Ärzte-Honorare

Der Kampf um die Medizin-Milliarden

Die Honorare für Ärzte sind gestiegen, dazu gibt es nun die „Hamburg-Zulage“. Berufsvertreter kritisieren das allerdings als Mogelpackung.

Hamburg. Die Gesundheitspolitik ist eines der am meisten umkämpften Politikfelder überhaupt. Das liegt nicht nur daran, dass es im Grunde alle Menschen betrifft, weil jeder irgendwann einmal im Laufe seines Lebens zum Arzt gehen muss. Sondern auch daran, dass es im komplexen Gesundheitssystem meist um richtig viel Geld geht. Der Kuchen, den es zu verteilen gilt, ist groß. Und viele Gruppen ringen darum, ihr Stückchen davon abzubekommen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Zahlen, die die Forscher des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden gestern veröffentlicht haben, von diesen Gruppen nicht einfach so hingenommen, sondern je nach Interessenlage zerpflückt oder bestärkt wurden. Kernfrage war dabei, wie das Gehalt der Ärzte mit eigener Praxis zu bewerten ist. Sind sie Gutverdiener oder müssen sie an allen Ecken und Enden knapsen, um mit ihrem Geld hinzukommen?

Zunächst zu den Zahlen der Statistiker: Das Einkommen der niedergelassenen Ärzte in Deutschland ist den Erhebungen zufolge deutlich gestiegen. Zwischen 2007 und 2011 habe der Zuwachs im Schnitt 17 Prozent betragen, hieß es auf Grundlage einer Umfrage in mehr als 4000 Arztpraxen. Demnach kamen die Mediziner im Jahr 2011 auf einen Reinertrag von durchschnittlich 13.833 Euro pro Monat, vier Jahre zuvor waren es 11.833 Euro gewesen Vom Anstieg der Honorare hätten so gut wie alle Ärztegruppen profitiert. Demnach konnten die Allgemeinmediziner ihren jährlichen Reinertrag um 30.000 Euro auf 181.000 Euro steigern. Orthopäden verdienten 2011 einen Reinertrag von 293.000 Euro, vier Jahre zuvor waren es noch 17.000 Euro weniger.

Der Reinertrag beschreibt dabei das Geld, das die niedergelassenen Ärzte abzüglich ihrer Kosten etwa für die Praxis oder die Gehälter ihrer Mitarbeiter einnehmen. Enthalten sind darin allerdings noch nicht die Ausgaben für Steuern und Versicherungen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes muss hiervon etwa auch noch die Ablösesumme abgezogen werden, die ein Arzt dem vorherigen Praxisinhaber zahlt. Ein bisschen entspricht der Reinertrag also dem Bruttoeinkommen eines normalen Arbeitnehmers.

Wichtig ist auch zu verstehen, wie das Geld von den Versicherten bei den Ärzten ankommt: Die Krankenkassen zahlen dies den Praxen nämlich nicht direkt, sondern überweisen es an die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die wichtigste politische Vertretung der Ärzte in Deutschland. Die KV verteilt dieses Geld dann wiederum unter den niedergelassenen Medizinern.

Geht es ums Geld, verläuft die Konfliktlinie vor allem zwischen der Ärzteschaft auf der einen und der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auf der anderen Seite. Und dann sind da noch die Versicherten. Derzeit werden rund 70 Millionen Deutsche von einer der 134 gesetzlichen Krankenversicherungen versorgt. Der allgemeine Beitragssatz liegt bei 15,5 Prozent. 2012 hat die GKV rund 190 Milliarden Euro eingenommen und einen Gewinn von rund fünf Milliarden Euro erzielt.

Nach den Ergebnissen aus Wiesbaden wollen die Ärzte nun nicht den Eindruck aufkommen lassen, trotz eines Honorarzuwachses von 17 Prozent zu den Großverdienern zu gehören. Brisant: Gerade laufen die Verhandlungen mit den Krankenkassen, und die Ärzte fürchten, die Zahlen könnten dazu genutzt werden, das anvisierte Honorarplus doch etwas niedriger ausfallen zu lassen. „Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind nicht repräsentativ, schon gar nicht für Hamburg“, sagte etwa Walter Plassmann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg dem Abendblatt. „Wir hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Schwankungen nach unten und oben. Insgesamt sind die Honorare nach unseren Berechnungen von 2000 bis 2011 pro Jahr im Schnitt um gerade einmal zwei Prozent gestiegen.“

Klaus Schäfer, Vizepräsident der Hamburger Ärztekammer und Allgemeinmediziner mit eigener Praxis in Langenhorn legte nach: „Von einem Zuwachs von 17 Prozent können die meisten Hausärzte in der Hansestadt nur träumen“, sagt er. „Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 65 Stunden pro Woche bleiben mir unterm Strich aus der Arbeit in meiner Praxis um die 5000 Euro brutto im Monat. Die neuen Zahlen suggerieren, dass es den Ärzten in Deutschland nur allzu gut geht. Aber ganz so rosig ist die Realität nicht.“

Anders sehen es erwartungsgemäß die Krankenkassen. „Die Ärzte leisten eine gute Arbeit und wichtige Arbeit. Die Auswertung des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass wir dies auch entsprechend gut honoriert haben“, sagte Rolf Buchwitz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg. GKV-Sprecher Florian Lanz meint: „Wenn einzelne Arztgruppen oder Ärzte ein zu geringes Honorar erhalten, dann ist das ein Verteilungsproblem innerhalb der Ärzteschaft.“ Aus den Portemonnaies der Beitragszahler fließe jedenfalls ein sehr anständiges Honorar.

Ähnlich durchwachsen ist die Bewertung des neuen „Hamburg-Zuschlags“, den niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten in der Hansestadt nun bekommen sollen. Das Honorar-Plus von gut zwei Prozent gilt rückwirkend zum Jahresanfang und ist Ergebnis eines neun Monate dauernden Streits. Ärztekammer-Vize Schäfer nennt die Zulage jedoch einen „Taschenspielertrick“. Das Geld, das die Ärzte nun extra bekommen sollten, sei vorher an anderer Stelle bereits gekürzt worden. „Ein echter Honorarzuwachs ist das deshalb nicht.“ Plassmann bezeichnete die nun abgeschlossene Honorarrunde als „härteste in der Geschichte der KV Hamburg“. Auszuschließen ist bei dem großen Streitfeld Gesundheitspolitik wohl nicht, dass dieser Superlativ in Zukunft noch einmal überboten wird.