Meinung
Kommentar

Hinhören, wenn Ärzte klagen

Ihr Einkommen steigt – aber es gibt große Unterschiede

Diese Binsenweisheit muss erlaubt sein: Jeder, der im Gesundheitssystem zu Hause ist, kann Statistiken frisieren, ohne zu fälschen, und in seinem Interesse Zahlen deuten. Das ist sozusagen der sechste Sinn bei Lobbyisten, Ärzten und Gesundheitspolitikern. Deshalb ist die Honorarübersicht des Statistischen Bundesamtes, die auf der Basis von 4000 Praxen veröffentlicht wurde, auch mit Vorsicht zu genießen. Bei 150.000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland ist die Spreizung von Luxus-Mediziner bis Stadtteil-Doktor extrem. Das wird von der Statistik glattgebügelt. So scheint es, dass die Ärzte zuletzt erheblich mehr verdient haben als bekannt. Die Krankenkassen sprechen von 20 bis 30 Prozent Plus von 2007 auf 2011. Die Ärzte rechnen plus zwei Prozent vor, die Inflation schon eingepreist. Im halbstaatlichen Gesundheitswesen können sich Praxisärzte auf ständige Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen verlassen. Welcher andere Unternehmer kann das schon?

Die Tücke der Zahlen liegt in der Verteilung. Innerhalb der Ärzteschaft gibt es große Unterschiede, regional ebenso. In Hamburg etwa stiegen die Nebenkosten wie Miete und Löhne für Praxismitarbeiter deutlich höher als im Bundesdurchschnitt, versorgen die Ärzte immer mehr Menschen. Der statistische Reinertrag sinkt.

Außerdem ist die Diskrepanz beispielsweise zwischen Harvestehude und Billstedt eklatant. Es gibt Ärzte, die sich auch dank cleverer Spezialisierung im wirtschaftlichen Erfolg sonnen. Und es gibt Ärzte, die die Selbstständigkeit aufgeben wollen, weil sie sich nicht mehr rechnet. Und die Versicherer prüfen ihre Ausgaben mit spitzem Bleistift und bisweilen harten Bandagen gegenüber Ärzten und Patienten.

Die Angst der Ärzte vor dem wirtschaftlichen Abstieg ist nach den neuen Zahlen unbegründet. Die Zeit der Proteste sollte nun beendet sein. In Hamburg wurde der Konflikt um die Honorare bis ins Persönliche hinein ausgetragen. Das muss aufhören. Aber: Man sollte hinhören, wenn Ärzte sich beklagen. Die meisten arbeiten nicht als Verkäufer und Profitmaximierer, sondern als Therapeuten.