Bundesgerichtshof

Harald Range, der nette Herr Terroristenjäger

Der Celler Jurist Harald Range wird neuer und somit zehnter Generalbundesanwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe - ein Liberaler.

Celle. In wenigen Tagen wird der freundliche ältere Herr mit dem schlohweißen Haar und der tief sitzenden Lesebrille auf die Jagd gehen. Harald Range wird sein Eckbüro mit dem französischen Eichenholztisch und der Standuhr aus dem 19. Jahrhundert verlassen und vom niedersächsischen Celle ins badische Karlsruhe ziehen. Sein neuer Arbeitsplatz wird sich in einem Gebäude befinden, das einer modernen Festung gleicht, mit hohen Mauern, Überwachungskameras und Fenstern aus schusssicherem Glas. Range, der gleich noch mal zu Fuß in die Celler Altstadt aufbrechen will, wird sich dann nur noch in einer gepanzerten Limousine oder in Begleitung von Leibwächtern fortbewegen.

Wer die Bundesrepublik nicht als Demokratie begreift, sondern sich von ihren Institutionen gegängelt fühlt, für den könnte der nette Herr Range zur Symbolfigur staatlicher Repression werden. So ist es schon Terroristen der RAF wie Andreas Baader gegangen oder auch Islamisten wie dem Kofferbomber Youssef al-Hajdib, die von Ranges Vorgängern hinter Gitter gebracht wurden. Denn am 17. November wird Harald Range offiziell zehnter Generalbundesanwalteller am Bundesgerichtshof, dem höchsten deutschen Strafgerichtshof. Weil Range dort als Deutschlands höchster Vertreter der Anklage für alle Strafsachen mit terroristischem Hintergrund zuständig sein wird, wird sein Posten gerne auch als der des obersten Terroristenjägers bezeichnet.

Dem Neuen ist das eigentlich zu dramatisch: "Aber wenn das ein Titel ist, mit dem die Leute was anfangen können, dann ist das in Ordnung."

Seit rund 30 Jahren ist Range Staatsanwalt, seit fast elf Jahren leitet er die Generalstaatsanwaltschaft Celle. Unter seiner Ägide ermitteln 250 Staatsanwälte in dem von Stade über Lüneburg und Hannover bis nach Hildesheim reichenden Bezirk. Range ist verantwortlich für insgesamt 900 Justizangestellte. Doch dass er in wenigen Tagen zusammen mit den Chefs von Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und Bundeskriminalamt für Deutschlands Sicherheit sorgen soll, hätte der Niedersachse nicht gedacht - vermutlich genauso wenig wie bis vor Kurzem seine Chefin, Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP).

Denn mit der Personalie Range gehen für sie peinliche Wochen vorüber. Nachdem mit Monika Harms fünf Jahre lang eine Christdemokratin das Amt der Generalbundesanwältin ausgeübt hatte, durfte die liberale Justizministerin einen Kandidaten aus ihren Reihen vorschlagen. Zunächst war ihre Wahl auf Johannes Schmalzl gefallen, Regierungspräsident von Stuttgart. Unruhe hatte sich daraufhin unter Deutschlands Top-Ermittlern verbreitet: Schmalzl ist zwar Jurist, hat aber in seinem Berufsleben nur drei Monate als Staatsanwalt gearbeitet. Als auch mehrere Bundesländer andeuteten, dem Anwärter die notwendige Zustimmung zu verweigern, zog der Baden-Württemberger seine Kandidatur genervt zurück. Dann richteten sich die Augen der Headhunter ins niedersächsische Celle: Auch der dortige Generalstaatsanwalt besitzt ein FDP-Parteibuch.

Der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister, sein Justizminister Bernd Busemann (beide CDU) und sein Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) sprangen Leutheusser-Schnarrenberger bei. Jeder Einzelne von ihnen wurde bei Range vorstellig. "Ich habe mich kurz mit meiner Frau beraten, und dann haben wir beschlossen, wir machen das", erinnert sich Range. Inzwischen packt das Paar, um eine Wohnung in der badische Residenzstadt zu beziehen. Ihr Haus im Norden wollen sie aber behalten.

