Im Netz gestürzt

Noch nie hat das Internet für die Politik eine so große Rolle gespielt wie in der Causa Guttenberg

Hamburg. Guttenberg hat noch Freunde. Ziemlich viele sogar. Mehr als 300 000 Internetnutzer kommentieren auf einer eigenen Facebook-Seite "gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg". Jetzt erst recht, rufen sie nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers in die digitale Welt hinaus.

Befürworter und Gegner führten den Streit über die Plagiats-Affäre des CSU-Politikers nicht nur in den Parlamenten, Talkshows und auf den Meinungsseiten der Zeitungen - sondern im Netz. Noch nie spielte das Internet beim Sturz eines Ministers eine so große Rolle wie bei der Causa Guttenberg. Am Ende siegten seine Kritiker.

In kürzester Zeit sammelten Wissenschaftler im Netz Textpassagen der Dissertation zusammen, die Guttenberg woanders abgeschrieben haben soll. Auf der Seite GuttenPlag Wiki lieferten sie Quellenangaben und Zitate. Nach wenigen Tagen standen zwei Drittel der Arbeit unter Plagiatsverdacht - eine Recherche, für die einzelne Mitarbeiter der Universität Bayreuth sonst womöglich Wochen gebraucht hätten.

Akribie, Fleiß und Schnelligkeit - das waren die Wege der Netzwelt, die Guttenberg unter Druck setzten. Und sie machen weiter, auch jetzt nach dem Rücktritt des Ministers. Denn noch immer habe "Herr Freiherr zu Guttenberg bei der Ankündigung seines Rücktritts keine klaren Worte zur offensichtlichen Täuschungsabsicht und zur Urheberschaft der Dissertation gefunden", heißt es auf GuttenPlag.

Das Internet ist längst nicht mehr die Spielwiese einer digitalen Boheme. Sie ist ein entscheidender Faktor in einer Gesellschaft, die vom Austausch von Informationen, von Daten und schneller Kommunikation lebt. Das Video, in dem ausgerechnet der Nachfolger seines Doktorvaters den Minister als Betrüger geißelt, verbreitete sich rasend schnell auf YouTube. Es wird zigfach verlinkt. Doktoranden sammelten im Internet Unterschriften für einen Brief, in dem sie Kanzlerin Merkel für ihren Beistand für Guttenberg scharf kritisieren. Pro Minute kamen im Netz 15 Unterzeichner des Briefes dazu.

Es ist die Macht der Masse, die dem Internet ihre politische Stärke gibt. Und diese Masse kann auch gnadenlos sein. Kurz nach den ersten Plagiats-Vorwürfen kursieren etliche Witze über den "Plagiator" und "Dr. Googleberg" im Web. Das Netz hat einen harschen, fiesen und auch lustigen Ton. Im Parlament hat der politische Gegner ein Gesicht. Die Anonymität des Internets erleichtert Bosheit und Satire.

Am Ende seiner Rücktrittsrede sagte Guttenberg gestern, er sei immer bereit gewesen zu kämpfen, aber er habe die Grenzen seiner Kräfte erreicht. Vielleicht war es auch diese Wucht der Kritik aus dem Internet, die den Minister am Ende aufgeben ließen.

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