Nord-CDU nach vier Affären-Tagen wieder komplett

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Ulf B. Christen

Neuer Fraktionschef Callsen bildet jetzt das Führungsduo mit Spitzenkandidat de Jager

Kiel. Schleswig-Holsteins CDU möchte die Affäre um Christian von Boetticher schnell abhaken. Nicht einmal vier Tage nach dem Rücktritt des früheren Hoffnungsträgers sicherte sich der Wirtschaftspolitiker Johannes Callsen, 45, den Vorsitz der Landtagsfraktion. Der Verwaltungswirt soll dem künftigen Parteichef und Spitzenkandidaten, dem mandatslosen Wirtschaftsminister Jost de Jager, 46, den Rücken im Landtag frei halten. Beide haben frührer als Journalisten gearbeitet und kennen das Hamburger Umland vor allem von Besuchen. Callsen lebt nahe Flensburg in Langdeel (Gemeinde Mohrkirch), de Jager in Eckernförde.

Von den 32 Abgeordneten stimmten 27 für Callsen. Vier Abgeordnete votierten gegen ihn, einer enthielt sich. "Das ist ein großartiges Vertrauensvotum", sagte der neue Fraktionschef. Sein Vorgänger von Boetticher hatte vor zwei Jahren 28 von 33 Stimmen erhalten. Gestern fehlte neben von Boetticher auch Mark-Oliver Potzahr aus Reinbek, der vor den Sommerferien einen Schlaganfall erlitten hatte. Im Landeshaus wird das Ergebnis Callsens als "akzeptabel" bewertet, weil der bisherige Fraktionsvize als Kompromisskandidat gilt. Der Favorit Hans-Jörn Arp, früher Gastwirt in Wacken, konnte die CDU-Führungsspitze nicht davon überzeugen, dass er neben seinen vielen Jobs vom Kreisvorsitzenden in Steinburg bis zum Schatzmeister der Landespartei auch die Fraktion sicher in den Griff bekommt. Als Alternative wurde Finanzminister Rainer Wiegard gehandelt. Der Politiker aus Bargteheide lag aber häufiger mit de Jager über Kreuz und hätte sich wohl kaum mit einer Nebenrolle zufriedengegeben.

Lachender Dritter war Callsen. Der Wirtschaftspolitiker versprach, der schwarz-gelben Regierung im Landtag den Rücken frei zu halten, sich in anderen Themen wie etwa der Bildungspolitik einzuarbeiten und im Parlament Schwergewichten wie Oppositionsführer Ralf Stegner (SPD) Paroli zu bieten. "Ich habe keine Probleme, in solche Debatten reinzugehen." Für die CDU gehe es nach der Affäre jetzt darum, den Blick nach vorn zu richten. "Es ist geschafft", meinte de Jager.

Unterdessen gibt es neue Spekulationen darüber, wer in der CDU wann und was über die Beziehung von Boettichers zu einer Schülerin wusste. Nach Informationen des Abendblatts soll es bereits im Herbst 2009 ein erstes, sehr vages Gerücht gegeben haben. Im Februar 2011 erhielt die Parteizentrale einen Hinweis, allerdings ohne Belege.

Klarheit gab es erst im Sommer. Anfang August waren mehrere CDU-Spitzenpolitiker darüber informiert, dass die Gerüchte über die 2010 beendete Liebesbeziehung einen wahren Kern haben und von Boetticher das Feld nicht räumen will. Weiterhin unklar ist, wer Details an Medien gab und damit den Rahmen für die CDU-Krisensitzung am Sonntag und den Rücktritt von Boettichers absteckte.

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