Nostalgie

Ape – das italienische Kult-Dreirad wird 70 Jahre

Die Piaggio Ape 500, ein Modell des Jahres 1966.

Die Piaggio Ape 500, ein Modell des Jahres 1966.

Foto: Piaggio

Sie sind die Mini-Laster für die italienischen Momente im Leben. Piaggios Pritschenwagen liefern seit 1948 nicht nur Pizza und Pakete.

Pontedera.  Ob Asien, Deutschland oder Südeuropa: Steuerlich privilegierte Dreirad-Laster haben die Nachkriegswirtschaft einst ins Laufen gebracht. Während sich aber kaum noch jemand an die erfolgreichen Kleinsttransporter von Tempo, Goliath oder Mazda erinnert, erhält die seit 70 Jahren gebaute Piaggio Ape bis heute begeisterten Applaus für ihr lautstark vorgetragenes Einzylinderlied.

Vielleicht ist es das typisch italienische Gespür für einfache aber unvergänglich lebensfrohe Formen, der dieses nach einer fleißigen Arbeitsbiene benannte Vehikel seine anhaltende Beliebtheit verdankt. Vielleicht ist es aber auch die enge Verwandtschaft der Ape mit der Vespa, dem Kult-Motorroller schlechthin.

Der Vespa fehlte Platz für Gepäck und Fracht

Mit diesem Zweirad motorisierten Unternehmer Enrico Piaggio und sein Chefingenieur Corradino d’Ascanio gleich nach Kriegsende ganz Italien. Was der Vespa fehlte, war allerdings Platz für Gepäck und Fracht. Nach Vorbild der biblischen Schöpfungsgeschichte entnahmen Piaggio und d’Ascanio deshalb „der Vespa eine Rippe“, wie es die Firmenchronik formuliert.

Fertig war das dreirädrige Gegenstück zum flinken Roller, und als 125-Kubikzentimeter-Zweitakt-Benziner stemmte die Ape offiziell bis zu 200 Kilogramm, wahlweise als Kastenwagen oder Pick-up.

Im harten Arbeitsalltag konnten es auch einmal 500-Liter-Weinfässer oder schwerste Baumaterialien sein, die Biene erwarb sich schnell den Ruf einer unkaputtbaren Begleiterin. Genau so trat die Ape aus dem Schatten der Vespa und eroberte die ganze Welt. Vor allem aber verkörpert sie ein Stück Italien, ähnlich wie es Pizza, Pasta und Wein vermögen.

Ape: Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlten genau solche Modelle

An diese Rolle eines nationalen Sympathieträgers und automobilen Botschafters italienischer Lebensart war bei der Entwicklung der Ape noch nicht zu denken. Für Piaggio ging es in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit schlicht ums Überleben.

Das schon 1884 gegründete Unternehmen aus Pontedera in der Provinz Pisa hatte sich vom kleinen Handwerksbetrieb zum bedeutenden Flugzeugbauer und Rüstungsproduzenten entwickelt. Damit war es nach dem Zweiten Weltkrieg vorbei, denn das Werk lag in Trümmern, und die Alliierten untersagten Piaggio einen Neustart im Waffengeschäft. Was tun?

Enrico Piaggio, Sohn des Firmengründers Rinaldo, konzentrierte sich gemeinsam mit seinem bisherigen Flugzeugkonstrukteur d’Ascanio auf das Kleinstfahrzeuggeschäft. Genau diese Modelle fehlten der Ökonomie des Landes, um den innerstädtischen Transport, aber auch den Warenumschlag von Kleinunternehmen, Handwerkern und Bauern zu bewerkstelligen.

Den Anfang machte 1946 die Vespa (italienisch „Wespe“), das bis heute berühmteste Vehikel aus dem Hause Piaggio. Nur ein Jahr später präsentierte Piaggio einen serienreifen Prototypen der Ape, der sich als Vespa mit Ladefläche und entsprechendem Zweitakttriebwerk unter dem Fahrersitz vorstellte.

Die Biene hat es bisher in Europa auf zwei Millionen Einheiten gebracht

Die Republik Italien hatte sich ge­rade eine Verfassung gegeben, als die knatternde Arbeitsbiene 1948 in den Handel kam. Erhältlich zu Preisen ab 170.000 Lire, war die Piaggio Ape preiswerter als alle anderen vergleichbaren Nutzfahrzeuge, aber erst die Ratenfinanzierung machte sie wirklich erschwinglich für Gemüsehändler, Kleinbauern und alle, die von einem motorisierten Untersatz träumten.

Schließlich betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen der Italiener damals nur 139.000 Lire. Wem der winzige Fiat Cinquecento unerreichbar kostspielig, zu klein für Heuballen oder zu groß für engste Gassen schien, der kaufte fortan eine Ape, zumal Piaggio das Programm permanent erweiterte.

