Gesundheit

Vegetarisch für Kinder: So gesund ist fleischlose Ernährung

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Kai Wiedermann
Nachhaltige Ernährungsformen: Rettet Veganismus die Umwelt?

Nachhaltige Ernährungsformen- Rettet Veganismus die Umwelt?

Der Veganismus wird seit Jahren als die nachhaltigste Ernährungsform wahrgenommen. Eine neue Studie aus den USA stellt diese Ansicht jetzt allerdings auf den Kopf.

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Die Zahl der Vegetarier und Veganerinnen steigt. Aber ist fleischlose Ernährung sicher für kleine Kinder? Was Eltern wissen sollten.

Berlin. Vegetarische und vegane Ernährung wird immer populärer. Schätzungen zufolge ernähren sich mittlerweile rund zehn Prozent aller Deutschen vegetarisch und mindestens ein Prozent der Bevölkerung vegan, also rein pflanzlich. Dabei handelt es sich vor allem um jüngere Menschen, nicht selten um Familien mit kleinen Kindern. Das wirft die Frage auf, inwieweit eine vegetarische beziehungsweise vegane Ernährung für Kinder sicher ist.

"Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Während nordamerikanische Fachgesellschaften wenig Bedenken haben, sieht ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Ernährung eine vegane Ernährung bei kleinen Kindern recht kritisch und hält sie für wenig geeignet, um den besonderen Nährstoffbedarf in dieser Altersgruppe zuverlässig zu decken", sagt Professor Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin in München. Die Datenlage zu dieser wichtigen Frage sei insgesamt aber weiter dünn.

Fleischlose Ernährung für Kinder: Kanadische Studie wirft Fragen auf

Forschende aus dem kanadischen Toronto wollten eigenen Angaben zufolge helfen, die Lücke zu schließen. In einer großen Längsschnitt-Kohortenstudie verglichen sie deshalb 8907 vegetarisch, vegan und herkömmlich ernährte Jungen und Mädchen im Alter von sechs Monaten bis zu acht Jahren. Im Mittel waren die Kinder 2,2 Jahre alt.

Über einen Zeitraum von 2,8 Jahren analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Zusammenhänge zwischen einer vegetarischen beziehungsweise veganen Ernährung und dem Wachstum der Kinder sowie dem Nährstoffgehalt ihres Blutes.

Die Ernährungsweise wurde per Fragebogen über die Eltern ermittelt. Laut Studie hielten 248 Kinder eine vegetarische oder vegane Ernährung ein. Weiter unterschieden wurden diese Gruppen nicht.

Ernährungsmediziner: Vegetarische Ernährung von Kindern "weitgehend sicher"

Beim Vergleich der Daten stellten die Forschenden fest, dass Kinder, die sich fleischlos oder vegan ernährten, eine ähnliche Körpergröße, einen ähnlichen durchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI) sowie ähnliche Eisen-, Vitamin-D- und Cholesterinwerte aufwiesen wie Kinder, die Fleisch verzehrten.

Unter vegetarischer oder veganer Ernährung fand sich gleichwohl eine erhöhte Quote von Kindern mit Untergewicht. Die Qualität der Ernährung wurde in der Studie nicht untersucht.

"Die Studie zeigt, dass eine vegetarische Ernährung von Kindern weitgehend sicher ist", sagt Hans Hauner. Allerdings könne auch diese Untersuchung aus Kanada keine Garantie liefern. Die Beobachtungsdauer sei dafür zu kurz gewesen und die Informationen über die Ernährung der Kinder und ihrer Eltern "lückenhaft".

"Die Ergebnisse stehen im Einklang mit früheren Untersuchungen aus anderen Ländern, die ebenfalls zeigten, dass eine ausgewogene, abwechslungsreiche vegetarische Ernährung Kinder und Erwachsene gleichermaßen mit allen notwendigen Nährstoffen versorgt und eine normale kindliche Entwicklung ermöglicht", sagt Peter von Philipsborn, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Erhöhte Quote bei Untergewicht – bloß ein Zufallseffekt?

Dass es eine statistische Auffälligkeit für Untergewicht bei fleischlos ernährten Kindern gab, kann von Philipsborn zufolge zwei Ursachen haben: "Da die Anzahl der Kinder mit Untergewicht in der Studie insgesamt sehr niedrig war, ist der Unterschied zwischen den zwei Gruppen möglicherweise auf einen Zufallseffekt zurückzuführen", sagt der Wissenschaftler.

Dies sei insbesondere deshalb möglich, weil in der Studie eine große Zahl an Merkmalen untersucht worden ist. "Und je mehr Merkmale untersucht werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei mindestens einem Merkmal rein durch Zufall ein vermeintlicher Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen zeigt." Dies sei von den Forschenden aus Kanada in ihren statistischen Berechnungen nicht berücksichtigt worden.

Darüber hinaus gebe es in der Studie eine weitere mögliche Fehlerquelle: die Methode für die Klassifizierung untergewichtiger Kinder. Verwendet wurde jene für Heranwachsende europäischer Herkunft, ein Drittel der vegetarisch oder vegan ernährten Kinder in der Studie aber war asiatischer Abstammung. "Dies kann nach Einschätzung von Fachleuten zu einer Überschätzung der Häufigkeit von Untergewicht führen", sagt von Philipsborn.

Vegetarische Ernährung wohl unbedenklich, vegane vorerst nicht

Die Autoren aus Kanada kommen zu dem Schluss, dass weitere, noch größere Kohortenstudien nötig seien, um die langfristigen Konsequenzen einer vegetarischen oder veganen Kost auf das Wachstum und den Ernährungsstatus der Kinder zuverlässiger einschätzen zu können. "Bis dahin müssen wir mit dieser Ungewissheit leben", sagt auch Hans Hauner.

Während eine vegetarische Ernährung mit Milchzufuhr für Kleinkinder wahrscheinlich unbedenklich sei, sei eine vegane Ernährung in dieser Altersgruppe bis zum Beweis des Gegenteils als kritisch zu bewerten. "Sie sollte nach Möglichkeit nicht empfohlen werden", so Hauner weiter.

"Aus anderen Studien weiß man, dass es bei einer veganen Ernährung unter anderem zu einem Vitamin-B12-Mangel kommen kann", sagt Peter von Philipsborn. Deshalb sollten alle Menschen, die sich vegan ernähren, ein Vitamin-B12-Präparat einnehmen.

In der Wachstumsphase in Kindheit und Jugend sei der Bedarf an vielen Nährstoffen erhöht, darunter auch solchen, die vermehrt in tierischen Lebensmitteln vorkommen. Von Philipsborn: "Für Kinder und Jugendliche, aber auch für Schwangere und Stillende wird eine vegane Ernährung daher von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung nicht empfohlen."

Kind soll vegan leben – was können Eltern tun?

Eltern, die ihre Kinder entgegen der Empfehlung vegan ernähren möchten, sollten sich in jedem Fall von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft beraten lassen und die Versorgung mit kritischen Nährstoffen wie Vitamin B12, Eisen und Vitamin D regelmäßig ärztlich überprüfen lassen. Das empfiehlt Peter von Philipsborn, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Unabhängig von ihrer Ernährung sollten alle Kinder zudem die kindlichen Vorsorgeuntersuchungen, die sogenannten U-Untersuchungen, wahrnehmen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.

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