Jeffrey Tate: Der Dirigent setzt Maßstäbe

Vielseitiger Erneuerer

Probe mit Live-Kameras und Konzert in Hamburg. Der künftige Chef zeigt schon jetzt,wo die Musik spielt.

Welch glückliche Hand Symphoniker-Intendant Daniel Kühnel mit der Verpflichtung von Jeffrey Tate als neuem Chefdirigenten des Orchesters bewiesen hatte, stellte der Engländer schon in seinen ersten beiden Hamburger Konzerten unter Beweis. Zwar wird er erst mit Beginn der Spielzeit 2009/2010 offizieller Chef, doch zeigt er schon jetzt in einer intensiven Probenphase mit drei Programmen innerhalb einer Woche, was er unter Orchesterarbeit versteht.

Keine Frage für einen Dirigenten aus Leidenschaft, der nach einem Medizinstudium in Cambridge im Stab des Royal Opera House Covent Garden begann und schon bald Pierre Boulez beim Bayreuther Jahrhundert-Ring assistierte. Nach seinem Debüt mit "Carmen" in Göteburg ließ der internationale Ruhm nicht lange auf sich warten. Er sollte Tate an alle großen Opernhäuser und auf namhafte Festivals führen.

Nun eröffnet der 65 Jahre alte Musikdirektor des Teatro San Carlo in Neapel die neue Saison mit einem Konzert so recht nach seinem Musikerherzen. Da sind zunächst die Szenen aus der "Dreigroschenoper", die seinem Faible für das Entertainment entsprechen. Und da darf mit der "Sinfonia da Requiem" sein bevorzugter Landsmann Benjamin Britten ebenso wenig fehlen wie das deutsche Fach, dem er mit Mahlers "Lied von der Erde" seine Reverenz erweist. Es sind Schwerpunkte seiner Arbeit, stets gefeiert an den großen Häusern der Welt wie der Scala in Mailand, am Covent Garden in London, an der Bastille in Paris, der Met in New York oder dem Fenice in Venedig. Solisten im Hamburger Abo-Konzert sind Lioba Braun und Burkhard Fritz im "Lied von der Erde" sowie Markus Graf, Stefan Schad und Cornelia Schirmer - allesamt im Ensemble des Thalia Theaters - in den "Dreigroschenoper"-Songs.

Zwei Tage später kann Tate eine Lieblingsidee in die Tat umsetzen: Unter dem Motto "Close-up" lädt er das Publikum zu einer Probe von Mozarts Jupiter-Sinfonie bei freiem Eintritt in die Laeiszhalle ein. Dabei wird er nicht nur viel erläutern, sondern lässt das Spiel an den einzelnen Pulten durch Kameras auf eine Großbildleinwand über dem Orchester live übertragen. So kann sich der Zuhörer buchstäblich ein Bild von der Orchesterarbeit machen. Diese Veranstaltung wird maßgeblich gefördert von der Nordmetall-Stiftung.

Anfang Oktober dann ist das Orchester wieder unter seinem bisherigen Chefdirigenten Andrey Boreyko zu hören. Er dirigiert Werke von Weber, Berlioz und Tschaikowsky, dessen b-Moll-Klavierkonzert Lukas Geniusas spielt.


1. Abo-Konzert mit Jeffrey Tate, 21. 9., 19 Uhr. Close-up: Tate über Mozart, 23. 9., 19.30 Uhr. Eintritt frei. 2. Abo-Konzert mit Andrey Boreyko, 5. 10., 19 Uhr. Alle Konzerte in der Laeiszhalle, Karten unter T. 44 02 98.