Es war der Beginn einer unvergleichlichen Erfolgsstory, die bis heute andauert. Diese Biene hat es bisher allein in Europa auf über zwei Millionen Einheiten gebracht, was ihr den Titel „Meistverkauftes Dreiradfahrzeug aller Zeiten“ sichert.

Mit der Ape vor die Dorfdisco oder ins schicke Café

Darüber hinaus brachte die Ape aber auch Indien auf belast­baren Mini-Rädern ins 21. Jahrhundert. Denn im dortigen Werk Baramati ersetzte der Piaggio 1999 alte deutsche ­Lizenzkonstruktionen und avancierte zum erfolgreichsten Dreirad in ganz Asien. Mehr als 150.000 Kleinsttransporter liefert Baramati jährlich aus, von denen besonders originelle Konstruktionen sogar nach Europa kommen.

Meist handelt es sich dabei um Modelle im Retrolook, denn wie die Vespa und der Fiat 500 zitiert sich auch die Zweitakt-Biene am liebsten selbst. Tatsächlich gibt es ja auch genug Geschichten zu erzählen aus dem Leben dieses Motorrads mit Ladefläche, dessen ölige Duftwolken allmorgendliches Markenzeichen italienischer Marktplätze und Gewerbegebiete wurden, und dessen lautstarker Sound sogar die italienische Jugend infizierte.

Mit der Ape vor die Dorfdisco oder das schicke Eiscafé ­fahren, die Gesetzgebung und trendige Designerklamotten für die Blechkiste machten es möglich.

1994: Ape bekommt Komfortfeatures wie Stereoradio

So gab es das Dreirad ab 1969 als Einsitzer mit 49-Kubikzentimeter-Motor, womit dieser Piaggio als erstes Automobil Moped-Regularien genügte und zum ­Favoriten italienischer Jugendlicher aufstieg. Schneller, lauter und krawal­liger: Die Zweitakt-Ape bot dasselbe ­Tuningpotential wie Vesparoller und kleine Crossmaschinen.

Ein Hype, den Piaggio sorgsam pflegte und befeuerte. Etwa durch die 1994 lancierte Ape Cross in schrillen Signallackierungen und ­Offroad-Optik, aber auch mit bis dahin ungewöhnlichen Komfort­features wie einem Stereoradio.

Genügte den Ape-Fahrern doch über Jahrzehnte der alles übertönende Sound der Zweitakter, die direkt unter dem Fahrersattel montiert waren und Motorradfeeling vermittelten. Dazu passten die Kraftübertragung via Ketten und die charakteristische Lenkstange.

1990 erschien die erste vierrädige Version des Transporters

Erst 1968 spendierte Piaggio der Ape MPV ein richtiges Lenkrad, und 1983 gab es dann Rechts- und Links­lenkerversionen in einer von Star­designer Giorgetto Giugiaro entworfenen Fahrgastzelle. Hinzu kamen damals 12-Zoll-Räder (der Anfang gelang mit zwergenhaften 8-Zoll-Rädern), und 1984 gewährte ein Selbstzünder ein ordentliches Drehmoment.

Dieser mit 0,4 Litern Hubraum weltweit kleinste Viertakt-Diesel-Direkteinspritzer war der Auftakt zu einer ganzen Serie erfolgreicher Bienen, die sich an neuer Klangfarbe und Duftnote zu erkennen gaben. Darunter 1990 die Ape Poker als erste vierrädrige Version des Transporters und die Ape Car Max mit herkulischer Tragfähigkeit von 900 Kilogramm. In Indien wuchsen die Diesel auf 0,6 Liter Hubraum, um dann im Retrodesign nach Europa exportiert zu werden.

Sogar eine deutsche Polizeibehörde vertraut auf die Ape

Eine seltene Spezies sind nur die alternativ beflügelten Arbeitsbienen geblieben, also die Apelino mit Batterie-, Hybrid- oder sogar Druckluftantrieb. Den meisten Käufern genügt offenbar das sympathische Design, das dieses Nutzfahrzeug zum Kultmobil stilisiert.

Perfekt für Promotionzwecke – sogar eine deutsche Polizeibehörde vertraute auf die Faszination der agilen, gerade einmal 2,5 Meter messenden Italienerin – und gut für Urlaubsgefühle, wie die vielen Piaggios mit Eiscafé- oder Espressobar-Möblierung demonstrieren.

Die Ape passt als indischer Transporter ebenso wie als Familientaxi in den engen Stradine von Palermo – diese Bandbreite bietet kein anderes Motorfahrzeug