Studie

Schulessen: Mehrheit der Hamburger Kantinen schneidet gut ab

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Christian Unger und Claudia Ehrenstein

Die Wissenschaftler der HAW haben bundesweit 3500 Schulkantinen untersucht. Die Speisenauswahl ist meist gering und die Ernährung nicht ausgewogen. Die Forscher beklagen das Überangebot an Fleisch.

Hamburg. Der Ausbau der Ganztagsschulen geht schnell voran – in Hamburg genauso wie in anderen Bundesländern. In der Hansestadt hat sich allein die Zahl der Ganztagsgrundschulen seit 2011 von 50 auf 200 vervierfacht. Bundesweit lernen 32 Prozent der Kinder den ganzen Tag an Schulen – wobei die regionalen Unterschiede groß sind: in Baden-Württemberg sind es 18 Prozent aller Schüler, in Sachsen 78 Prozent. Und etwa sechs Millionen Kinder essen bereits täglich in der Kita oder in der Schule zu Mittag.

Deshalb gehören zu einer Ganztagsschule nicht nur die Reform des Lehrplans und mehr Freizeitangebote für den Nachmittag. Die Verpflegung der Schüler ist eine zentrale Herausforderung für Schulen und Bildungspolitiker. Doch die Qualität der Speisen lässt oft noch zu wünschen übrig.

Forscher der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW) haben im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gut 3500 Schulleitungen in ganz Deutschland befragt und 760 Speisepläne ausgewertet. Das Ergebnis: Die Schulkantinen bieten noch zu wenig Gemüse und zu viel Fleisch an. Auch Seefisch wird zu selten angeboten. Jeder zweite Speiseplan entsprach nicht den Empfehlungen der der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). „Nach wie vor kommt Fleisch noch zu häufig in den Gerichten vor“, heißt es in der Studie, die dem Abendblatt vorliegt. Auch werden in vielen Schulen häufiger als von der DGE empfohlen süße Hauptgerichte angeboten.

Jeder zweite Jugendliche ist stark übergewichtig

Die DGE empfiehlt an zwei Tagen in der Woche Fleisch- oder Fischgerichte. Pommes frites, Pizza, Fischstäbchen oder auch Spaghetti mit Tomatensauce – das sind die Klassiker, die Kindern immer schmecken. Auch beim Mittagessen in der Schule. Die Folgen einer unausgewogenen Ernährung mit zu viel Fett und Zucker sind in Deutschland bereits unübersehbar. Schon 15 Prozent aller Drei- bis 17-Jährigen sind übergewichtig. Jeder zweite bis dritte davon ist sogar stark übergewichtig bis fettleibig. Und die überflüssigen Pfunde werden die Kinder und Jugendlichen später nur schwer wieder los. Bereits jeder zweite Erwachsene ist zu dick und hat ein erhöhtes Risiko für Krankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt oder Krebs.

Die Studie zur Schulverpflegung ist für Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) ein erster Schritt, um dem Kampf gegen Übergewicht „neuen Schwung“ zu verleihen. Schmidt: „Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder Qualität auf den Teller bekommen.“ Bisher aber wird in mehr als 50 Prozent der Grundschulen nur ein Mittagsmenü angeboten. Bei den weiterführenden Schulen sind es noch 25 Prozent. Nur in 16 Prozent der Grundschulen und 27 Prozent der weiterführenden Schulen können die Kinder und Jugendlichen zwischen mehr als zwei Menüs wählen.

122 Millionen Euro investiert der Hamburger Senat in den Ausbau der Schulkantinen. So ein großes Ausbauprogramm habe es nie zuvor gegeben, verkündet die Behörde. Doch die Opposition übt scharfe Kritik: „Die Qualität des Essens ist an vielen Ganztagsschulen noch immer desaströs“, sagt die Schulexpertin der Grünen in Hamburg, Stefanie von Berg, dem Abendblatt. Zum einen würden sich Eltern über die „pappigen Nudeln“ für ihre Kinder beschweren, zum anderen verpasse der Senat die Chance, die Schulküchen in die pädagogische Arbeit einzubinden. Auch die Elternkammer übte bereits lautstark Kritik an der Verpflegung der Hamburger Schüler. „In Schulküchen können die Kinder mit Hilfe von Betreuern eine Essenskultur entwickeln“, sagt von Berg. Die Grünen setzen deshalb auf sogenannte Produktionsküchen: Nur die Zutaten werden geliefert, die Schulen bereiten das Essen in einer eigenen Küche zu. Die Aufwärmküchen, bei denen Catering-Firmen die fertigen Gerichte liefern, seien ein Fehler.

Kinder selbst sind oft nicht unzufrieden

Doch Experten warnen vor den hohen Kosten für Städte und Kommunen, wenn jede Schule eine eigene Küche erhalten würde. Produktionsküchen können laut Behörde dort gebaut werden, wo eine ausreichende Anzahl von Mittagessen angefragt ist – mindestens 1000 pro Tag, damit sich Bau und Betrieb lohnen. Noch immer müssen laut Bericht der Schulbehörde aus dem Oktober Schüler an 50 Standorten in provisorischen Räumen essen. Schulleitungen kritisieren die Lautstärke in den Kantinen und fordern Maßnahmen der Politik. Mit Vorhängen und schallschluckenden Wänden will die Behörde gegen den Lärm ankämpfen.

Doch die Kinder selbst sind oft nicht unzufrieden. Die Hamburger Forscher waren bei der bundesweiten Studie überrascht, wie positiv die Schüler das Essen bewerten – vor allem an den Grundschulen. Die Noten schwanken zwischen „gut“ und „geht so“. Die Leiterin der Studie und Professorin an der HAW, Ulrike Arens-Azevedo, hebt die Salatbuffets vieler Kantinen hervor, die sehr gut angenommen würden.

Das Essen wird laut Behörde an 75 von 124 Schulen in Hamburg mit „gut“ bewertet. Dennoch fehlt laut Experten bundesweit eine ausreichende Kontrolle der Träger, die das Essen für die Schulen kochen. „Checklisten und klare Anforderungen der Behörde bei der Ausschreibung der Aufträge sind wichtig“, sagte Arens-Azevedo dem Abendblatt. Zur Qualität gehört aber nicht nur eine gesunde Mahlzeit. Es muss auch genügend Zeit eingeplant werden, um in Ruhe zu essen. Doch nur in 39 Prozent der Schulen dauert die Mittagspause 46 Minuten oder länger, wie es die DGE-Standards empfehlen. Hamburg liegt dabei genau im bundesweiten Durchschnitt. 30 Minuten Mittagspause seien das Minimum, sagt Grünen-Politikerin von Berg. „Zu oft wird das Essen runtergeschlungen.“ Die Behörde will den Schulen dabei keine Vorgaben machen. „Während einige lieber kürzere Pausenzeiten hätten, um dann früher den Schultag zu beenden, möchten andere lieber mehr Ruhe in der Mittagszeit“, sagt ein Sprecher dem Abendblatt.

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