Doktorarbeit wird geprüft

Lammerts Plagiatsjäger möchte anonym bleiben

Der Informant lehnt ein Treffen mit der Uni Bochum ab und tritt weiter unter seinem Pseudonym Robert Schmidt auf. Politker warnen vor einer Vorverurteilung Norbert Lammerts.

Berlin. Am Sonntag trudelt in der Universität Bochum jenes Fax ein, das politischen Sprengstoff birgt. Eine halbe Seite mit ein paar Sätzen, mehr nicht. Es war jedoch der folgenreiche Hinweis eines „Plagiatsjägers“, der sich Robert Schmidt nennt. Der Vorwurf: Bundestagspräsident Norbert Lammert, der vor fast 40 Jahren an der Hochschule promovierte, soll in seiner Doktorarbeit plagiiert haben. Zunächst interessierte sich fast niemand für das Fax. Doch am Montagnachmittag, nachdem der CDU-Politiker von der Anschuldigung erfahren hatte, rief Lammert bei Rektor Elmar Weiler an, informierte ihn über die Vorwürfe und bat ihn, die unausweichliche Prüfung einzuleiten.

Nach Angaben der Bochumer Hochschule prüft der Ombudsmann der Ruhr-Uni den Sachverhalt entsprechend der Richtlinien und unter Beteiligung der zuständigen Gremien. „Wenn das Ergebnis der Prüfungen vorliegt, werden wir die Medien umgehend informieren“, erklärte Rektor Weiler in einer Mitteilung. Während der laufenden Prüfungen werde die Hochschule keine Kommentare abgeben. Lammert sagte, er habe seine Dissertation nach „bestem Wissen und Gewissen“ angefertigt. Er sei von deren wissenschaftlicher Qualität überzeugt. Mittlerweile hat er die komplette Dissertation selbst ins Internet gestellt. Er will seinen nächsten öffentlichen Termin am 6. August in Bochum bei einer Wahlkampfveranstaltung wahrnehmen, gemeinsam mit Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU).

In den vergangenen Jahren traten verschiedene Spitzenpolitiker nach Plagiatsvorwürfen zurück. Unter anderen wurden Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Doktortitel entzogen. Es gibt jedoch auch Ausnahmen: Der frühere Kultusminister von Niedersachsen, Bernd Althusmann (CDU), sah sich zwar ebenfalls mit einem Plagiatsverdacht konfrontiert. Die Universität Potsdam sah nach einer Prüfung allerdings kein wissenschaftliches Fehlverhalten.

„Plagiatsjäger“ Schmidt hatte 2012 bereits auf Unklarheiten in der Arbeit von Schavan hingewiesen. Er wirft nun Lammert vor, auf 42 Seiten seien Unregelmäßigkeiten zu finden. Demnach scheint Lammert nicht so umfangreich wie Guttenberg abgeschrieben zu haben oder wie Schavan viele Stellen nicht ausreichend gekennzeichnet zu haben. Allerdings: „Einen erheblichen Teil der als verwendet angegebenen Literatur hat er ganz offenbar nicht gelesen; dies wird insbesondere anhand der Übernahme zahlreicher Fehler aus der Sekundärliteratur deutlich“, schreibt Schmidt auf der Internet-Seite „lammertplag.wordpress.com“.

Politiker warnen vor Vorverurteilungen

Parteiübergreifend warnen Politiker nun vor Vorverurteilungen. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) begrüßt die Prüfung. Sie sagte: „Ich habe Norbert Lammert als einen Präsidenten kennengelernt, der für die Rechte des Bundestags streitet, wenn andere sich vorbeimogeln wollen, der solidarisch hilft und obendrein mit Humor entspannen kann.“ Zurückhaltung fordern auch Bildungsexperten. „Es darf keine Vorverurteilungen geben“, sagte Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. „Herr Lammert ist ein kluger Mann und hat in dieser Situation das einzig Richtige getan, indem er die Hochschule um eine Prüfung gebeten hat.“

Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Meinhardt, kritisiert, dass der Plagiatsvorwurf erneut anonym erhoben wurde: „Ich halte es für nicht mehr erträglich, dass immer wieder anonym Vorwürfe im Netz erhoben werden“, sagte Meinhardt. „Anonym Vorwürfe zu erheben hat für mich nichts mit politischer Kultur zu tun.“ Zudem erklärte Reinhardt: „Wie sehr es wichtig ist, dass wissenschaftliche Kriterien bei einer Promotion korrekt eingehalten werden, so sehr darf der Zeitpunkt fast 40 Jahre nach der Promotion und sieben Wochen vor einer Bundestagswahl sicher nicht als Zufall abgetan werden. Ich bin gespannt, wer als Erstes einen politischen Vorteil daraus ziehen will.“ Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU), verteidigte Lammert. „Ich finde die Anonymität dessen, der etwas behauptet, immer fragwürdig“, sagte Polenz der „Berliner Zeitung“. Krista Sager, wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, sagte: „Es ist richtig, dass die Uni Bochum die Doktorarbeit von Herrn Lammert überprüft und den Hinweisen nachgeht, auch wenn diese anonym im Internet veröffentlicht wurden.“

Plagiatsexperten sind sich in einer ersten Bewertung des Vorwurfs bisher uneins. Manuel René Theisen, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sieht Lammert in Erklärungsnot. Theisen sagte: „Wenn die Vorwürfe stimmen – und davon gehe ich aus –, dann sind das Verstöße, die über eine einfache Schlamperei hinausgehen.“ Wer Sekundärhinweise übernehme oder Titel aufführe, die es gar nicht gibt, mache nicht nur Flüchtigkeitsfehler. „Die Universität prüft nun zu Recht, ob der Doktortitel entzogen werden muss.“

Dagegen erklärte der Münchner Juraprofessor Volker Rieble, die Übernahme von Fußnoten sei unproblematisch, solange nicht der Eindruck geweckt werde, man habe die Originalquelle zitiert. „Dies hier ist kein offenkundiges Textplagiat“, zitiert ihn die Internetseite der „Süddeutschen Zeitung“. Dass Schmidt Fehler in den übernommenen Fußnoten gefunden habe, spreche zunächst einmal für schlampiges Arbeiten; für ein Plagiat seien sie allerdings nur ein Indiz.

Jäger möchte anonym bleiben

Der Plagiatsjäger Robert Schmidt will indes weiterhin unerkannt bleiben und unter seinem Pseudonym auftreten. Ein Treffen lehnte er ab. In einer E-Mail teilte er mit: „Ich möchte nicht in der Öffentlichkeit stehen.“ Weiter schreibt Schmidt, er sehe in einer Untersuchung durch die Universität Bochum einen möglichen Interessenkonflikt, „da Herr Lammert als Honorarprofessor Mitglied der Fakultät ist und somit eine Befangenheit bestehen könnte“. Er habe die Dissertation seit Mitte Juni untersucht und rund 250 Arbeitsstunden investiert. Schmidt wehrt sich gegen den Vorwurf, er verfolge eine politische Agenda: „Ich hätte zum Beispiel auch wissenschaftliches Fehlverhalten prominenter SPD-Mitglieder öffentlich gemacht, aber das hat sich nicht so ergeben.“

Er habe sich in der Vergangenheit auch die Doktorarbeiten der Bundesminister Guido Westerwelle (FDP), Peter Ramsauer, Hans-Peter Friedrich (beide CSU), Wolfgang Schäuble und Thomas de Maizière (beide CDU) angeschaut. Einen Plagiatsvorwurf habe er daraus aber nicht ableiten können. Im vergangenen Jahr teilte Schmidt mit: „Von Herrn Ramsauers Arbeit war ich sogar etwas beeindruckt, weil man als Leser spürte, dass hinter der Arbeit eine gewisse Kraft steckt und er sich mit dem Thema wirklich beschäftigt hat.“

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