Halstenbek

Demokratie beginnt schon im Kindergarten

In der Tagesstätte in Halstenbek im Kreis Pinneberg gibt es eine Kita-Verfassung und geheime Wahlen. Kinder bestimmen mit. Aber können sie das schon?

Hamburg. Tommy Weber beugt sich nach unten zu Fiona, James und den anderen Kindern. Sie sitzen wie ein Knäuel um einen Tisch mit einem Fußballspiel aus Holz. Mit Magneten bewegen die Kinder die Spieler, der Ball ist eine Murmel. „Das ist aber spannend“, sagt Weber. „Wie funktioniert das denn genau?“ In der Kita Lotte Lemke in Halstenbek beginnt ein kurzes Fußballspiel mit Magneten und Murmel. Auch Tommy darf mal schießen. Dann unterbricht Erzieherin Petra Sanow. „Weiter geht’s, wir haben noch viel vor.“

Es sieht gut aus für Tommy Weber. Die Kinder mögen ihn. Und das ist für seine berufliche Zukunft nicht ganz unwichtig. Denn die Kinder entscheiden mit, ob er bald bei ihnen als Erzieher arbeiten darf. In einer geheimen Wahl werden sie darüber abstimmen. Die zweite Stimme hat die Leitung der Tagesstätte, die Erzieher eine dritte.

Fiona nimmt ihn an die Hand. Gleich geht es weiter in den „Matschraum“ und das „Kinder-Café“. Weber hat noch Zeit, die Kinder zu überzeugen, er spricht langsam, stellt Fragen, lächelt. Weber macht jetzt Wahlkampf für sich. Er will den Job.

In der Kita Lotte Lemke gibt es eine Verfassung, mit Präambel. „Die Beteiligung der Kinder an allen sie betreffenden Entscheidungen wird damit als Grundrecht anerkannt“, steht da. Die Pädagogen, die Jungen und Mädchen tagen einmal in der Woche in einer Vollversammlung. Die fünf Kinder-Gruppen wählen jeweils zwei Delegierte für ihre Kita-Räte. Dort ist dann auch die Kita-Leitung vertreten. So steht es in Artikel 3 der Verfassung. In einer Jahreskonferenz kommen die Eltern dazu. Es sind diese Gremien, die entscheiden, was in der Kita Lotte Lemke passiert.

1992 hat Deutschland die Kinderrechtskonvention der Uno unterschrieben. Kinder haben das Recht, frei ihre Meinung zu sagen. Die Länder haben sich etwa verpflichtet, die Kinder zu schützen, sie anzuhören, sich um ihre Entwicklung zu kümmern. In vielen deutschen Bundesländern starteten die Gemeinden Modellprojekte für Mitbestimmung. Kinder sollen Verantwortung tragen: für sich und ihre Kita.

Aber wie viel Demokratie können Vierjährige? Und wie viel ihre Eltern? Claudia Baumann sagt: „Bei uns erlebt das Kind keine Scheinbeteiligung.“ Sie ist Leiterin der Kita Lotte Lemke, Träger ist die Arbeiterwohlfahrt. Artikel 5 bis 19 der Verfassung regeln, was die Kinder in der Kita entscheiden dürfen. Sie bestimmen, ob und was sie essen und trinken möchten. Sie sagen, ob und wann sie mittags schlafen möchten. Sie entscheiden, ob sie im Garten eine Mütze tragen. Die Kinder entscheiden mit über Kita-Reisen, ein neues Klettergerüst, sie wählen auch jeden Morgen das Tagesprojekt aus.

An diesem Morgen entscheiden die Kinder auch mit, ob Tommy Weber ihr neuer Erzieher wird. In der Kita haben sie eine Woche vor dem Besuch die „AG Tommy“ gegründet. Auch die fünf Jahre alten James und Fiona sind dabei. Sie haben den Rundgang trainiert und auch das Verfahren bestimmt für die Wahl: Abstimmung mit Handzeichen? Mit „Muggelsteinen“, Kügelchen aus Glas? Geheime Wahl, oder soll Tommy am Ende bei der Entscheidung dabei sein?

Der Rundgang ist jetzt vorbei. Tommy Weber sitzt mit Kindern, Kita-Leitung und Erziehern am Tisch. Es gibt Paprikascheibchen, Möhren, Bananen und ein paar Schüssel mit Bonbons. Die Kinder haben das Essen ausgewählt. Und eigentlich wollten sie Tommy in der Abschlussrunde noch Fragen stellen. Aber gerade interessieren Bonbons und Paprika mehr. Erzieherin Sanow muss nachhelfen mit der Fragestunde. „Wir wollten doch wissen, wie alt Tommy ist und ob er Tiere mag.“ Tommy Weber erzählt von seiner Wohnung in Berlin und dass er einen kleinen Sohn hat. Dann fragt er die Kinder, ob sie denn gerne in die Kita gehen. „Nur wenn du da bist“, sagt James. Eigentlich kann jetzt nichts mehr schiefgehen.

