Rechtsextremismus

Bruder von NSU getötet: Ein Schmerz, der nie vergeht

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Die Schwester des Hamburger NSU-Opfers erzählt im Brief an den Bundespräsidenten von der Zeit nach dem Mord. Gaucks Einladung lehnt sie ab.

Hamburg. Am 11. November 2011 klingelt Aysen Tasköprüs Telefon. Ein Arbeitskollege ruft sie an, er ist aufgeregt. "Aysen, mach sofort den Fernseher an!" Doch noch kommt sie nicht dazu. Wieder klingelt es, diesmal ist ein Beamter der Kriminalpolizei dran. Er hatte in dem Mord an Aysens Bruder Süleyman Tasköprü ermittelt. Und er sagt der Schwester, dass sich die Mörder ihres Bruders umgebracht hätten. Es ist der Tag, an dem sie auch erfährt, dass ihre Großmutter in der Türkei gestorben ist.

"Ich habe in dieser Nacht nicht geschlafen, ich musste mich ständig übergeben. Am nächsten Tag hätte ich Frühdienst gehabt, aber ich konnte nicht zur Arbeit gehen. Das Telefon klingelte ununterbrochen, Presse und Fernsehen wollten Interviews."

Aber Aysen Tasköprü wollte nur ihre Ruhe. So schreibt sie über den Tag, an dem die rechtsterroristische Gruppe des selbst ernannten "Nationalsozialistischen Untergrunds" aufflog. Am 11. November veröffentlichte die Bundesanwaltschaft eine kurze Mitteilung, in sprödem Amtsdeutsch. Doch die Nachricht schlug mit schrecklicher Wucht ein: Der Polizistenmord von Heilbronn und die über Jahre hinweg verübten Morde an acht türkischen und einem griechischen Ladenbesitzer - all das soll auf das Konto derselben rechtsextremistischen Täter gegangen sein.

Lesen Sie hier den Brief der Schwester im Wortlaut

Auch Süleyman Tasköprü soll ihr Opfer sein. Am 27. Juni 2001 fand ihn sein Vater am Boden im Laden der Familie in Bahrenfeld. Die Täter hatten Tasköprü mit gezielten Kopfschüssen hingerichtet. Er starb noch am Tatort. In den Armen seines Vaters.

Mehr als ein Jahr nach Bekanntwerden der Mordserie hat Bundespräsident Joachim Gauck die Angehörigen der NSU-Opfer für den kommenden Montag ins Schloss Bellevue nach Berlin eingeladen. Doch die Schwester Aysen Tasköprü wird diese Einladung nicht annehmen. Sie hat einen Brief an Gauck geschrieben. Er liegt dem Abendblatt vor. Ohne ihre Anwältin fühle sie sich dem Besuch nicht gewachsen. Doch nur die Angehörigen seien zu Gauck eingeladen, nicht die Rechtsbeistände. Ihre Geschichte möchte die Schwester dem Präsidenten dennoch erzählen. Erstmals spricht eine Angehörige des Hamburger NSU-Opfers vom Leben der Familie nach dem Tod ihres Bruders. Und sie klagt an.

"Die Menschen, die sich jetzt mit einem Bild von meinem Bruder zeigen, die behaupten, uns zu kennen und in unserem Namen zu sprechen: Wo wart Ihr 2001? Meine Nichte ist nicht erst seit 2011 Halbwaise, mein Bruder ist nicht durch seine Ermordung zu einem anderen Menschen geworden. Für uns klingt das wie Hohn. Damals hat niemand um meinen Bruder getrauert. Heute ist er Euch auf einmal so wichtig."

Und auch dem Staatsoberhaupt macht Aysen Tasköprü Vorwürfe: "Ihnen, Herr Bundespräsident Gauck, ist mein Bruder doch nur wichtig, weil der NSU ein politisches Thema in Deutschland ist." Und sie fragt: "Was wollen Sie an unserem Leid ändern? Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?"

Noch im November 2012 hatte die Türkische Gemeinde in Deutschland um einen gemeinsamen Empfang mit dem Bundespräsidenten und den Angehörigen gebeten. In einem Schreiben des Bundespräsidialamtes hieß es, man werde von einem Treffen in diesem Rahmen "absehen", aber mit "allen Mitteln des Amtes weiter daran arbeiten". Auf Nachfrage heißt es heute, der Präsident habe schon damals eine Einladung der Angehörigen geplant. Gauck habe aber noch das Treffen mit Politikern des Untersuchungsausschusses Anfang Februar abwarten wollen.

Aysen Tasköprü bedankt sich in ihrem Brief für die Einladung. Doch annehmen werde sie diese nicht. Tasköprü möchte sich nicht fotografieren lassen, möchte auch kein Interview geben. Zu tief sitzt der Schmerz. Im November 2011, als die Mordserie aufflog, sei ihr Bruder ein zweites Mal gestorben.

