Er gab dem Erinnern die Stimme

Richard von Weizsäcker war nicht frei von Widersprüchen. Gerade deshalb spielte der ehemalige Bundespräsident für das Selbstverständnis der Bundesrepublik eine Schlüsselrolle

Wie wohl kein anderer deutscher Politiker in höchsten Staatsämtern außer Willy Brandt verkörperte Richard von Weizsäcker in den Augen der Welt und insbesondere der europäischen Nachbarvölker die demokratische Wandlung und Läuterung Deutschlands nach dem Absturz in die nationalsozialistische Barbarei. Es war einer jener sprichwörtlichen deutschen Glücksfälle, dass er just in der Periode von Mauerfall und Wiedervereinigung als Bundespräsident die westdeutsche Demokratie repräsentierte.

Viel mehr noch als Kanzler Helmut Kohl (CDU) vermittelten seine Aura und sein integres, feinfühliges Auftreten namentlich den osteuropäischen Nationen das Vertrauen darauf, dass von einem vereinigten Deutschland nicht nur keine Gefahr mehr ausgehe, sondern die deutsche Demokratie mittlerweile sogar an führender Stelle für die freiheitlichen Werte Europas einstehe.

Dieses Vertrauen basierte auch auf seinem Ruf, ein unabhängiger, undogmatischer Geist zu sein. Diesen Ruf hatte sich Weizsäcker nicht zuletzt durch seine – von der Mehrheitslinie seiner Partei, der CDU, abweichende – Haltung zu den sozialliberalen Ostverträgen erworben. Sein Eintreten für die Vertragswerke mit der Sowjetunion und vor allem mit Polen trug 1972 wesentlich dazu bei, dass sich die Unionsfraktion in Bundestag und Bundesrat nach langem, heftigem Widerstand bei der Abstimmung über deren Ratifizierung schließlich enthielt, sodass sie am Ende problemlos passieren konnten.

Dem Nimbus des 1920 als Richard Freiherr von Weizsäcker geborenen promovierten Juristen als einer moralischen Instanz kam zugute, dass ihn die Öffentlichkeit nicht als „gewöhnlichen“ Politiker ansah. Mit seinem bildungsbürgerlich-feinsinnigen, von einem Anflug aristokratischen Gebarens imprägnierten Habitus – in dem nicht wenige auch Züge des Hochmuts erkannten –, vermittelte er vielmehr den Eindruck, sich der Politik aus Pflichtgefühl für die res publica zugewandt zu haben, sie aber als Brotberuf und Medium der Selbstbestätigung nicht zu benötigen.

Lesen Sie hier die wegweisende Weizsäcker-Rede.

Tatsächlich musste er von seiner Partei 1969 zur Kandidatur für den Bundestag regelrecht gedrängt werden. Zuvor hatte er bereits als Manager in der Industrie und als Präsident des Evangelischen Kirchentags bewiesen, dass er auch jenseits der Politik zu einer außerordentlichen Karriere fähig war.

Den Höhepunkt seines Ansehens erreichte Weizsäcker aber mit seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 8. Mai 1985, in der er den Tag der Kapitulation des Deutschen Reichs 40 Jahre zuvor einen „Tag der Befreiung“ nannte. Indem er dies tat, besiegelte Weizsäcker einen Paradigmenwechsel in der bundesdeutschen Aufarbeitungsgeschichte des Dritten Reichs. Er erteilte damit gleichsam offiziell allen Versuchen eine endgültige Absage, die NS-Vergangenheit durch Verdrängen, Verleugnen oder ausweichendes Relativieren in den Griff zu bekommen. „Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können, ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit“, sagte er.

Dass man sich der Verantwortung für die Hitler-Jahre durch intensives Erinnern zu stellen habe, wurde mit diesem Satz gewissermaßen zur Staatsräson der deutschen Demokratie. Weizsäcker beglaubigte damit, dass inzwischen auch der Mainstream des demokratischen Konservatismus zu dem Schluss gekommen war, das Bekenntnis zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit diene der Stärkung deutscher Interessen und des wiedergewonnenen Selbstbewusstseins der Deutschen mehr als der vergebliche Versuch, sich aus ihr herauszureden.

Hatte Willy Brandt (SPD) den seltenen Typus des untadeligen deutschen Antifaschisten verkörpert, so bezog Weizsäcker seine Glaubwürdigkeit in Sachen Vergangenheitspolitik gerade daraus, dass er als junger Offizier Kriegsteilnehmer – in den Feldzügen gegen Polen und die Sowjetunion – gewesen und somit biografisch in das Geschehen unter der NS-Herrschaft verstrickt war. Umso höher wurde ihm die intellektuelle Anstrengung und moralische Gewissenhaftigkeit angerechnet, mit der er sich zu der Einsicht durchrang, dass nur die vollständige Kriegsniederlage den Deutschen eine neue Zukunft eröffnen konnte. Dabei traf er einen Tonfall, der auch jene ansprach und „mitnahm“, die im deutschen Untergang noch immer vor allem eine nationale Tragödie sahen.

Aus dieser Perspektive heraus vollzog Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai einen virtuosen Balanceakt zwischen der schonungslosen Benennung der NS-Verbrechen in ihren historisch einzigartigen Ausmaßen und der Würdigung des Leidens der Deutschen an der totalen Niederlage von 1945. Er löste dieses Spannungsverhältnis auf, indem er das deutsche Volk in die Reihe derer einschloss, die vom NS-Regime unterjocht worden waren: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Gleichwohl vermied es Weizsäcker – der einigen Beteiligten am Attentat des 20. Juli nahegestanden hatte, ohne sich selbst aktiv am Widerstand zu beteiligen –, die Deutschen etwa im Nachhinein auf die Seite der alliierten Sieger zu expedieren. Er verwies auf die zwiespältigen Gefühle, die der Zusammenbruch von 1945 bei ihnen ausgelöst hatte. „Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen“, erklärte er, „dankbar andere Deutsche für den geschenkten neuen Anfang.“

Wir hätten daher „wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen“, schränkte er ein. „Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“

Der enorme Eindruck, den die Rede zum 8. Mai im In- wie im Ausland machte, ließ in den Hintergrund geraten, dass Weizsäckers Umgang mit der deutschen Vergangenheit durchaus nicht immer und in allen Aspekten konsequent war. So blieb er gegenüber einer Problematisierung der Rolle seines Vaters Ernst von Weizsäcker als Staatssekretär im Auswärtigen Amt und damit als NS-Spitzendiplomat harthörig.

Richard von Weizsäcker hatte bei der Verteidigung seines Vaters assistiert, als dieser in Nürnberg als Kriegsverbrecher angeklagt und wegen seiner Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. An seiner Ansicht, dieses Urteil sei „historisch und moralisch ungerecht“ gewesen, hielt Richard von Weizsäcker trotz neuer belastender Dokumente bis an sein Lebensende fest.

Solche Ambivalenzen konnten den überragenden Effekt der Botschaft, die seine Rede von 1985 nachhaltig aussandte, jedoch nicht schmälern. Dass in der Person Weizsäckers auch unüberwindliche Brüche der jüngeren deutschen Geschichte sichtbar blieben, stärkte sogar seine moralische und intellektuelle Autorität.

Einen von allen Spuren der Vergangenheit gereinigten „guten Deutschen“ wollte er niemandem vorspielen. Und den hätte ihm auch keiner in der Welt abgenommen.