Studie

Junge sozial schwache Deutsche sehen kaum Aufstiegschancen

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Allensbach veröffentlicht Studie: „Wenn ich groß bin werde ich Hartz IV, wie Papa“. Junge Generation ist mutlos und glaubt nicht an Chancen.

Berlin. Mehr als die Hälfte der aus einfachen Verhältnissen stammenden Menschen unter 30 Jahren glaubt nicht, dass in Deutschland ein Aufstieg aus einer einfachen sozialen Schicht möglich ist.

Mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung ist laut einer neuen Allensbach-Umfrage zudem überzeugt davon, dass Leistung sich nicht lohnt. Was zählt, ist aus Sicht vieler der rund 1800 Befragten allein das Elternhaus.

Dabei sind die Ostdeutschen pessimistischer als die Westdeutschen. Ganz anders schätzen etwa die Schweden ihre Chancen ein. In der ländervergleichenden Studie stellten die Meinungsforscher fest, dass dort – unabhängig von der sozialen Schicht – zwei von drei jungen Erwachsenen überzeugt sind, dass jeder alles werden kann.

Laut Studie von Bild der Frau und Allensbach-Institut glauben 55 Prozent der jungen Deutschen aus einfachen sozialen Schichten nicht, dass ein sozialer Aufstieg für sie möglich ist. Sogar mehr als ein Drittel der deutschen Gesamtbevölkerung sind überzeugt: Leistung lohnt sich nicht, was zählt, sei alleine das Elternhaus. Ganz anders ist es in Schweden. In der ländervergleichenden Repräsentativ-Studie wurde festgestellt, dass dort – unabhängig von der sozialen Schicht – zwei von drei jungen Erwachsenen überzeugt sind, dass jeder alles werden kann.

Deutschland denkt: Mütter, die ihre Kinder in Kitas geben, sind „Rabenmütter“ - in Schweden machen das alle

Während in Schweden die Erziehung und Bildung von Kindern viel mehr dem Staat überlassen wird, herrscht in Deutschland noch sehr stark das „Rabenmutter“-Denken. 46 Prozent der Deutschen glauben, dass ein Kleinkind leidet, wenn es nicht bei der Mama ist. Schwedische Eltern dagegen sind fest überzeugt, dass Kinder davon profitieren, wenn sie schon sehr früh in die Kita oder zur Tagesmutter gehen. Diese Einstellungen spiegeln sich auch in der Praxis wider: In Schweden werden rund 90 Prozent der 2-Jährigen außer Haus betreut, in Deutschland nur 51 Prozent.

Auch später in der Schule haben deutsche und schwedische Eltern unterschiedliche Vorstellungen, wenn es um die Förderung ihrer Kinder geht: Während zwei Drittel der deutschen Eltern sich in der Verantwortung sehen, wenn es um vielseitige Bildung, Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft der Kinder geht, fühlen sich in Schweden jeweils weniger als ein Drittel dafür verantwortlich, sie delegieren diese Ziele viel mehr an den Staat. Die Folge: In Deutschland hängt die Förderung von Schulkindern viel stärker vom Elternhaus ab.

Prof. Renate Köcher, Leiterin des Institut für Demoskopie Allensbach: „Wir Deutschen können von den Schweden lernen, die Elternaufgabe entspannter zu sehen. Aber auch die deutsche Politik ist gefragt: Die Schweden haben ein viel größeres Betreuungsangebot für Kleinkinder und einen unglaublich hohen Qualitätsstandard in den Einrichtungen, das schafft Vertrauen und Sicherheit für die Eltern. In Deutschland dagegen haben besonders Frauen immer noch das Gefühl, dass sie sich zwischen Job und Familie entscheiden müssen- weil sie Angst haben, ihrem Kind zu schaden, wenn sie es einer Kita anvertrauen, weil sie dem Rabenmutter-Vorwurf ausgesetzt sind und weil es schlicht und einfach viel zu wenige Betreuungsoptionen gibt.“

Für die Studie „Chancengerechtigkeit durch Förderung von Kindern – ein deutsch-schwedischer Vergleich“ hat das Institut für Demoskopie Allensbach in einer repräsentativen Studie Menschen in Schweden und Deutschland zu Betreuung, Förderung und Erziehung von Kindern befragt. Unterstützt wurde die Studie vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Zwischen dem 4. und 19. Mai 2012 wurde in Deutschland eine bevölkerungsrepräsentative Stichprobe von 1.835 Personen ab 16 Jahre mündlich-persönlich befragt. Auch in Schweden wurde vom 17. Mai bis 24. Juni 2012 ein repräsentativer Querschnitt der 16- bis 74-jährigen Bevölkerung von 1.058 Personen mündlich-persönlich interviewt.

( dpa/abendblatt.de )

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