "Guck mal, der Alte im Rollstuhl", das hat er sich nicht zumuten wollen. Ich verstehe das sehr gut.

Das hat viel mit den eigenen Bildern zu tun, die man von sich hat.

Jens: Ja, das ist bei Sachs und meinem Vater ähnlich: Das entscheidende Moment ist hier wie dort die Vitalität. Bei dem einen geht es ums Geistige, bei dem anderen um die Agilität des Playboys und des Fotografen. Mein Vater hat sich anders entschieden, aber er hätte Gunter Sachs sehr gut verstanden.

Ist er denn jetzt im Rollstuhl?

Jens: Ich will nicht über Stufen seiner Hinfälligkeit reden. Über die Krankheit ja, aber nicht über die konkreten Stadien.

Wie geht es Ihnen denn mit der Krankheit Ihres Vaters?

Jens: Am Anfang war es ganz furchtbar. Ich dachte, der augenblickliche Weg in den Tod ist die einzige Möglichkeit, die ihm bleibt. Vor allem, weil er am Anfang immer gesagt hat: "Ich will sterben." Ich konnte mir auch nicht vorstellen, ihn in seiner Hinfälligkeit und Sprachlosigkeit zu ertragen. Heute ist es anders, ich besuche ihn, meine Mutter und die Pflegerin, die wirklich ganz außerordentlich für ihn sorgt, alle 14 Tage. Und ich freu mich jedes Mal auf den Kerl.

Was ist das für ein Gefühl?

Jens: Das ist kein Mitleid. Ich profitiere auch sehr von ihm. Mein ganzes Verhältnis zum Funktionieren hat sich verändert. Früher dachte ich, du bist nur dann würdig, wenn du funktionierst. Das ist jetzt anders. Bei allem Respekt für die Entscheidung von Gunter Sachs, auch das Leben mit Alzheimer kann seine Würde haben. Vorausgesetzt, es gibt ein soziales Umfeld, das ihn stützt. Mein Vater hat das Glück, dass er zu Hause ist und eine Pflegerin hat. Meine Mutter könnte das mit ihren 84 Jahren gar nicht leisten. Die beiden machen Ausflüge und fahren zu dem Bauernhof der Pflegerin. Er bekommt Kuchen, er geht spazieren, soweit er das kann, er ist an der frischen Luft. Zumindest kontinuierlich unglücklich ist er nicht.

Sie haben ein Buch über Demenz geschrieben. In dem Sie Ihren Vater sehr persönlich, teilweise schonungslos beschreiben. Das Buch war sehr umstritten. Was zeigt Ihnen die Reaktion darauf?

Jens: Die Tabuisierung der Krankheit ist sehr groß. Das sieht man ja auch an Gunter Sachs, der die Krankheit nur mit einem "A." abkürzte, sie nicht ausschreiben konnte, zeigt, Alzheimer gilt immer noch als Schande. Als ich sagte: "Mein Vater ist dement", galt ich als Vatermörder. Das ist gerade einmal zwei Jahre her. Aber inzwischen hat sich einiges geändert.

Wie ging es Ihrer Mutter damit?

Jens: Das Wort Alzheimer auszusprechen war auch für sie furchtbar, wie für so viele. Ich finde übrigens den Abschiedsbrief von Gunter Sachs großartig, aber er verrät auch eine unglaubliche Angst. In seinem Umfeld, dem Jetset, gab es niemanden, der bislang gesagt hat, er hat Alzheimer. Und hätte man ihn so angenommen, wie er dann geworden wäre?

Denken Sie, dass Alzheimer immer noch gesellschaftlich tabuisiert ist?

Jens: Unsere Gesellschaft muss sich der Krankheit annehmen. Demografisch gesehen werden wir immer älter, immer mehr Menschen werden dement. Natürlich bleibt die Krankheit schrecklich, aber man muss zeigen, es gibt auch humane Wege. Ich kann jeden verstehen, der den Weg von Gunter Sachs geht, aber man müsste für den anderen Weg stärker werben. Alzheimer-Kranke muss man aus der Tabu-Ecke rausholen.

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