Das Ziel sei es, dass Kinder achtsam für ihre Gefühle und Bedürfnisse werden, sagt Leiterin Baumann. Und für die anderer Menschen. Manchmal fließen nach Entscheidungen auch Tränen. Neulich haben die Kinder neue Gruppensprecher gewählt, sie organisierten eine eigene Wahl-Party. Die Kandidaten stellten sich dann auch vor, erzählten, dass sie gut malen konnten oder zuhören. Sie mussten jetzt selbst Wahlkampf spielen. Nicht alle konnten gewinnen. Demokratie kann auch frustrierend sein.„Sie lernen, die Entscheidungen der anderen zu akzeptieren“, sagt Baumann. Rüdiger Hansen würde sagen: Sie bringen sich die „Software“ bei. Hansen ist Sozialpädagoge und arbeitet am Kieler Institut für Partizipation und Bildung e.V. Er hat viele Modellprojekte für Beteiligungen an Kitas wissenschaftlich begleitet. „Software“ ist für Hansen Lebenserfahrung und Wissen, um bestimmte Situationen einschätzen zu können. „Aber Psychologen gehen davon aus, dass Kinder die gleiche Denkfähigkeit haben wie Erwachsene haben.“ Die Hardware also. Kinder handeln schon in jungen Jahren vernünftig. „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Kind sich im Winter im T-Shirt in den Schnee setzt und wartet, bis es durchgefroren ist.“ Leiterin Baumann sagt: „Klar, Kinder bewerten bei uns das Mittagessen. Aber das heißt nicht, dass es jeden Tag Pommes gibt.“ Neulich gab es Sauerbraten, Rotkohl und Knödel.

Baumann spricht viel von Augenhöhe und darüber, dass man nicht über die Köpfe der Kinder entscheiden könnte. Vieles würde jede andere Kita wohl auch unterschreiben und sagen: Machen wir doch längst, auch ohne Kita-Verfassung! Aber nur mit festgeschriebenen Rechten in der Tagesstätte würden Kinder wirklich lernen, dass und was sie mitbestimmen dürfen, sagt Hansen. Es bilde sich spielerisch Routine im Wählen, Kita-Räte und Vollversammlungen würden den Kindern einen klaren Rahmen stecken. Kinder können also alles selbst entscheiden? Man muss sie nur lassen? In den Modellprojekten sei Hansen noch nie an die Grenze der Kinder gestoßen. Aber immer wieder an die Grenzen der Erwachsenen. „Manche Eltern gehen vertrauensvoll damit um, dass ihre Töchter und Söhne im Alltag mitentscheiden möchten“, sagt Baumann. Anderen fällt es schwerer. „Wenn Kinder zu Hause selbst entscheiden möchten, ob sie beim Spielen draußen eine Jacke anziehen, ist das manchmal für Eltern eine ungewohnte Konfrontation.“ Kinder müssen selbst lernen, welche Kleidung für sie wann richtig ist. Das ist die Philosophie. Fürsorge ja, Bevormundung nein. Es geht auch darum, Macht abzugeben: für die Eltern, aber auch für die Erzieher. Grenzen gibt es erst, wenn das Wohl des Kinder gefährdet ist: etwa im Straßenverkehr oder bei besonderer Ernährung aufgrund einer Krankheit.

In der Kita Lotte Lemke haben die Kinder klare Rechte. Aber auch klare Regeln. Wann die Tagesstätte öffnet und wer ins Büro der Leiterin darf, sagen die Erzieher. Und: Die Pädagogen entscheiden, worüber die Kinder entscheiden dürfen. Welche Regeln die Eltern zu Hause aufstellen, sei natürlich allein Sache der Eltern.

Fiona ist fünf Jahre alt, sie sitzt im Kinderrat der Kita. Sie erwähnt, dass sie gerade an einem Tierprojekt arbeite. Sie wollen Katzen, Löwen und Hunde malen und die Bilder in den Räumen aufhängen. Was sie vorhat, habe sie auch schon mit den anderen Kinderräten besprochen. Was Demokratie ist, weiß Fiona nicht. Aber sie erzählt, dass sie Smilys und Muggelsteine zum Abstimmen haben. Für die Eltern und Erzieher ist die Verfassung der Kita auf ein DIN-A5-Blatt gedruckt. Für die Kinder hängt eine Pyramide an der Wand am Eingang. Fotos und Pfeile erklären, was die Kinder dürfen und was nicht.

Tommy Weber sitzt jetzt draußen vor der Tür im Flur. „Dass Kinder über mich abgestimmt haben, war ein komisches Gefühl. Aber ich finde es richtig, sie an Demokratie heranzuführen“, wird er später sagen. Drinnen im Mitarbeiter-Zimmer geben die Kinder der „Tommy AG“ ihre Stimme ab. Erzieherin Sanow fragt: „Wollt ihr noch diskutieren?“ Ein langes, etwas müdes „Nein“ zieht sich durch den Raum. Dann soll ein Mädchen noch einmal erklären, wie jetzt abgestimmt wird. Fiona stellt sich in eine Ecke des Raums. Sie ist dafür, dass Tommy bei ihnen arbeitet. Alle anderen sollen sich dazustellen, wenn sie das auch wollen. Am Ende steht die ganze Gruppe bei Fiona.