Energiewende-Index

"Die Versorgungssicherheit ist bedroht"

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Im vierteljährlich erscheinenden Energiewende-Index von McKinsey warnen die Experten vor einem deutlich erhöhten Risiko von Engpässen.

Berlin. Die Bundesregierung ist mit ihrer "Energiewende" im vergangenen Quartal kaum vorangekommen. Das belegt der vierteljährlich erscheinende "Energiewende-Index" der Beratungsgesellschaft McKinsey. Das Ergebnis der Studie: Die Bundesregierung kann derzeit lediglich hoffen, vier von 15 selbst gesteckten Energiewendezielen zu erreichen. Insbesondere bei der Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit mit Strom in Deutschland mahnen die McKinsey-Experten Thomas Vahlenkamp und Matthias Gohl dringend an, die deutliche Tendenz zur Verschlechterung aufzuhalten.

Gemessen an dem Kriterium der durchschnittlichen Dauer von Stromausfällen in Deutschland ist hier nach wie vor alles in Butter: Mit 15 Minuten bleibt dieser Wert sogar noch unter dem des Ausgangsjahres 2008. Die Versorgungssicherheit berechnen die Experten aber noch anhand eines zweiten Kriteriums: der "gesicherten Reservemarge". Der Wert beschreibt, inwieweit die sicher verfügbare Kraftwerksleistung in Deutschland noch ausreichen würde, die Stromnachfrage zu jeder Zeit zu decken. Und hier sieht es nicht gut aus. Tatsächlich hat der Verband der europäischen Netzbetreiber (ENTSO-E) für Deutschland in diesen Winter eine Reservemarge von minus 0,6 Prozent festgestellt. Die Stromnachfrage könnte also höher sein, als die in Deutschland verfügbare Kraftwerksleistung.

"Im Extremfall, beispielsweise an einem kalten, bewölkten, windarmen Wintertag, könnte es in Deutschland zu kritischen Situationen und damit Importbedarf kommen", warnt McKinsey.

Zwar seien wegen der Netzverbindungen zu den Nachbarländern Stromimporte oft möglich. Doch werde diese Importmöglichkeit nicht der Reservemarge hinzugerechnet, denn "an kalten Wintertagen könnte die Knappheit sogar noch dadurch verstärkt werden, dass zum Beispiel die in Frankreich verbreiteten Elektroheizungen die Stromnachfrage deutlich ansteigen lassen", erklärt McKinsey-Direktor Vahlenkamp. "Gemessen am Ziel einer fünfprozentigen Reservemarge, wie vom Verband ENTSO-E veranschlagt, ist demnach ein klares Risiko für die Versorgungssicherheit zu konstatieren."

"An dem Thema Versorgungssicherheit muss noch stärker gearbeitet werden: Die technischen Grenzen der Netze werden immer stärker ausgefahren, wobei teilweise nicht einmal genau klar ist, wo diese Grenzen liegen", sagt Vahlenkamp. Die Tendenz zur Verschlechterung ist bereits deutlich erkennbar: Zwar werden bis 2015 noch sieben große Steinkohlekraftwerke ans Netz gehen. Damit nimmt der Umfang der steuerbaren, sicher verfügbaren Kraftwerkskapazitäten zwischenzeitlich um vier Gigawatt zu. Doch das reicht nicht aus, um die elf Gigawatt Kapazität aus Kernkraftwerken zu ersetzen, die bis 2022 vom Netz gehen sollen.

Aber nicht nur die Energiesicherheit bereitet Probleme. In insgesamt acht von 15 messbaren Einzelaspekten der Energiewende gilt die Zielerreichung als unrealistisch, es sei denn, die Politik bessert schnell und stark nach. Das bezieht sich etwa auf die Kosten für Netzeingriffe, zu denen die Netzbetreiber wegen des stark schwankenden Ökostromaufkommens immer öfter gezwungen sind. Auch beim Ausbau der Transportnetze kann McKinsey erst 27 Prozent Zielerreichung feststellen. Momentan hätten 16 von 24 im Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) aufgeführten Projekte einen Zeitverzug von einem bis zu sieben Jahren. Auch das von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) formulierte Ziel einer bei 3,6 Cent pro Kilowattstunde stabilisierten EEG-Umlage ist nicht mehr erreichbar. Die Erhöhung der EEG-Umlage um 50 Prozent auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde war hauptsächlich auf den Zubau erneuerbarer Kapazitäten, Nachholeffekte und Ausnahmetatbestände zurückzuführen.

Zu den erreichbaren energiepolitischen Zielen zählt McKinsey den Erhalt von Arbeitsplätzen sowohl im Bereich erneuerbarer Energien als auch in der energieintensiven Industrie. Auch bei den Industriestrompreisen ist eine Verbesserung festzustellen. Die Preise liegen nur noch rund 13 Prozent über dem EU-Durchschnitt - im letzten Quartal waren es noch fast 20 Prozent.

Das Ziel, die Nutzung von Solarkraft in Deutschland zu steigern, wurde nicht nur erreicht, sondern sogar dramatisch übererfüllt: Durch den Rekordzubau von Solarmodulen mit 7,6 Gigawatt Leistung im vergangenen Jahr wurde der im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgeschriebene Ausbaukorridor um mehr als das Doppelte überschritten. "Mit aktuell 32,4 Gigawatt installierter Leistung wird das Ziel der Bundesregierung um 49 Prozent übererfüllt - mit weiter steigender Tendenz", heißt es im McKinsey-Bericht: "Noch zeigen die Maßnahmen der Bundesregierung aus dem Jahr 2012 also eher eine beschleunigende als bremsende Wirkung."

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