Gesundheit

Medikamente: Diese Fehler bei der Einnahme sind gefährlich

Kampf gegen Coronavirus: Blutverdünner verringern Sterberisiko

Covid-19 kann nicht nur die Lunge beschädigen, sondern auch das Herz-Kreislauf-System. Deshalb haben Ärzte Blutverdünner im Kampf gegen das Virus getestet. Eine Studie ergab: Diese Medikamente können tatsächlich Leben von Corona-Patienten retten.

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Einnahmefehler bei Pillen können gefährlich sein. Doch was heißt eigentlich „vor dem Essen“ einnehmen? Und darf man Tabletten teilen?

Berlin. Medikamente zu nehmen, eine Tablette oder ein paar Tropfen – wie schwer kann das schon sein? Was soll man dabei bitte falsch machen? Vieles! Und deutlich mehr, als man vermuten würde. Nicht ohne Grund heißt es: „Lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Oft gehört, selten befolgt.

Wenn es gut läuft, wird die Packungsbeilage fix überflogen. Zu verstehen ist diese dank Fachausdrücken und Schachtelsätzen meist schwer.

Einnahmefehler: Wichtige Informationen kommen nicht an

Und vom Gespräch mit dem Arzt bleibe oft nur ein Bruchteil der teils essenziellen Einnahmeinformationen hängen, erklärt Mathias Arnold, Apotheker aus Halle (Saale) und Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

„Die Situation beim Arzt ist für jeden Menschen stressig. Gerade wenn man krank ist oder gar eine neue Diagnose kommt. Dann ist man sehr leicht überfordert“, so Arnold. Zudem habe jeder – egal ob alt oder jung – eine begrenzte Aufnahmefähigkeit.

„Wenn ganz viele Informationen auf einen Patienten einprasseln, dann passiert es ganz natürlich, dass im Gehirn ein Filter einsetzt und sein Kopf einfach dichtmacht oder sich nur noch das merkt, was er verstanden hat oder für vermeintlich wichtig hält.“ Dadurch kämen wichtige Informationen oft nicht beim Patienten an.

Fehler bei Einnahme, Dosierung und Lagerung der Medikamente

Anders als viele glaubten, sei die Arzneimittelanwendung aber eben oftmals nicht selbsterklärend, betont auch Hanna Seidling. Sie leitet die Kooperationseinheit klinische Pharmazie am Uniklinikum Heidelberg und ist für das Aktionsbündnis Patientensicherheit aktiv.

Die Pro­bleme reichten von der richtigen Lagerung über die Entnahme aus der Packung, die Dosierung, den richtigen Einnahmezeitpunkt bis hin zur Einnahme selbst.

„Wir haben über 30.000 verschiedene Arzneimittel auf dem deutschen Markt“, erklärt Seidling. Und so individuell wie die Medikamente seien auch die Patienten und die Fehler, die gemacht würden.

Schluckbeschwerden machen die Einnahme zum Problem

Eine verminderte Fingerkraft oder Fingerfertigkeit könne die Anwendung schwieriger machen, aber auch Schluckbeschwerden, die tatsächlich viele Patienten haben.

„Eine Studie geht von knapp 40 Prozent aus“, so die Pharmazeutin. „Und wenn ein Patient Schluckbeschwerden hat, dann ist das Risiko sehr groß, dass selbst die scheinbar einfachste Anwendung, nämlich das Schlucken einer Tablette, zum Problem werden kann.“

Immer wieder würden Tabletten zerkleinert, zerkaut oder Kapseln geöffnet, obwohl man es gar nicht dürfte, so die Experten. „Je nach Medikament hat das teils schwerwiegende Folgen“, erklärt Seidling.

Seien Medikamente beispielsweise extra magensaftresistent überzogen und die Beschichtung wird beschädigt, so werde der Wirkstoff entweder im Magen zersetzt und könne nicht mehr wirken, oder der Wirkstoff selbst schlage dem Patienten auf den Magen.

Lebensbedrohlich, wenn die Tablette zerkleinert wird

Bei Retardtabletten, die Wirkstoffe eigentlich erst nach und nach freigeben sollen, könne es unter Umständen akut lebensbedrohlich werden, wenn diese zerkleinert werden.