"Etwas in mir ist zerbrochen. Körper und Geist gehen ihre eigenen Wege. Mein Leben entgleitet mir."

1974 wurde Aysen Tasköprü in der Türkei geboren, seit 1979 lebt sie in Deutschland, ging hier zur Schule, machte eine Ausbildung und begann eine Arbeit. Sie gründete eine Familie, ihr Sohn kam zur Welt. "Ich fühlte mich als Deutsche mit türkischen Wurzeln." Im März 2011, Monate vor der Nachricht vom NSU, hatte sie noch gelacht, über diese eine Begegnung, die sie erlebt hat in Deutschland, ihrer Heimat. Eine Sachbearbeiterin bei der Behörde habe ihrem Sohn gesagt, er sei kein Deutscher. Schließlich habe er keinen deutschen Pass. Der Junge verstand nicht, was die Frau meinte. Zu Hause erklärte Tasköprü ihrem Kind, warum die Frau im Rathaus das so gesagt hatte. Heute kann sie darüber nicht mehr lachen.

"Ich hatte mal ein Leben und eine Heimat. Ich habe kein Leben mehr. Ich bin nur noch eine leere Hülle, die versucht, so gut es geht zu funktionieren."

Betäubt vom Schmerz. Unendlich traurig. Und Aysen Tasköprü ist verunsichert von einem Land, das ihr kein Gefühl der Sicherheit mehr gibt. Deutschland macht ihr Angst. Nachdem klar war, dass Neonazis Süleyman erschossen hatten, richtete die Familie eine Telefonkette ein. Wenn sich jemand meldet, sollen schnell alle alarmiert werden. Die Mutter von Aysen und Süleyman geht kaum noch aus dem Haus. Und nie allein. Der Vater möchte die Familie am liebsten in die Türkei zurückbringen. Aysen Tasköprü machte ein Kur, drei Wochen lang. Doch auch danach konnte sie nicht zurück an ihre Arbeitsstelle. Der Arzt bescheinigte ihre Arbeitsunfähigkeit. Doch die Krankenkasse habe das nicht hinnehmen wollen, schreibt Tasköprü. Sie solle sich Urlaub nehmen. Seitdem werde sie zwischen ihrem Arbeitgeber, der Krankenkasse und der Arbeitsagentur hin- und hergeschubst, schreibt sie in dem Brief an den Bundespräsidenten.

Und im Kopf bleiben die Bilder. Sie lassen sich nicht einfach wegschubsen. Nachts sei ihr Sohn von den Albträumen der Mutter aufgewacht. Als sie zum ersten Mal Berichte über den Mord an ihrem Bruder im Fernsehen sah, konnte Tasköprü nicht aufhören zu schreien.

"Da lag mein Bruder in seinem eigenen Blut auf den rot-weißen Fliesen, die ich so gut kannte. Ich sehe seine zierlichen Hände und ich erkenne seine Armbanduhr. Und kein Lächeln auf seinen Lippen. Er ist ermordet worden und liegt auf den kalten Kacheln in seinem eigenen Blut."

Es war auf der Beerdigung in der Türkei, als Aysen Tasköprü ihren Bruder das letzte Mal gesehen hat. Das letzte Mal, bevor seine Leiche auf dem Bildschirm im deutschen Fernsehen flackerte - als Opfer von Neonazis. Es sind Tage, an denen sich die junge Frau oft an die Bestattung in der Türkei 2001 erinnert. Sie durfte ihn bei der Zeremonie nicht berühren, der Prediger hatte es verboten. Aysen Tasköprü gab ihrem Bruder Süleyman trotzdem einen Kuss.

"Er war in weiße Tücher eingewickelt. Er war bleich und so kalt, aber sein Mund sah aus, als ob er lächelt."

Im Spätsommer 2011, Monate vor Bekanntwerden der Mordserie, klingelte eine Beamtin der Kriminalpolizei bei den Tasköprüs an der Tür. Sie brachte die persönlichen Gegenstände von Süleyman zurück, die Armbanduhr, die Brille. Neue Spuren zu den Tätern hatte die Polizei damals nicht. Heute ist die Mordserie des NSU auch die Geschichte eines großes Staatsversagens. Polizei und Verfassungsschutz fischten nicht nur im Trüben, sie blockierten sich teilweise gegenseitig, gingen Hinweisen auf ein rechtsextremes Motiv der Tat nicht entschlossen nach.

Am Ende ihres Briefes an Joachim Gauck richtet sich Aysen Tasköprü noch einmal direkt an den Bundespräsidenten. Sie wünsche sich, dass er als Erster Mann im Staat helfen könnte, Antworten zu finden. Emphatische Einladungen aber würden nicht reichen, schreibt sie. Sondern nur Taten.

"Können Sie mir helfen? Wir werden sehen. Mit freundlichen Grüßen, Aysen Tasköprü."