Gesundheit

Die digitale Stotter-Therapie soll vor allem Jüngeren helfen

Die meisten Menschen fangen im Alter zwischen zwei und fünf Jahren an zu stottern.

Die meisten Menschen fangen im Alter zwischen zwei und fünf Jahren an zu stottern.

Foto: IStock / Getty Images/iStockphoto

Der Arzt von Gudenberg fing mit vier Jahren an zu stottern. Um anderen zu helfen, entwickelte er eine Therapie. So funktioniert sie.

Berlin.  Können Computer und Software ein Stottern kurieren? „Ja“, sagt Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, den das „Deutsche Ärzteblatt“ zum Pionier der digitalen Stotter-Therapie gekürt hat. Er selbst fing mit vier Jahren an zu stottern – als Erwachsener entwickelte er ein Verfahren, das mittlerweile in Behandlungsleitlinien empfohlen wird.

Was es für einen kleinen Jungen bedeutet, wenn ihm das Wort „Kkkkkönig“ quasi im Mund stecken bleibt, wenn er ungewollt Silben wiederholt oder Laute dehnt – das weiß von Gudenberg nur zu gut, weil er es selbst erlebt hat. Über 20 Jahre blieben ein Dutzend unterschiedliche Behandlungsversuche bei ihm erfolglos.

Heute ist er Allgemeinmediziner und Spezialist für Stimm- und Sprachstörungen – und wurde vom Patienten zum Therapeuten: Von Gudenberg entwickelte die sogenannte Kasseler Stotter-Therapie, mit der Menschen, die stottern, eine flüssige Sprechweise erlernen sollen. Die Kosten werden von den wichtigsten Krankenkassen bezahlt, die Therapie selbst wird in den medizinischen Leitlinien zur Behandlung von Redeflussstörungen empfohlen. Sie gibt es auch als Onlinevariante.

Handeln, wenn das Kind gegen sein Stottern ankämpft

Die meisten Menschen fangen im Alter zwischen zwei und fünf Jahren an zu stottern, sagen die Experten vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Laut der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe in Deutschland sind ein Prozent aller Deutschen betroffen, also mehr als 800.000. „Man geht davon aus, dass es eine – in vielen Fällen genetische – Veranlagung für das Stottern gibt. Früher oder später wird dann das Stottern ausgelöst“, heißt es seitens des Logopädie-Verbandes.

Nicht immer ist eine sofortige Therapie notwendig. Die Selbsthilfe-Vereinigung rät vor allem dann dazu, wenn Kinder gegen ihr Stottern ankämpfen. So schneiden manche kleine Patienten Grimassen oder bewegen den Kopf, weil sie sich so anstrengen, richtig zu sprechen. Es kann auch sein, dass sie flüstern oder bestimmte Worte vermeiden – vor lauter Angst, dass der Redefluss wieder unterbrochen wird. Die Fachleute beobachten bei Kindern, dass sie sich schämen oder verärgert sind und sich zurückziehen.

Meist rufen die Mütter an

Spätestens dann ist für die Eltern der Moment gekommen, in dem sie Rat suchen. „Meist rufen uns die Mütter an. Sie möchten wissen, wie sie ihr Kind unterstützen können“, sagt Ulrike Genglawski von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS). Sie vermittelt eine fachliche Beratung, in der es darum geht, über die Methoden zu informieren. „So finden wir diejenige, die am besten spielerisch in das Leben des Kindes integriert werden kann.“

Die Therapieansätze sind unterschiedlich. Alexander Wolff von Gudenberg: „Es gibt Sprechmodifikationen, zu denen die Kasseler Stotter-Therapie gehört. Die grundlegende Idee ist es, das ganze Sprechmuster zu verändern. Dabei lernt man weiche Stimmeinsätze. Die Menschen sprechen anfangs auffällig gedehnt, um dadurch im Lauf der Zeit ein unauffälliges gebundenes Sprechen zu lernen.“ Wer regelmäßig übt, soll wenig bis gar nicht mehr stottern, neue Erfahrungen machen und so seine oft über Jahre aufgebauten Ängste und das Vermeiden von Wörtern oder Kontakten in den Griff bekommen.

