Salafisten

Pierre Vogel scheiterte in Hamburg nach wenigen Wochen

Salafistischer Prediger blieb nur kurz in der Stadt, doch die Islamistenszene ist nicht geschwächt. Immer wieder werben Gruppen junger Muslime für ihre Sicht auf den Islam und verteilen kostenlos den Koran.

Hamburg. Am Ende des Videos im Internet ruft Pierre Vogel zum „Dschihad“ in Deutschland auf. Der salafistische Prediger meine damit nicht den „Heiligen Krieg mit dem Schwert“, er sagt, er meine den „friedlichen Dschihad mit der Zunge, mit dem Wort und mit dem Herzen“. Dann ruft Vogel junge Menschen auf, Ortsgruppen zu bilden und „den Islam zu lernen und zu lehren“. Vogel lebt nach nur wenigen Wochen in Wilhelmsburg nicht mehr in Hamburg. Er ist nach Angaben der Sicherheitsbehörden zurück in Nordrhein-Westfalen. Die Verbindungen zur salafistischen dortigen Szene waren nie abgebrochen.

In dem Video sitzt Vogel neben Sven Lau, der sich Abu Adam nennt. Lau gilt als Initiator der „Scharia-Polizei“ in Wuppertal, die bundesweit für Empörung sorgte. Mit ein paar jungen Männern war Lau losgezogen, verteilte Visitenkarten in Spielhallen, sprach Jugendliche an und sagte ihnen, was aus Sicht der „Scharia-Polizei“ schlecht für sie sei: Alkohol, Glückspiel, Drogen. Pierre Vogel findet an der „Scharia-Polizei“ nichts Schlimmes. Im Gegenteil schreibt er, dass der „Inhalt des Projekts fantastisch“ sei. Nur die „Verpackung“ sei „verbesserungswürdig“, hält der Islamist auf seiner Facebook-Seite fest. Vogel, der seit mehreren Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird, meint damit den Namen „Polizei“ und auch die orangefarbenen Westen, auf denen der Schriftzug „Shariah-Police“ gedruckt war.

Die relativierenden Äußerungen Vogels und Laus in dem Video zeigen, dass der Druck auf die Gruppe nach der Aktion in Wuppertal offenbar immens war – zahlreiche Politiker übten Kritik an der Gruppe, sogar der Innenminister äußerte sich, auch muslimische Verbände verurteilten die Aktion scharf. Gegen die Gruppe um Sven Lau läuft ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Seitdem sei keiner mehr in Erscheinung getreten, sagte ein Polizeisprecher. „Von denen läuft hier kein Einziger mehr herum.“

Auch die Hamburger Polizei hat bisher keine Anzeichen für eine Gruppe, die als „Scharia-Polizei“ durch die Straßen zieht. Die Hamburger Politikwissenschaftlerin Sidonie Fernau hat sich auf die Radikalisierung junger Muslime in Deutschland spezialisiert. Sie hält es für unwahrscheinlich, dass sich eine solche Gruppe auch in Hamburg formieren werde. „Die ,Scharia-Polizei’ ist eine gut durchdachte PR-Aktion des Salafisten Sven Lau. Nicht mehr und nicht weniger. Für die Jugendlichen ist diese Form der Aktionen attraktiv, weil sie auf der Straße präsent sind und weil sie handeln, statt nur zu reden“, sagte Fernau dem Abendblatt. „Mit dem Islam hat das wenig zu tun. Beunruhigend finde ich, wie einige Debatten über Salafismus in Islamfeindlichkeit umschlagen.“ Fernau halte die Anschläge auf Moscheen wie zuletzt in Oldenburg in dem Zusammenhang für „sehr besorgniserregend“.

Immer wieder werben Gruppen junger Muslime derzeit offensiv für ihre Sicht auf den Islam und verteilen in Hamburg kostenlos den Koran. „Lies“ heißt die Aktion, bei der Männer um die 20 Jahre an Info-Ständen Passanten ansprechen. Die Aktionen finden regelmäßig in zahlreichen deutschen Städten statt. Sicherheitsbehörden und Wissenschaftler nennen Anhänger der Bewegung „Salafisten“ – Muslime, die sich radikalisieren und einer besonders strengen Auslegung des Islam anschließen. Sie selbst nennen sich „Salafiyya“, die Anhänger der Altvordern. In ihrer fundamentalen Auslegung des Islam gilt das Geschriebene im Koran, sie dulden keine modernen Interpretationen der Heiligen Schrift, wie es die allermeisten der Muslime in Deutschland praktizieren. Wer ein gutes Leben im Sinne der Salafisten führt, kommt ins Paradies. Anderen droht die Hölle. Für einige von ihnen liegt der Kampf in Syrien auf dem Weg ins Paradies.

Zuletzt sorgte für Aufsehen, dass Salafisten-Prediger Pierre Vogel von Nordrhein-Westfalen nach Hamburg- Wilhelmsburg, gezogen war. Doch Fuß fassen konnte Vogel im Norden offenbar nicht. Vergangene Woche gab der Hamburger Verfassungsschutz bekannt, dass Vogel zurück in den Westen der Republik gezogen und bei den Behörden in Bergheim gemeldet sei.

Der Prediger ist in der salafistischen Szene umstritten. Die Inszenierung in zahlreichen Internetvideos polarisiert. Zudem war der Druck durch die diversen Medienberichte auf Vogel groß. Der Verfassungsschutz hatte vor dem Umzug gewarnt. Die Missionierungsarbeit Vogels in Hamburg sehen die Verfassungshüter mit dem Umzug nach Nordrhein-Westfalen als gescheitert an. Entwarnung geben die Sicherheitsbehörden jedoch nicht: Die Kontakte zwischen den Szenen in Deutschland sind eng; Aktionen werden häufig über das Internet koordiniert. Vogels Predigten erreichen Jugendliche in Hamburg über Plattformen im Internet wie YouTube oder in sozialen Netzwerken wie Facebook.

Der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse verglich nach der Aktion der „Scharia-Polizei“ Salafisten mit Rechtsextremisten: „Proklamiert werden gern Grundsätze, die keinesfalls völlig außerhalb der Gesellschaft stehen. Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit, der klassische Versprechens-Dreiklang des Totalitarismus.“

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