Klimawandel

Ernährung: Kommt das Steak bald aus dem Bioreaktor?

| Lesedauer: 6 Minuten
Wolfgang Mulke
Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als die Ölindustrie

Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als die Ölindustrie

Laut einer neuen Studie sollen die Emissionen durch Haltung, Verarbeitung und Transport von Fleisch deutlich größer sein, als bisher erwartet.

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Weniger Nutztiere auf dem Speiseplan - das ist das Ziel. Eine mögliche Alternative: künstlich erzeugtes Fleisch aus der Petrischale.

Berlin. Auf den Genuss von Steaks oder Würstchen wollen viele Menschen nicht verzichten. Und doch soll Deutschland in Zukunft weniger Nutztiere für die Fleischerzeugung halten, wie die im Auftrag der Bundesregierung arbeitende „Zukunftskommission Landwirtschaft“ vorschlägt. Kann künstlich erzeugtes, sogenanntes In-Vitro-Fleisch, eine Alternative zu jenem aus der Tierhaltung werden?

Gibt es In-Vitro-Fleisch bereits?

Hähnchen-Nuggets aus der Retorte sind keine Gedankenspiel von Science-Fiction-Autoren mehr. Im noblen „Club 1880“ in Singapur werden sie seit Dezember zusammen mit chinesischen Teigtaschen für etwas mehr als 14 Euro im Restaurant aufgetischt.

Den ersten Burger aus künstlich hergestelltem Rindfleisch gab es in den Niederlanden schon 2013. Dessen Kosten lagen allerdings noch bei rund 250.000 Euro. Eine schnelle Markteinführung ist in Europa nicht zu erwarten. Bisher hat kein Produkt die erforderliche Zulassung als neues Lebensmittel.

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Wie wird Zuchtfleisch hergestellt?

Das Fleisch wird aus Stammzellen der jeweiligen Tiere gezüchtet. In einer Nährlösung teilen sich die Zellen und es wächst eine Fleischmasse heran. Drei Wochen dauert die künstliche Aufzucht eines Steaks nach Angaben der israelischen Firma Aleph Farms.

Das ist allerdings schon die kompliziertere Aufgabe, weil Muskelfleisch mit einem gewissen Fettanteil nachgebildet werden muss. „Ein ganzes Steak oder Schnitzel hat nach meiner Kenntnis noch kein Unternehmen geschafft, auch wenn in der Eigenwerbung ein Profikoch feste Stücke auf den Grill legt“, sagt Technikphilosophin und Kulturwissenschaftlerin Silvia Woll vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Darum sollen Deutsche nur noch halb so viel Fleisch essen
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Welche Hürden müssen noch überwunden werden?

Eine Herausforderung ist die Nährlösung, die für das Burger-Wachstum sorgt. Es wurde bisher meist aus einem Serum gewonnen, das lebenden Kälberföten aus dem Herzblut entnommen wird. Die Föten sterben danach. Künftig sollen Seren auf pflanzlicher Basis diese Aufgabe übernehmen.

Auch müssen Bioreaktoren gebaut werden, die das Laborfleisch in großen Mengen erzeugen können. Die Produktion erfordert nach Angaben von Experten sehr viel Energie.

Ist Fleisch aus der Retorte gesund?

Umfassende Studien dazu gibt es noch nicht. Experten gehen aber davon aus, dass Fleisch aus dem Bioreaktor für Menschen eine gesündere Alternative zum normalen Fleisch von Schlachttieren werden kann.

Es werden keine Wachstumshormone benötigt, es landet kein chemischer Rückstand aus verabreichten Medikamenten wie Antibiotika in der Masse. Auch ist die Gefahr von Keimen und anderen Krankheitserregern geringer als bei einer Produktion in der Schlachterei.

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Ist Zuchtfleisch den vegetarischen Alternativen überlegen?

Das ist nach Einschätzung des Umweltbundesamtes bisher nicht der Fall. „Aus Umweltsicht sind pflanzliche Fleischersatzprodukte die beste Fleischalternative“, heißt es in einer vergleichenden Studie des Amtes. Sowohl beim Wasserverbrauch als auch beim Landverbrauch weisen Soja oder Getreide die bessere Umweltbilanz aus.

Eine Zahl verdeutlicht den Unterschied. Für die Produktion eines Kilogramms Fleisch werden laut KIT 15.000 Liter Wasser benötigt, für ein Kilo Kartoffeln 255. Allerdings erwarten die KIT-Experten auch vom In-Vitro-Fleisch einen Fortschritt gegenüber der konventionellen Fleischproduktion.

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Macht die Züchtung die Welternährung sicherer?

Selbst wenn es gelingen sollte, auf breiter Front Fleisch künstlich herzustellen, ist die Produktion nicht hundertprozentig effizient, wenngleich die Energiebilanz besser ist als bei der konventionellen Tierhaltung. Um für die Ernährung eine Kilokalorie zu gewinnen, müssen beim Rind sieben Kilokalorien aufgewendet werden, beim Huhn immer noch drei.

In-Vitro-Fleisch kommt mit zwei Kalorien aus. Aber es muss auch hier mehr hineingesteckt werden als herausgeholt wird. „Die beste Lösung ist eine vegetarische Ernährung“, stellt Forscherin Woll daher fest.

Nahrungsmittel der Zukunft
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Wird die herkömmliche industrielle Tierhaltung bald überflüssig?

Sollte Fleisch irgendwann in großen Mengen in Fabriken produziert werden können, könnte es einen Teil der konventionellen Tierhaltung ersetzen. Ohne lebende Tiere kommen die Hersteller des Retortenfleisches aber auch noch nicht aus. Sie brauchen zum Beispiel die Stammzellen von Rindern, die bisher noch in einem schmerzhaften Prozess vom lebenden Tier gewonnen werden.

Wer entwickelt das künstliche Fleisch?

Den ersten Burger aus dem Labor stellte Mark Post von der Universität Maastricht 2013 vor. Die Niederlande zählen auch heute noch zu den Vorreitern bei der Entwicklung. Weit vorne liegen aber auch Firmen aus den USA und Israel. Auch ein deutsches Startup ist dabei.

Innocent Meat heißt die Firma mit Sitz in Rostock, die auf einen Durchbruch des Fleisches ohne Tierzucht hofft. In Finanzierungsrunden fällt es den Startups nicht schwer, hohe Millionenbeträge einzuwerben. Bill Gates gehört ebenso zu den Finanziers wie der deutsche Geflügelkonzern Wiesenhof.

Kann die Technik im Kampf gegen Klimawandel helfen?

Umweltschützer und Hersteller hoffen, dass die In-Vitro-Technik im Kampf gegen den Klimawandel helfen kann. Ob und wann, steht aber in den Sternen.

Die Fleischproduktion ist weltweit für etwa 14 Prozent des Klimagases CO2 verantwortlich. Wenn der Konsum wie prognostiziert auch bei wachsendem Wohlstand in den Schwellenländern und der ebenfalls wachsenden Weltbevölkerung steigt, wird die Atmosphäre in zunehmenden Maße belastet und die Erderwärmung forciert. Sollte es gelingen, einen größeren Teil der Fleischnachfrage aus dem Bioreaktor zu decken, kann dies einen beträchtlichen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten.

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