Schüler scheitern oft an Alltagsproblemen

In einer weltweiten Vergleichsstudie gibt Deutschland ein schwaches Bild ab. Hätten Sie es gewusst?

Berlin. Wie kreativ gehen deutsche Schüler an Probleme heran? Wie kommen sie mit kniffligen Alltagssituationen zurecht? Wie viel Mut haben sie, neue Lösungen zu probieren? Das hat die OECD, die Organisation der führenden Industriestaaten, in einem speziellen Ableger ihres Pisa-Tests untersucht und festgestellt: Die 15-jährigen Deutschen liegen immerhin leicht über dem Durchschnitt der anderen Industrieländer. Um zwei wichtige Gruppen unter den Schülern allerdings ist es nicht so gut bestellt: Die Mädchen und die Leistungsschwachen fallen auch hierzulande spürbar zurück.

In dem OECD-Problemlösungs-Pisa haben Wissenschaftler rund 85.000 Schülerinnen und Schüler aus 44 Ländern Aufgaben am Computer lösen lassen. Sie sollten zum Beispiel an einem Automaten eine bestimmte Fahrkarte lösen, die Luftfeuchtigkeit und Temperatur über eine Klimaanlage regulieren oder den kürzesten Fahrweg zwischen zwei Straßen finden.

„Der Anteil von unerwarteten und unvertrauten Situationen hat für Arbeitnehmer in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen“, sagt der Hauptautor der Studie, Francesco Avvisati. „Routineaufgaben haben vermehrt die Maschinen übernommen.“ Deshalb sei das kreative Problemlösen so wichtig. „Wir haben versucht zu verstehen, ob die Schüler nicht nur für die Schule, sondern für das Leben lernen“, so Avvisati. Besonders gut schnitten die Asiaten ab. Singapur, Korea, Japan sowie die chinesischen Gebiete Macao, Hongkong und Shanghai sind die Spitzenreiter der Studie aus dem Jahr 2012, die die OECD nun veröffentlichte. Deutschland liegt hinter Kanada, Australien und Finnland aber immerhin noch über dem OECD-Durchschnitt und signifikant vor Ländern wie Spanien, Schweden oder Dänemark.

Eher schlecht allerdings steht es hierzulande um die Schüler am unteren Ende der Leistungsskala. In Deutschland erreichen beim Lösen von Problemen fast 20 Prozent nicht das Basisniveau, also die Level eins oder zwei von insgesamt sechs Leistungsstufen. Sie können ihre Lösungsstrategien nicht vorausplanen und scheitern an einfachen Alltagsaufgaben, wie dem Versuch, einem Automaten eine möglichst günstige Fahrkarte zu entlocken.

Der Anteil der Schwächsten in Deutschland entspricht zwar dem OECD-Durchschnitt. Er ist aber signifikant höher als ihr Abschneiden bei den Pisa-Vergleichstests in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften erwarten ließe. Offenbar bleiben die Schwachen hierzulande bei neuen Herausforderungen hinter ihren Möglichkeiten zurück. OECD-Bildungsexperte Avvisati fordert deshalb: „Auch bei den schwächsten Schülern sollten die Schulen den Akzent stärker auf selbstständiges Lernen legen.“ Nicht nur die Starken müssten systematisch ermuntert werden, zu experimentieren und unterschiedliche Lösungswege zu finden.

In Japan oder Korea dagegen ist die Gruppe der Schwachen insgesamt kleiner. Hier zählen weniger als sieben Prozent der Schüler zu den leistungsschwachen Problemlösern. Deutlich mehr finden sich dort bei den Leistungsstärksten. Kompetenzen der Top-Level fünf und sechs attestiert die OECD in Deutschland lediglich 13 Prozent der 15-Jährigen. In Finnland, Australien und Kanada sind es mehr als 15 Prozent. In Japan und Korea sind es sogar deutlich mehr als 20 Prozent.

Aufhorchen dürften Politiker in Deutschland angesichts des Grabens, der sich zwischen Mädchen und Jungen auftut: In der Spitzengruppe der Problemlöser sind hierzulande zu 60 Prozent Jungen und nur zu 40 Prozent Mädchen vertreten. Gleichauf dagegen liegen beide Geschlechter bei den Leistungsschwachen. Mehr Mädchen als Jungen allerdings bleiben im Mittelfeld stecken. Das ist nicht überall so. In Kanada, Schweden, Norwegen, Finnland oder Australien schneiden Mädchen auch beim Problemlösen stark ab. Das sind allesamt Länder, in denen Frauen auch in Spitzenpositionen in Wirtschaft und Politik gut vertreten sind. Eine Gesellschaft, die von Jungen und Mädchen gleichermaßen erwarte, an die Spitze zu kommen und ihr Potenzial auszuschöpfen, mache Mädchen stark. Ein ähnlicher Spalt zwischen den Geschlechtern wie in Deutschland tut sich in vielen Industriestaaten auf. Im Durchschnitt sämtlicher untersuchten Länder gehören 13,1 Prozent der Jungen zu den Top-Problemlösern. Bei den Mädchen dagegen sind es weniger als zehn Prozent.

Die OECD untersucht seit dem Jahr 2000 die Leistungen von Schülern ihrer Mitgliedsländer. Bei ihrer ersten Studie attestierte sie Deutschlands Schülern unterdurchschnittliche Ergebnisse und löste damit den sogenannten Pisa-Schock aus. Bei Pisa 2012 lagen die Ergebnisse deutscher Schüler erstmals über dem Durchschnitt. Die Untersuchung der Fähigkeiten, Probleme zu lösen, wurde jetzt erstmals veröffentlicht.