Hamburg

Ex-Finanzminister Hans Apel, ein Mahner und Macher

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Ein großer Hamburger ist tot: Der frühere Finanz- und Verteidigungsminister Hans Apel starb im Alter von 79 Jahren im Kreise seiner Familie.

Hamburg. Wenn Sie noch Fragen haben, rufen Sie einfach an. Ich stehe ja im Telefonbuch." Hans Apel stand winkend in seiner Tür vor seinem Reihenhaus in Volksdorf. Ein paar Monate ist das jetzt her. Wir hatten lange über sein aktuelles Buch "Hans, mach du das!" gesprochen. Doch das war ihm am Ende noch einmal wichtig. Er machte sich geradezu lustig über Bezirkspolitiker oder Bürgerschaftsabgeordnete in Hamburg, die sich, aus welchen Gründen auch immer, aus dem Telefonbuch streichen lassen. Politiker, so seine Beobachtung, seien immer weniger Volksvertreter.

Hans Apel war für jeden erreichbar. Seine Telefonnummer blieb selbst in den Jahren nachschlagbar, als der SPD-Politiker als Finanz- und als Verteidigungsminister einer der wichtigsten Weichensteller im Lande war. Am Dienstagmorgen ist Hans Apel im Alter von 79 Jahren in einer Hamburger Klinik im Kreise seiner Familie gestorben.

+++Stationen seines Lebens+++

+++Reaktionen auf den Tod von Hans Apel+++

Vielleicht war das über all die Jahre seine größte Stärke. Hans Apel, in Hamburg-Barmbek als Sohn eines Prokuristen 1932 nur sieben Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren, war immer einer zum Anfassen. Er ist keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen und hat das von Beginn seiner politischen Arbeit an so gehalten. "Ich habe bei all meinen Wahlkämpfen für die Sozialdemokraten bestimmt mehr als 10 000 Hausbesuche gemacht", erzählte er mit sichtlichem Stolz. Für seine Partei gab er alles.

Einmal, als er 1957 für Helmut Schmidt in dessen Wahlkreis Hamburg-Nord Wahlkampf machte, haben sie abends Plakate geklebt und aufgestellt. Und sie nachts bewacht. "Einmal erwischten wir zwei, die unsere Stellschilder in den Goldbekkanal geworfen hatten", schreibt er in seinen Lebenserinnerungen. "Das wird ohne Polizei geregelt. Sie müssen sich bis auf Ihre Unterhosen ausziehen, in den Kanal springen und unsere Schilder bergen."

Nach dem Abitur auf dem Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek und einer kaufmännischen Lehre begann er 1954 in Hamburg ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Und schloss sich ein Jahr später der SPD an. Warum? "Ich will dort mitmachen, wo man dagegen ist: Gegen die Aufrüstung Westdeutschlands", hat er gesagt. Vielleicht lag ein Grund für die Sympathie zu den Sozialdemokraten auch ein paar Jahre zurück. Als sein Onkel Paul, Pflegeonkel und SA-Sturmbannführer, beim letzten Heimaturlaub seines Vaters 1944 bei den Apels zu Hause ist und sagt, dass der Krieg verloren sei, hört der kleine Hans die erste politische Aussage seines Vaters: "Hätten wir bloß 1933 dafür gesorgt, dass wir unsere Sozi-Papas behalten hätten."

Sein Vater war 1946 aus dem Krieg zurückgekommen. Gerade rechtzeitig, um nach dem Tod der Mutter im Herbst die Erziehung zu übernehmen. Sie wohnen in einer Zweizimmerwohnung im Wiesendamm 14. Das Thermometer zeigt vier Grad an. Hans hat mit Freunden im Stadtpark Bäume abgesägt. Der Kanonenofen, den sie aus den Trümmern geholt haben, braucht schließlich Futter. Erst abends wird der Ofen angezündet. Oft ist Stromsperre, dann sitzen sie im Dunkeln und warten auf das elektrische Licht. "Doch wir langweilen uns nicht", schreibt Hans Apel. "Mein Vater erzählt mir über die Jahre vor dem Krieg und über die Kriegszeit, von der Liebe zu seiner Frau und von seiner Jugend auf St. Pauli."

Später wird auch Hans Apel St. Pauli entdecken. Und zwar den Kiezklub. Weil sein Gegenspieler in der Schule, Rolf Ebeling, in den HSV eintritt, "muss ich Mitglied des FC St. Pauli werden". Vielleicht auch deshalb, erzählte er, weil die Familie seines Vaters aus St. Pauli kommt. Und, was Wunder, flugs findet er dort auch sein sportliches Vorbild: den linken Läufer Hänschen Appel, der nach Kriegsende aus Berlin nach Hamburg gekommen war. "Immer wieder habe ich mich über das fehlende zweite 'p' in meinem Namen geärgert."

Mit seinem Vater besucht er sonntags nach dem Kirchgang und dem Grabbesuch bei seiner Mutter und den Großeltern die St.-Pauli-Spiele. "Wir müssen mindestens eine Stunde vor Spielbeginn im Stadion sein, um noch einen passablen Stehplatz zu ergattern. Nach dem Spiel sind wir fix und fertig, ich bin dazu noch stockheiser."

