Chancen für Schüler ungleich verteilt

Studie: Noch immer hängt Bildung stark von der sozialen Herkunft ab – und vom Bundesland. Hamburg überrascht mit guten Noten

Berlin/Hamburg. 14 Jahre ist es jetzt her, dass die PISA-Studie Deutschland in eine Art Schockzustand versetzt hat. Seit diesen Tagen wird am deutschen Schulsystem gewerkelt und reformiert, Leistungsstände werden erhoben und Vergleiche aller Art aufgestellt. Und doch bleibt festzustellen: Es gibt keine Entwarnung an der Bildungsfront. Ob ein Schüler ein Mathe-Ass wird oder nicht, ob er aufs Gymnasium wechselt oder keinen Hochschulabschluss erwirbt: Das hängt noch immer stark davon ab, in welchem Bundesland er zur Schule geht – und davon, welchen sozialen Hintergrund er hat. Chancengerechtigkeit ist das Ziel – aber der Fortschritt in dieser Hinsicht langsam. Das ist das Ergebnis der Studie „Chancenspiegel“, den die Bertelsmann Stiftung mit der Technischen Universität Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena präsentiert hat.

Zum dritten Mal analysiert der „Chancenspiegel“, wie gerecht und leistungsstark die Schulsysteme in den einzelnen Bundesländern sind – diesmal auf der Basis von Daten aus dem Jahr 2012. Die Bildungsforscher verglichen dafür die sogenannte Durchlässigkeit der Schulsysteme sowie die Möglichkeiten der Schüler, sich gut ins Schulsystem zu integrieren, fachliche Kompetenzen zu erwerben und einen guten Abschluss zu erwerben.

Hier offenbaren sich immer noch große Unterschiede: Im Fach Mathematik, das in diesem Jahr erhoben wurde, beträgt der Vorsprung von Neuntklässlern aus höheren Sozialschichten je nach Schulform und Bundesland bis zu zwei Jahre gegenüber ihren Klassenkameraden aus bildungsfernen Schichten. Und selbst in der Gruppe der leistungsstärksten zehn Prozent der Schüler beträgt der Abstand zwischen den Bundesländern bis zu einem ganzen Schuljahr. Von einheitlichen Standards und fairen Chancen für alle Schüler ist Deutschland nach der Studie noch immer weit entfernt.

Doch immerhin: Ein paar kleine Fortschritte wollen die Forscher entdeckt haben. Im Vergleich zur ersten Erhebung 2009/2010 brachen mit sechs Prozent weniger Schüler die Schule ohne Abschluss ab (2009: 6,9 Prozent). Der Anteil der Schüler mit Fachhochschul- oder Hochschulreife stieg hingegen von 46,7 auf 54,9 Prozent. Und auch der Anteil der ganztags betreuten Schüler stieg: von 26,9 im Jahr 2009 auf 32,3 Prozent in 2012.

Damit liege die Ganztagsbetreuung immer noch weit unter dem eigentlich von den Eltern angemeldeten Bedarf von 70 Prozent, bemängelte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung und Verfechter der gebundenen Ganztagsschule mit Nachmittagsunterricht. Eine solche Schulform könne am ehesten die Nachteile der Kinder ausgleichen, die zu Hause wenig Unterstützung erführen, sagte Dräger. Er forderte deshalb einen erheblich schnelleren Ausbau. „Ein Rechtsanspruch wäre der entscheidende Hebel, damit genügend Ganztagsschulen eingerichtet und bessere Konzepte entwickelt werden.“

Zweimal Spitze, einmal Durchschnitt und einmal Schlusslicht: Das ist die Bilanz, die die Bertelsmann-Studie für das Hamburger Schulsystem zieht. In der oberen Gruppe unter den Bundesländern rangiert Hamburg beim Thema Durchlässigkeit, also der Fähigkeit des Systems, Bildungsaufstiege zu ermöglichen. Der Anteil der Fünftklässler, die nach der Grundschule ein Gymnasium besuchen, liegt mit 52,9 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt von 42,9 Prozent. Eine weitere Kennziffer spricht für Hamburg: 45,8 Prozent (2009: 39,9) aller Hauptschüler erhalten nach Schulabschluss einen Ausbildungsplatz im Dualen System. Der Bundesschnitt liegt bei 41,6 Prozent.

Einen Spitzenwert erreicht Hamburg auch beim Abitur: 66,6 Prozent eines Jahrgangs (2009: 52,5 Prozent) verlassen die Schule mit der Hochschulreife. Im Bundesdurchschnitt liegt der Wert bei 54,9 Prozent. Bei den so genannten Schulabbrechern ohne Abschluss liegt Hamburg mit 6,7 Prozent (2009: 8,1 Prozent) im Mittelfeld. Hier liegt der Bundesschnitt bei 6,0 Prozent.

Hamburger Schwachpunkt ist die Kompetenzförderung. Die Neuntklässler landen bei der Mathematikkompetenz im Durchschnitt in der unteren Gruppe der Länder. Auch bei den leistungsschwächsten zehn Prozent sind die Ergebnisse weit unterdurchschnittlich. Nur die oberen zehn Prozent der Hamburger schaffen im Ländervergleich einen Mittelplatz. Aufgrund ihrer sozialen Herkunft benachteiligte Schüler schneiden im Vergleich zu privilegierten Altersgenossen in Hamburg schlechter ab als im Bundesdurchschnitt, sodass der Stadtstaat auch hier einen Platz in der unteren Gruppe der Länder belegt.

Ein vorbildliches Bundesland bei der Chancengerechtigkeit konnten die Forscher nicht ausmachen. „Jedes der 16 Bundesländer weist im Vergleich mit den anderen Schulsystemen relative Stärken und Schwächen auf“, sagten die Bildungsexperten. Auch ein Ranking der Länder ist nach den Kriterien der Bertelsmann-Stiftung kaum zu erstellen – zu unterschiedlich haben sich die Bundesländer in den vier „Gerechtigkeitskategorien“ Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe positioniert.

Beim Kriterium Kompetenzförderung, für das die Mathematikleistungen der Neuntklässler herangezogen wurden, erreichten etwa Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Bayern Höchstwerte. In Sachen Integration und Durchlässigkeit des Schulsystems ist Bayern hingegen gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommern Schlusslicht, während die Stadtstaaten gute Werte erzielen – was vor allem an den vergleichsweise weit ausgebauten Ganztagsangeboten dort liegt.

Wirklich verändert hat sich an diesen unterschiedlichen Stärken und Schwächen nichts. Kein Bundesland habe es geschafft, in einer Kategorie den Wechsel vom Schlusslicht zum Anführer zu vollziehen, schreiben die Bildungsexperten. Entscheidend abgerutscht ist aber auch keines. Hinzu kommt, dass es selbst innerhalb der Bundesländer überraschend große Unterschiede zwischen den Regionen gibt. So schwankt in Bayern der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss zwischen 0,7 und 12,3 Prozent; in Sachsen variiert der Anteil der Abiturienten und Fachabiturienten zwischen 32 und 63 Prozent, unter anderem bedingt durch das Schulangebot vor Ort. „Eine stärkere Unterstützung der regionalen Schulentwicklung durch die Länder ist ratsam“, rät Professor Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund. „So kann der Entstehung von Ungleichheit begegnet werden, unabhängig von den kommunalen Finanzlagen.“