Abschied vom Schicksalsort

Die Minister de Maizière und Westerwelle schließen das Lager Kundus in Afghanistan. In der Region starben in zehn Jahren 20 Bundeswehrsoldaten

Kundus. Zwei Holzschlüssel, das waren die Abschiedsgeschenke der Deutschen für Kundus. Einen überreichte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) seinem afghanischen Amtskollegen Nasrullah Nasari. Den anderen drückte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) dem Innenminister Umer Daudsai in die Hand. Es waren die letzten Amtshandlungen deutscher Politiker im Feldlager der Bundeswehr – zehn Jahre, nachdem die ersten Soldaten hier angekommen waren. Die Schlüsselübergabe war das Symbol für den deutschen Abzug aus dem Nordosten Afghanistans. Bereits im vergangenen Sommer hatten die afghanischen Sicherheitskräfte das Feldlager in Faisabad übernommen, vor einigen Monaten mit dem Observation Point North einen weiteren Außenposten in der Region.

Die Visite der Minister mit ihrem Tross war der letzte große Auftrieb in dem Camp, gelegen auf einem staubigen Felsplateau hoch über der 120.000-Einwohner-Stadt. Seit Wochen schon läuft der Abzug, die Truppe verfrachtet ihr Material in Containern in dem letzten verbleibenden Stützpunkt in Masar-i-Scharif. In weiten Teilen des Lagers, in dem im Laufe der Jahre über 20.000 deutsche Soldaten stationiert waren, herrscht bereits gespenstische Leere.

Die Unterkünfte sind weitgehend geräumt, der Internetzugang ist abgeschaltet worden, in den Innenhöfen vertrocknen die Rosensträucher. Die Großküchen wurden auf afghanische Verhältnisse umgerüstet, das Lager an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. Das ist das wahre Abschiedsgeschenk der Deutschen: Mit diesen Investitionen und zurückbleibenden Gerätschaften im Wert von rund 25 Millionen Euro wird das Militärcamp an die Bedürfnisse der neuen Besitzer angepasst.

Nach dem Besuch der Minister werden noch einige Tage vergehen, dann ziehen auch die letzten Soldaten ab. Ende Oktober wird der Einsatz in Kundus Geschichte sein. Begonnen hatte er im August 2003. Damals kündigte Bundeskanzler Gerhard Schröder an, dass die Bundeswehr mit 250 Soldaten „den Aufbau in der nordafghanischen Provinz Kundus sichern“ solle. Der Einsatz habe zivilen Charakter, es gehe um den Bau von Straßen, Schulen, Krankenhäusern und die Ausbildung von Polizisten.

Es kam anders. Ganz anders. „Kundus hat die Bundeswehr geprägt wie kaum ein anderer Ort“, sagte de Maizière in seiner Abschiedsrede. „Das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste zu kämpfen. Das war eine Zäsur – auch für die deutsche Gesellschaft.“ Aus Schröders Brunnenbauern wurden Soldaten, die in dieser Region die heftigsten Gefechte seit Ende des Zweiten Weltkrieges zu bestehen hatten.

„Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen“, sagte de Maizière. 102 deutsche Soldaten sind seit Anfang der 90er-Jahre in Auslandseinsätzen ums Leben gekommen, 54 starben in Afghanistan. In der Region Kundus waren es allein 20. Zur Geschichte des Einsatzes gehört der Luftschlag am Kundus-Fluss, jene tragische Fehlentscheidung eines deutschen Obersts, die Dutzende Zivilisten das Leben kostete. Aber ebenso gehören die Aufbauanstrengungen dazu: Nirgendwo auf der Welt wurde auf so kleinem Raum so viel deutsche Entwicklungshilfe investiert wie in dieser Region.