Später wird er beim Kiezklub Vizepräsident und Chef des Aufsichtsrates. Und er bleibt streitbar. Nach einer Auseinandersetzung über die Umbenennung des Wilhelm-Koch-Stadions in Millerntorstadion tritt er 1998 von seinem Amt zurück. Apel hatte ein Gutachten über den langjährigen Vorsitzenden Wilhelm Koch in Auftrag gegeben. Es kam zu dem Ergebnis, dass Koch NSDAP-Mitglied gewesen ist, "eine sogenannte Karteileiche", sich aber nicht an jüdischem Eigentum bereichert habe. Apel und die Mehrheit der Aufsichtsräte hielten Koch für einen fußballbegeisterten Unternehmer, der große Verdienste um den Verein erworben hatte. Die Mehrheit im Klub folgte ihm nicht und tilgte den Namen.

Doch Niederlagen haben Hans Apel nie groß gestört, geschweige denn in seinem Handeln zu einem Umdenken geführt. Im Gegenteil. Für seine Überzeugung legte er sich gerne mit seinen Gegnern an. Als er 1952 mit seinem Vater in Lüneburg einen Ostergottesdienst besucht und der Pfarrer in der Predigt gegen die Friedensbewegung hetzt, steht Hans Apel auf und fragt ihn, ob er schon einmal von der Bergpredigt gehört habe und ob das achte Gebot "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" auch für ihn gelte? Eisiges Schweigen in der Kirche.

Für markige Sprüche war Hans Apel zu haben: "Ich glaub', mich tritt ein Pferd", sagte er etwa als Bundesfinanzminister, als ihn die Nachricht von einem unerwarteten Haushaltsloch erreichte.

Als Verteidigungsminister wird Apel, inzwischen ein rechter Sozialdemokrat, 1981 auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um den Nato-Doppelbeschluss auf dem Hamburger Kirchentag mit Tomaten beworfen.

Bei einer Wahlveranstaltung reißt er jungen Leuten Flugblätter aus der Hand. Als die ihm daraufhin an den Kragen wollen, hat seine Frau Ingrid plötzlich einen ihrer Pumps in der Hand und schreit: "Wer meinen Mann anfasst, dem schlage ich diesen Pfennigabsatz in sein Gehirn."

Hans und Ingrid waren unzertrennlich. In seinem Buch schreibt er: "Wir beide wünschen uns, dass wir möglichst zeitgleich sterben. Dafür bete ich Tag für Tag. Der eine kann nicht ohne den anderen leben." Sie haben zwei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder. Im August haben sie 55. Hochzeitstag gefeiert. Sie war immer an seiner Seite, hat er geschrieben, "wenn die Hohen Priester der Political Correctness ihre Windmaschinen anwarfen".

Bei einem wie Hans Apel war das oft der Fall. Ein unbequemer Mahner, der schließlich auch mit seiner SPD haderte. Auch an sie richtete sich sein inzwischen schon geflügeltes Bonmot: "Im Reich der Illusionen und der Ideologien kann man keine Politik betreiben."

Er konnte einstecken, aber auch kräftig austeilen. Den SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine nannte er einen "brutalen Egozentriker", Ex-Kanzler Gerhard Schröder "eiskalt" und den jetzigen Parteichef Sigmar Gabriel einen "Alleinunterhalter", der den Eindruck macht, "wenn er morgen tot umfällt, gibt es gar keine Spitzenkräfte mehr in der SPD". Die Mehrzahl der Politiker sei zu Zynikern geworden.

Hans Apel hat nicht aufgehört, sich einzumischen und lautstark zu Wort zu melden. Polterte wegen der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gegen die evangelische Kirche. Warnte bereits vor zehn Monaten in einem Debatten-Beitrag im Hamburger Abendblatt davor, dass der Euro in Gefahr sei, weil die grundlegenden Probleme in Ländern wie Spanien, Irland oder Griechenland nicht angepackt werden. Nannte die Schlichtung in der Kontroverse um den geplanten Bahnhof "Stuttgart 21" einen "politischen Trick". Und schrieb viele Bücher. Über den kranken Koloss Europa, die deformierte Demokratie oder die Volkskirche ohne Volk. Zur aktuell brisanten Frage der gewaltigen Schuldenberge meinte er lapidar: "Eine Konsolidierung der Staatsfinanzen kann nur durch Kürzung der Staatsausgaben erreicht werden."

Sein letztes großes Thema war der Glauben. "An den Tod denken ist für mich, wie vielleicht manche fälschlich vermuten, kein Zeichen von Morbidität, sondern von Dankbarkeit für mein bisheriges Leben und Ansporn, die mir verbleibende Zeit zu nutzen", schrieb er. "Es ist eine Sünde, die uns geschenkte Lebenszeit zu vertun."

Beim Abschied erzählte Hans Apel noch, dass die Ärzte vor einem Jahr bei ihm Blasenkrebs diagnostiziert hätten. Aber er habe, sagte er, diese Krankheit überwunden. Und außerdem auch keine Angst vor dem Tod. "Ich habe", sagte Apel und lächelte, "die Sachen doch immer vom Ende her betrachtet."

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