Rückschläge gibt es immer wieder

Die Stottermodifikation ist eine weitere Behandlungsmöglichkeit: Dabei soll der Betroffene lernen, anders und entspannter zu stottern und sich selbst aus einer Sprachblockade herauszuholen. „Rückschläge gibt es dabei immer wieder – wie bei einer Diät“, erklärt Ulrike Genglawski von der Selbsthilfevereinigung. „Man muss sich also phasenweise mit den Techniken beschäftigen – in Form einer Nachsorge oder eines Auffrischens.“ Wer es bis zur Pubertät nicht schafft, flüssig zu sprechen, muss nach ihren Worten damit rechnen, sein Leben lang zu stottern.

Aus diesem Grund will von Gudenberg mit der Kasseler Stotter-Therapie möglichst früh ansetzen. Er hat sie seit Ende der 1980er-Jahre aus einem amerikanischen Sprechtraining entwickelt, das bereits von einer Software unterstützt wurde. Von Gudenberg übertrug sie für alle Altersgruppen ab sechs Jahren auf deutsche Verhältnisse, an einer Version für Vorschulkinder wird gerade gearbeitet. Inzwischen gibt es mehrere Varianten – eine Vor-Ort-Behandlung mit einer intensiven Gruppentherapie in Bad Emstal und an zwei anderen Standorten, aber auch eine reine Onlineform mit der selbst entwickelten Plattform „freach“. Auch diese Therapie wird von den meisten Kassen bezahlt.

Das Telefonieren üben

Die Voraussetzung ist allerdings, dass die Patienten zu einem Diagnostiktag kommen und einen Technikcheck absolvieren. „Danach üben sie einen Monat lang intensiv im Einzeltraining, anschließend weniger häufig in Gruppenstunden“, erklärt von Gudenberg das Vorgehen. Die Nachsorge läuft über ein Jahr. Dabei nehmen die Patienten immer wieder in der virtuellen Plattform gemeinsam mit dem Therapeuten Platz und üben zum Beispiel eine Rede oder das Telefonieren.

Das Ziel ist gute Sprechkontrolle zu erlangen. Außenstehende merken im besten Fall nicht, dass jemand stottert – weil er das neue Sprechmuster unauffällig anwendet. „Wir haben bereits mehrere Patienten aus Kuwait, Russland, Kolumbien, Brasilien und Portugal so erfolgreich online therapiert“, sagt der Mediziner.

Überall auf der Welt in die Behandlung einsteigen

Dieses Verfahren soll weiter entwickelt werden – Wolff von Gudenberg will den weltweit circa 75 Millionen Stotternden, die häufig keinen Zugang zu einem Therapeuten haben, Unterstützung anbieten. Deshalb erarbeitet er seit drei Jahren mit Partnern eine webbasierte Software mit virtuellen Dialogen und Algorithmen statt therapeutischem Feedback. Patienten sollen überall auf der Welt flexibel in die Behandlung einsteigen können.

Die Logopädin Dr. Patricia Sandrieser empfindet die Onlinetherapie als gute Chance, mit der vor allem Jüngere erreicht werden können, die gern im Internet unterwegs sind. „Man muss die Menschen aber gut aussuchen, für die diese Therapie die passende ist – und aufpassen, dass die Krankenkasse die Verantwortung für ein Gelingen der Behandlung nicht dem Patienten zuschiebt.“

Ähnlich sieht es auch Prof. Dr. Martin Sommer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe, und pocht auf die Beratung: „Nur wer gut informiert ist, kann als mündiger Patient entscheiden, ob Methode A, B oder C zu ihm passt. Wie gut die zu erlernenden Techniken zum Betroffenen passen, zu seinem Stottern und seinen Lebensumständen, muss jeweils individuell entschieden werden.“

© Hamburger Abendblatt 2019 – Alle Rechte vorbehalten.