Reportage

Die vielen Gesichter der Scham

Lesedauer: 5 Minuten

Was ist Scham für eine Emotion, warum ist sie wichtig und wo tritt sie auf? Was macht sie mit Kindern, TV-Show-Kandiaten und armen Menschen? Eine Annäherung an eines der ältesten Gefühle der Menschheit

Schon die ersten Menschen mussten sich schämen. So erzählt es die Bibel. Nachdem Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, hörten sie, wie Gott durch den Garten Eden ging und sich ihnen näherte. Schnell versteckten sie sich unter den Bäumen. Denn sie hatten bemerkt, dass sie nackt waren. Vorher war ihnen das gar nicht aufgefallen. Aber jetzt, nach ihrem ersten Verstoß gegen ein göttliches Gebot, spürten sie es und schämten sich. Der Sündenfall war also zugleich ein Sturz in die Scham. Und diese Scham wird für Adam und Eva ebenso schmerzlich gewesen sein wie die Vertreibung aus dem Paradies. Von nun an konnten sie nicht mehr in kindlicher Unschuld und Schamlosigkeit leben. Jetzt mussten sie als Erwachsene ihr Leben selbst verantworten. Eine kleine Hilfe aber gab ihnen Gott mit auf den Weg. Er machte ihnen Röcke aus Fell und zog sie ihnen an, damit sie draußen nicht frieren und sich nicht schämen müssten.

Seither, so die Botschaft der Bibel, gehört die Scham zum Menschsein. Aber die Scham hat sich in der Menschheitsgeschichte stark verändert. Früher gab es einen Spruch, den Kinder von Eltern und Lehrern viel zu oft zu hören bekamen: "Schäm dich!" Dieser rigide Ordnungsruf wirkte oft wie eine Ohrfeige. Nein, viel schlimmer: Als Befehl, sich selbst zu verachten, verletzte er tiefer und schmerzte länger. Das Kind war ausgestoßen aus der Gemeinschaft und konnte nur wieder aufgenommen werden, wenn es sich der Ordnungsmacht der Großen beugte. Heute gilt der Ruf "Schäm dich!" als verpönt. Wie schön! Kinder sollen nicht lernen, sich selbst zu verachten, sondern ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Dazu gehören die Kenntnis von Regeln, die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, sowie der Respekt vor anderen. Aber all dies erlernt man nicht durch autoritäre Fremdbeschämung. Heute aber frage ich mich manchmal: "Dass die sich gar nicht schämen?" Politiker ohne Verantwortungsgefühl, Finanzjongleure ohne Maß, Trash-Prominente ohne Peinlichkeitsgrenzen. "Dass die sich gar nicht schämen!" - die Demokratie zu beschädigen, das wirtschaftliche Wohl zu gefährden, sich selbst und andere in der Öffentlichkeit zu entblößen. Man wundert sich, dass es zunehmend Erwachsene zu geben scheint, die gar kein Schamgefühl mehr besitzen. Das führt zu einer doppelten Frage: Was ist Scham grundsätzlich? Und welche Form von Schamhaftigkeit bräuchten wir heute?

Die Scham ist ein schmerzliches, soziales und körperliches Gefühl. Sie wird dadurch ausgelöst, dass man bemerkt, wie die anderen einen abfällig oder - fast schlimmer noch - gar nicht anschauen. Dieser Blick der anderen sagt einem: Du bist falsch, du gehörst nicht dazu. Das geht unter die plötzlich errötende Haut und tut so weh, dass man am liebsten im Erdboden versinken möchte. In extremen Fällen führt dies bis zum Suizid. Aber in gewissen Maßen hat die Scham, so sehr sie auch schmerzt, eine sinnvolle Aufgabe. Dadurch, dass der Einzelne lernt, sich mit den Augen der anderen zu betrachten, übt er ein, sich als Teil einer Gemeinschaft wahrzunehmen, deren Regeln auch er befolgen muss. Scham hat also auch etwas mit sozialer Sensibilität und moralischem Bewusstsein zu tun. Sie kann geradezu etwas Schönes haben. Denn sie schützt einen kostbaren Innenraum, etwas Intimes, das die Öffentlichkeit nichts angeht. Die Liebe, zum Beispiel, braucht ein gewisses Maß an Verschämtheit, geht sie doch nur die beiden etwas an, die sie teilen.

Solch ein Schamgefühl könnte uns - anders als die autoritäre Fremdbeschämung - auch heute gut tun. Gerade jetzt, da traditionelle Schamgrenzen sich verschieben oder gar auflösen, ist es wichtig, sich darüber zu verständigen, welche Form von Scham uns hilft, selbstbewusst und moralisch wach unserer Bestimmung zu folgen. Dazu müsste man unterscheiden können zwischen einer schlechten und einer guten Scham. Man müsste die Kraft entwickeln, ungerechtfertigte Beschämung durch andere abzuweisen. Und man müsste lernen, sich nicht selbst mit falschen Eigenerwartungen in die Schamfalle zu treiben, also realistischer und barmherziger mit sich umgehen. So könnte man eine Balance aus Schamhaftigkeit und Schamlosigkeit finden. Das aber wäre eine Aufgabe für alle Menschen - nicht nur für die Armen, Kranken und Behinderten, sondern ganz genauso für die Wohlhabenden, Gesunden und scheinbar Normalen.

In diesem Sinne kann man die alte Geschichte von Adam und Eva heute auch ganz anders verstehen. Nicht nur als eine Sage über Sünde, Strafe und Vertreibung, sondern als eine Anleitung zum Erwachsenwerden. Nachdem die beiden gelernt haben, sich zu schämen, sind sie bereit, das Kinderparadies im Garten Eden zu verlassen und als selbstbestimmte Erwachsene in die Welt hinauszugehen. Zum Erwachsensein gehört die Scham also in einem gewissen Maß dazu: als die Fähigkeit, moralische Gesetze zu kennen und zu befolgen, Respekt für sich einzufordern und selbst anderen zu gewähren.