„Dann besteht die Gefahr, dass der Wirkstoff, der eigentlich über den ganzen Tag freigesetzt werden sollte, plötzlich gleich zu einem Zeitpunkt auf einmal im Körper verfügbar ist“, so Seidling, „und dadurch plötzlich eine überschießende Wirkung eintritt.“

Das kann bei Substanzen wie Opioiden besonders kritisch sein. Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, spricht von 250.000 Krankenhauseinweisungen jährlich, die auf vermeidbare Medikationsfehler zurückzuführen seien.

Tabletten verbinden sich mit Bestandteilen der Nahrung

Auch der Einnahmezeitpunkt und mit was Medikamente eingenommen werden, führt laut den Experten immer wieder zu Problemen.

Manche Medikamente müssten bewusst zum Essen, manche bewusst davor, manche auf einmal, manche in einem regelmäßigen zeitlichen Abstand eingenommen werden, damit alle Bestandteile ihre volle Wirkung entfalten könnten. Als Beispiel nennt Apotheker Arnold den Einnahmehinweis „nüchtern“ oder „vor dem Essen“.

Im Alltag heißt das oft, Patienten schlucken früh im Bad ihr Medikament, putzen Zähne und trinken dann ihren ersten Kaffee, frühstücken vielleicht sogar.

„Die Tabletten verbinden sich dann mit Bestandteilen der Nahrung und werden vom Körper gar nicht aufgenommen“, erklärt Arnold. „Man hätte es sich also genauso gut sparen können.“

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Antibiotikum: „Als würde man einen Kieselstein schlucken“

Dieses Phänomen trete beispielsweise auf, wenn man einige Antibiotika mit kalziumhaltigen Lebensmitteln einnehme wie Milch, Käse oder Joghurt.

„Das Antibiotikum verbindet sich mit dem Kalzium und wird unlöslich. Das ist dann so, als ob Sie einen Kieselstein schlucken“, mahnt der ABDA-Vizepräsident. „Der wird den Weg durch den Körper nehmen, und am nächsten Tag ist er so, wie er in den Körper reinkam, wieder draußen.“

Mit Blick auf Essen sei es bei Hormonpräparaten oder auch einigen Osteoporose-Medikamenten ähnlich.

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„Vor dem Essen“ heißt mindestens eine Stunde vorher

Soll ein Medikament „vor dem Essen“ genommen werden, rät er zu einem Abstand von mindestens einer Stunde. Außerdem betont er, dass die Patienten immer ein paar mehr Minuten in der Apotheke investieren sollten.

„Es ist wichtig, dass wir uns als Apotheker mit den Patienten austauschen können, dass man sich als Patient den Rat der Fachleute holt und nicht meint, das bekomme man schon hin“, so Arnold. „Das ist ein falscher Stolz.“

Davon Medikamente online zu bestellen, hält Arnold aus diesem Grund nichts. Dass man das vermeintlich harmlose Paracetamol beispielsweise nicht gegen einen Kater nach feuchtfröhlichen Nächten nehmen sollte, könnte er dann niemandem erzählen.

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Paracetamol und Restalkohol vertragen sich nicht

„Paracetamol benutzt nämlich genau die gleichen Abbauwege, die wir für den Alkoholabbau brauchen“, erklärt der Apotheker. „Ist noch Restalkohol vorhanden, dann drängelt sich dieser quasi vor und es sammeln sich toxische Zwischenprodukte an, die die Leber schädigen können.“

Zudem könnten durch den Gang zu einer Stammapotheke, bei der man sich auch registrieren lässt, gerade bei Polymedikation – also wenn mehrere Medikamente gleichzeitig genommen werden – Wechselwirkungen und Ähnliches leichter erkannt und vermieden werden.

Medikationsplan: Welche Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel?

Gerade in diesem Zusammenhang verweist Pharmazeutin Seidling auf die Bedeutung eines Medikationsplans, in dem alles eingetragen ist, was ein Patient an Arzneimitteln und auch Nahrungsergänzungsmitteln nimmt.

„Dieser sollte dann aber auch ärzteübergreifend beachtet und ergänzt werden“, so Seidling. Hier gehe es nicht ohne ein wachsames Auge der Heilberufler und gleichzeitig die Eigenverantwortung der Patienten selbst.