Politikdebatten

„Wutreden“ von Politikern sorgen im Internet für Furore

Sogar Frank-Walter Steinmeier kann mal sauer werden, so wie hier im Mai 2014 beim Europawahlkampf der SPD auf dem Berliner Alexanderplatz.

Sogar Frank-Walter Steinmeier kann mal sauer werden, so wie hier im Mai 2014 beim Europawahlkampf der SPD auf dem Berliner Alexanderplatz.

Foto: imago stock&people / imago/Christian Thiel

Manchmal werden Politiker zu Internetstars – wenn ihnen der Kragen platzt. Einige nutzen diese Rede-Videos sogar als PR-Strategie.

Berlin.  Parlamentsdebatten – zum Gähnen. Wahlkampfreden – öde Routine. So lautet die gängige Meinung, wenn Politiker ans Mikrofon treten. Entsprechend gering ist meist das Zuschauerinteresse. Doch es geht auch anders. Dann nämlich, wenn Rednerinnen und Redner aus der üblichen Lethargie ausbrechen. Das Phänomen nennt sich „Wutrede“ – und erfreut sich im Internet wachsender Beliebtheit.

Jüngstes Beispiel ist der Auftritt der SPD-Politikerin Natascha Kohnen im bayerischen Landtag bei einer Debatte zur Flüchtlingspolitik. In nicht einmal dreieinhalb Minuten faltet die Generalsekretärin der Bayern-SPD die versammelten CSU-Abgeordneten regelrecht zusammen. „Seit drei Monaten gehen Sie dem ganzen Land, ganz Deutschland auf die Nerven mit Ihrem populistischen Rausgeplärre“, ruft Kohnen bei der Debatte Anfang Februar Richtung Unionsfraktion: „Weniger Populismus und mehr Humanität, das ist das, was Sie brauchen.“

Auf Facebook wurde das Video der Rede inzwischen über 10.000 Mal geteilt und insgesamt rund 500.000 Mal angesehen. Die Kommentare sind fast durchgängig begeistert. „So weit hat sich noch nie eine Rede aus dem Landtag im Internet verbreitet – das ist sicher“, freute sich der PR-Chef der SPD, Rainer Glaab.

Offensichtlich hat die SPD-Frau einen Nerv getroffen. Ihre kurze Rede hat einen gewissen Spektakel-Faktor, der vielen Politiker-Auftritten fehlt. Doch mit pointierten, spontanen und zugespitzten Auftritten lässt sich das (Wahl-)Volk beeindrucken. Das hat auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner erkannt. Erst kürzlich nutzte der überaus redegewandte Lindner eine Debatte im nordrhein-westfälischen Landtag zu einer sehenswerten Abrechnung mit dem Umgang der großen Parteien gegenüber der AfD.

„Mit Schuldzuweisung und Blockade macht man Rechtspopulisten groß, mit Problemlösungen macht man sie klein“, so Lindner. Kurz zuvor hatte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) erklärt, sie werde mit keinem AfD-Politiker öffentlich diskutieren. Lindner weiter: „Wenn eines die Grundfeste der europäischen Einigung erschüttert, dann wäre das, wenn wieder mit nationaler Abschottung Politik gemacht werden würde. Und dagegen müssen wir uns gemeinsam wehren.“

Die Rede wurde auf Facebook, bei YouTube und anderen Portalen knapp zwei Millionen Mal angesehen. Gerade für die FDP, der seit der Abwahl aus dem Bundestag 2013 die große politische Bühne fehlt, sind solche Internet-Auftritte Teil der PR-Strategie. „Videos sind bereits seit Jahren fester Bestandteil der Öffentlichkeits-Arbeit und Social-Media-Strategie der FDP-Landtagsfraktion“, erklärte eine Sprecherin gegenüber unserer Redaktion. „Unser YouTube-Kanal ist dabei ein Instrument, über das wir ein Angebot an die Bürger machen, sich über unsere Arbeit im Landtag zu informieren.“

Selbst im Europäischen Parlament, ansonsten eine Weihestätte der gepflegten Langeweile, kommt es inzwischen gelegentlich zu Wutausbrüchen auf offener Bühne. Beispielsweise als sich der CSU-Europa-Abgeordnete Manfred Weber den griechischen Premier Alexis Tsipras zur Brust nahm, als der im letzten Sommer in Straßburg zu Gast war.

Der eigentlich als eher besonnen geltende Weber schlug scharfe Töne an, bezichtigte Tsipras der Lüge an seinem eigenen Volk. „Sie umgeben sich mit den falschen Freunden“, rief der CSU-Politiker. Und: „Es wird der Landwirt in Portugal sein, es wird die Krankenschwester in der Slowakei sein und es wird der Beamte in Helsinki sein, der Ihre Schuldenlast zu bezahlen hat. Denken Sie eigentlich auch an diese Menschen?“

Selbst Politikern, die ansonsten wenig Emotionen in ihre Reden legen, platzt irgendwann mal der Kragen. So bei SPD-Mann Frank-Walter Steinmeier bei einem Europawahlkampfauftritt im Mai 2014 auf dem Berliner Alexanderplatz. Immer wieder sah sich der Außenminister mit „Kriegstreiber“-Rufen aus dem Publikum konfrontiert. Es ging um den Ukraine-Konflikt, um das Freihandelsabkommen TTIP und überhaupt. Irgendwann wurde es Steinmeier zuviel.

„Hätten wir auf Leute wie die da hinten gehört, wäre Europa heute kaputt“, rief er den Störern zu. Sichtlich sauer fuhr er fort: „Ihr solltet euch überlegen, wer hier die Kriegstreiber sind. Die Welt besteht nicht nur auf der einen Seite aus Friedensengeln und auf der anderen Seite aus Bösewichten“, brüllte Steinmeier mit hochrotem Kopf. „Ich fordere euch auf: Hört zu!“ YouTube verzeichnet für das Video inzwischen mehr als 2,7 Millionen Aufrufe.

Steinmeier sagte zwei Tage übrigens nach seiner Wutrede, trotz des Interneterfolgs sei er „nicht stolz darauf“. Es sei eine „besondere Situation an diesem Abend“ gewesen. Das „Maß an Hass und Dummheit“ bei einigen Zuhörern habe ihn schlichtweg empört. Er werde nicht zulassen, dass radikale Kräfte „dieses Europa zerstören“. Steinmeier sagte das, ohne einmal die Stimme zu heben.