Nachwuchs schlechter gebildet als die Eltern

OECD-Studie: Junge Leute geben sich mit weniger Wissen zufrieden als die vorherige Generation. Ministerinnen sehen Untersuchung kritisch

Berlin. Die aktuelle OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ fällt für Deutschland nur bedingt gut aus. Andere Staaten strengen sich mehr an. Die Einkommenskluft zwischen den Akademikern und Facharbeitern steigt. Und: Für Schüler aus sozial schwachen Familien „bleibt das Versprechen Aufstieg durch Bildung oft in weiter Ferne“, sagte Bildungsforscher Heino von Meyer bei der Vorstellung der Studie der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit am Dienstag.

Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat nicht alle 700 Seiten der Studie über die Bildung in den 34 Mitgliedstaaten und in einigen Partnerländern gelesen, lediglich eine Zusammenfassung ihrer Mitarbeiter, die sie sehr erfreute. Bis sie dem OECD-Mann von Meyer lauschte und sich als Mathematikerin bestätigt fühlte: „Man kann keiner Statistik trauen, die man nicht selber interpretiert hat.“

Sylvia Löhrmann, Schulministerin in Nordrhein-Westfalen, Grüne und Präsidentin der deutschen Kultusminister-Konferenz, erkannte: Das Glas sei hab leer oder halb voll – je nach Sichtweise. Sie finde, von der OECD „eine Zwei zu bekommen“, sei eine gute Beurteilung, so die Ex-Lehrerin. Antworten auf die wichtigsten Fragen zur neuen Bildungsstudie:

Wo bleibt das Positive?

96 Prozent der Vierjährigen in Deutschland besuchen eine Bildungseinrichtung. Im OECD-Durchschnitt sind es nur 84 Prozent. Im Jahr 2012 betrug die Quote der Studienanfänger 55 Prozent. Sie wurde in den letzten zehn Jahren, „enorm gesteigert“, so Wanka. Gestiegen ist zudem der Anteil der Frauen in naturwissenschaftlichen Studienfächern. Er nahm im Laufe von zwölf Jahren von 32 auf 44 Prozent zu. Im Durchschnitt aller OECD-Staaten stieg er im selben Zeitraum lediglich um einen Prozentpunkt. Sozialpolitisch wichtig ist für Löhrmann, dass lediglich 9,9 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren weder beschäftigt noch in der Ausbildung sind. 2010 lag dieser Anteil bei zwölf Prozent. Aktueller OECD-Schnitt: 15 Prozent.

Was ist der wunde Punkt?

Das Aufstiegsversprechen. „Da haben wir noch Handlungsbedarf“, räumt Löhrmann ein. Wenn man je zehn Elternhäuser vergleicht, mit und ohne Hochschulabschluss, seien die Chancen der Akademikerkinder „doppelt so hoch“, sagte von Meyer.

Wie groß ist die Bildungsmobilität?

In Deutschland hängt der Bildungsabschluss noch immer von der familiären Herkunft ab. Den Experten zufolge gehen in Deutschland Kinder von hoch qualifizierten Eltern mit einer mehr als doppelt so großen Wahrscheinlichkeit an die Universität oder Fachhochschule wie Kinder von Mittel- und Niedriggebildeten. Nur 24 Prozent aller Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren sind besser ausgebildet als ihre Eltern. 58 Prozent haben den gleichen Bildungsstand, 18 Prozent bleiben hinter den Qualifikationen ihrer Eltern zurück. Bei den heute 25- bis 34-Jährigen liegt dieser Anteil sogar noch höher: bei 24 Prozent.

„Wenn die Tochter eines Zahnarztes Augenoptikerin wird, dann ist das für die OECD ein Abstieg“, kritisierte Wanka. „Das sehe ich ganz anders.“ Aus Sicht der Bildungsministerin sollte es nicht darum gehen, den Status zu sichern, sondern um die optimale Förderung – je nach Begabung und Wünschen.

Eine Zahl ist Ministerin Wanka wichtig: Im unteren Bildungsbereich verbleiben nur vier Prozent der Kinder. Es gibt Mobilität nach oben. Fakt ist: In fast allen OECD-Ländern sind jüngere Generationen besser gebildet als ältere. „Deutschland ist neben Israel und den Vereinigten Staaten eines von nur drei Ländern, bei denen im Laufe einer Generation kein wesentlicher Zuwachs zu erkennen ist“, stellt die OECD fest. Je höher die Bildung, desto niedriger die Arbeitslosenquote. Für diese Erkenntnis brauche sie keinen OECD-Bericht, so Wanka.

Wie groß ist der Mehrwert von Bildung?

Akademiker verdienen im Schnitt 74 Prozent mehr als Erwerbstätige, die nicht die Universität oder eine Fachhochschule abgeschlossen oder den Meisterbrief haben. In den anderen OECD-Staaten liegt der Lohnvorteil der besser Ausgebildeten bei 59 Prozent. Bemerkenswert ist der Trend in Deutschland: Im Jahr 2000 lag der Akademiker-Vorsprung beim Einkommen auch schon bei 45 Prozent. Er wächst kontinuierlich an.

Wie steht es um die Bildungsförderung?

Deutschland hat zwischen 2008 und 2011 seine Bildungsausgaben um zwölf Prozent erhöht, investiert laut Bildungsforscher von Meyer aber immer noch zu wenig. Auch andere Länder schliefen nicht. Ein Beispiel ist die Sekundarstufe II. Dazu zählt das Abitur oder ein Berufsabschluss. Das können immerhin 86 Prozent der Deutschen aufweisen.

Dies war allerdings auch schon so, als der Bildungsforscher noch selbst zur Schule ging: „Der Maßstab kann aber nicht sein, was vor 40 Jahren erreicht wurde“, sagt er. Ein anderes Beispiel: Zwar streben so viele junge Leute wie nie einen Hochschulabschluss an. Doch wachse der Anteil der Menschen mit akademischem Abschluss in Deutschland so langsam wie in kaum einem anderen Industriestaat. Während in Deutschland 28 Prozent der 25- bis 64-Jährigen über einen Studienabschluss verfügen, sind es im OECD-Schnitt 33 Prozent.