Denn Ranges Amtszeit ist von überschaubaren Ausmaßen: Auch wenn der 63-Jährige seine Dienstzeit verlängert, wie er es bereits geplant hatte, ist für ihn in knapp fünf Jahren mit 68 Schluss. Der Linken-Rechtsexperte Wolfgang Neskovic bezeichnete Range deswegen schon als "Verlegenheitslösung". Fachlich sei Range jedoch hervorragend, schob Neskovic hinterher. Und auch die Grünen zeigen sich zufrieden mit der Wahl. CDU- und SPD-geführte Länder stimmten in der vergangenen Woche im Bundesrat für den gebürtigen Göttinger. Der betont: "Mit viereinhalb Jahren wäre ich fast so lange im Amt wie meine Vorgängerin, da kann man schon etwas bewegen." Doch wo er die größten Bedrohungen sieht - ob in links- und rechtsextremen Gewalttätern oder in islamistischen Attentätern - dazu schweigt der künftige Oberankläger. Er müsse erst einmal ins Amt finden und sich informieren. Eine Ahnung hat er dennoch: Natürlich werde die Verfolgung terroristischer Straftaten eine wichtige Rolle spielen. Ob der Kampf gegen den Terror zu gewinnen ist, wisse er nicht. "Die Kriminalitätsformen ändern sich ständig. Trotzdem denke ich, dass wir noch einige Zeit mit dieser Bedrohung zu tun haben werden."

Vom Kurs seiner Vorgängerin dürfte Ranges Amtsführung abweichen. Harms, nach außen oft harsch wirkend, hatte sich mit Forderungen nach Online-Durchsuchungen und der Vorratsdatenspeicherung schnell im Ministerium unbeliebt gemacht. Der Neue wird wohl leiser auftreten. "Ich werde keine Rechtspolitik betreiben, aber die dafür Verantwortlichen sachkundig beraten", versichert er. Ranges Denken wurzelt im Liberalismus. "Meine politische Grundeinstellung ist: so viel Staat wie nötig und so viel Freiheit wie möglich. Daraus leite ich mein Weltbild und mein berufliches Ethos her."

Es ist kein Hardliner, der da nach Karlsruhe geht. Seine Arbeit begreift Range als einen ständigen inneren Konflikt, bei dem es darum geht, die Balance zwischen Freiheits- und Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft zu finden.

Doch weder Ranges Auftreten noch seine 40-jährige FDP-Mitgliedschaft dürfen darüber hinwegtäuschen, dass der Niedersachse ein erfahrener Ermittler ist, der nach eigenen Angaben mehrere Zehntausend Mal daran gearbeitet hat, Verdächtige zu bestrafen. Es gebe einen Punkt, an dem er sensibel reagiere, sagt er: "Das ist Gewalt, die nicht vom Staat ausgeht."

Seit Ende der Sechziger sei das schon so. Range studierte Jura in Bonn, als Deutschland über die Notstandsgesetze debattierte. "Daraus entsprang später die Diskussion, ob Gewalt als politisches Mittel gerechtfertigt ist. Da habe ich gedacht: Das kannst du nicht akzeptieren." Später habe ihn der RAF-Terror geprägt. Heute ist er überzeugt: "Der Staat ist gefragt, keine rechtsfreien Räume entstehen zu lassen - egal ob es die Gewalt in der Familie oder diejenige von Hooligans oder Rockern betrifft." Wenn man ihn deshalb als Hardliner ansehe, sei ihm das gleich. "Ich kämpfe nicht um ein besonderes Image."

Aufmerksam sein, eben damit man keine weiteren Freiheiten der Sicherheit opfern muss, so umschreibt Range seine neue Verantwortung. Anschläge könnten schließlich den Lebensrhythmus einer ganzen Nation beeinflussen, sagt der Jurist. "Wenn wir plötzlich überall Sicherheitsvorkehrungen wie an Flughäfen bräuchten, wäre das für unser tägliches Leben sehr einschneidend." Daher sei die Aufgabe in Karlsruhe so wichtig, betont er. "Wir müssen wachsam sein."