Das deutsche Engagement, sagte Westerwelle, sei nicht umsonst gewesen. Die Lage der Menschen sei besser als vor zehn Jahren, gerade im deutschen Verantwortungsbereich im Norden. „Vieles ist heute besser in Afghanistan“, so der Außenminister. „Aber noch lange ist nicht alles gut.“

Ende 2014 wird der Nato-Kampfeinsatz auslaufen. Danach soll eine Anschlussmission folgen, die sich auf Beratung und Ausbildung beschränken würde. Deutschland will sich mit bis zu 800 Soldaten beteiligen. Noch ist aber nicht klar, ob es überhaupt dazu kommt: Dafür müssten sich die Amerikaner mit den Afghanen über ein neues Truppenstatut einigen. Doch die Verhandlungen stocken. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie scheitern. Diese Lage ignorierend, versprach Westerwelle den Afghanen, dass Deutschland sie auch nach 2014 nicht im Stich lassen werde. Das Engagement bekomme nur ein zivileres Gesicht. Bis 2016 sind jährlich bis zu 430 Millionen Euro Entwicklungshilfe zugesagt, damit sollen Infrastruktur-, Wirtschaftsförderungs- und Bildungsprojekte umgesetzt werden. Als Westerwelle das auf diesem Gebiet Erreichte pries, klang er fast wie einst Gerhard Schröder: Fast acht Millionen Kinder, davon drei Millionen Mädchen, könnten heute zur Schule gehen.

Mag sein, nur: Wird das so bleiben, nach dem Abzug der Soldaten? Denn Voraussetzung für die Arbeit ziviler Helfer ist eine einigermaßen stabile Sicherheitslage. Die aber hat sich mit dem voranschreitenden Rückzug aus der Region Kundus verschlechtert. In den vergangenen Monaten wurden der Bezirksgouverneur ermordet, der Leiter der Wahlkommission, der Chef des örtlichen Geheimdienstes, 60 Soldaten und Polizisten. In einigen Distrikten haben die Taliban wieder ganze Dörfer unter Kontrolle. Die Aufständischen sind nicht das einzige Problem. Die örtlichen Würdenträger fürchten auch die ehemaligen Mudschaheddin-Kommandeure. Die stehen mit ihren rivalisierenden Milizen bereit, nach dem Abzug wieder die Macht zu übernehmen. Die Bundeswehr hat die Aufrüstung dieser Milizen stillschweigend geduldet. Sie galten als Bollwerk gegen die Taliban, als Teil der Sicherheitsarchitektur. Als Hauptgeschäft aber betreiben sie Drogen-, Waffen- und Alkoholschmuggel, verlangen Erntesteuern von den Bauern, erpressen Geld an illegalen Straßensperren und bekämpfen sich gegenseitig. Die Zahl dieser Kämpfer in der Region Kundus wird auf 1500 bis 6000 geschätzt – ein Vielfaches der Taliban.

Daraus ergibt sich die pessimistische Version für die Zukunft Afghanistans: dass das Land in einen langen und blutigen Bürgerkrieg zurückfällt. Die beiden Minister wollen davon nichts hören. Für Westerwelle ist dieser Tag in Kundus auch ein persönlicher Abschied. Der Afghanistanpolitik hat er sich in seiner Amtszeit mit besonderem Elan gewidmet, das nahende Ende des Kampfeinsatzes sieht er als maßgeblichen Teil seines Vermächtnisses im Auswärtigen Amt. Miterleben freilich wird er es nicht mehr: In ein paar Wochen muss auch er sein Büro im Ministerium dichtmachen. Seine diesbezügliche Gefühlslage will er sich nicht anmerken lassen, Westerwelle gibt sich betont staatsmännisch.

Der ansonsten kühl bis nüchtern auftretende de Maizière dagegen lässt ganz bewusst Emotionen zu. Er hat die Mutter eines gefallenen Soldaten mit nach Kundus gebracht, erwähnt sie in seiner Rede. Es ist der Versuch, der Frau zu zeigen, dass die Bundeswehr ihre Kriegsopfer nicht vergisst. Und auch ihren Schicksalsort Kundus nicht. „Vergessen“, sagte de Maizière, „werden wir diesen Ort niemals.“