Allein unter Männern

Was kommt Frauen beim Aufstieg in die Quere? Bankchefin Adelheid Sailer-Schuster über wichtige Hilfen und männliche Unternehmenskultur

Geht ein Gespenst in Deutschland um namens Quote? Noch nie wurde so heftig um feste Frauenanteile gestritten. Fast wirkt die Quotendebatte wie ein Kulturkampf, ein letztes Gefecht um Erbhöfe. In ihm bündeln sich geschlechtsspezifische Rollenstereotypen, neue Aufstiegserwartungen, die Verzweiflung über den Fachkräftemangel, die Kontroversen um Leistungsfähigkeit, Globalisierungsdruck und Unternehmenskultur.

Nach einer Umfrage des TNS-Forschungsinstituts für den "Spiegel" wären 73 Prozent der Frauen in Deutschland durchaus mit einer Frauenquote in Führungspositionen einverstanden und 60 Prozent der Männer ebenfalls. Jeweils über 80 Prozent halten Frauen für ebenso gut geeignet, eine Führungsposition einzunehmen, wie Männer.

In der Realität sieht es anders aus. Nach 62 quotenlosen Jahren Bundesrepublik hat der Finanzsektor wenig Erfolge aufzuweisen. In den Vorständen der Großen im Versicherungs- und Kreditgewerbe sitzen 97,3 Prozent Männer ganzen 2,7 Prozent Frauen gegenüber. Und das, obwohl der Frauen-Anteil in der Finanzbranche mit 54 Prozent sogar sehr hoch ist. Da zeige sich "eine eklatante Diskrepanz", stellt das Institut der Deutschen Wirtschaft (DIW) fest.

Adelheid Sailer-Schuster, 62, ist Präsidentin der Hauptverwaltung Hamburg der Deutschen Bundesbank und damit eine der ganz wenigen Top-Frauen in der Finanzbranche. Die Quotenfrage beantwortet sie differenziert. Das Ziel, den Anteil von Führungs-Frauen deutlich zu erhöhen, sei "sehr sinnvoll und begrüßenswert", sagt sie. "Aber wenn man jetzt sehr kurzfristig eine Quote vorschreiben würde, würde man wahrscheinlich gar nicht genügend qualifizierte Frauen finden, um all diese Positionen zu besetzen. Da müsste man die Frauen mit dem Lasso einfangen oder anderswo wegkaufen oder auch mit geringerer Qualifikation einstellen, nur um die Quote zu erfüllen. Davon halte ich nichts." Besser sei es, "der Wirtschaft noch einmal eine begrenzte Frist von einigen Jahren einzuräumen. Der Fachkräftemangel könnte ein Umdenken bewirken. Falls nicht, halte ich Sanktionsdrohungen für angemessen."

Welche Faktoren helfen Frauen, um nach oben zu kommen? Die Axel Springer AG zum Beispiel, in der auch das Hamburger Abendblatt erscheint, will den Anteil der Frauen in Führungspositionen - derzeit 19,7 Prozent - in den kommenden fünf bis acht Jahren verdoppeln. Dafür hat das Unternehmen das Programm "Chancen: gleich!" entwickelt: "Mit den Fachbereichen wurden individuelle Zielgrößen konkret vereinbart und Schritte zu deren Erreichung festgelegt", sagt Dr. Alexander Schmid-Lossberg, Leiter Geschäftsführungsbereich Personal. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll unter anderem mit flexibleren Arbeitszeiten, Betriebskindergärten und einem umfassenden Beratungsangebot verbessert werden. Der Verlag habe sich gegen eine Frauenquote entschieden: "Das würde zu viel Ablehnung und Frustration hervorrufen."

Adelheid Sailer-Schuster hat eine Erfahrung im Ausland geholfen: Sie war fünf Jahre Vertreterin der Deutschen Bundesbank in Rom, danach Mitglied im Kabinett von Binnenmarktkommissar Mario Monti in Brüssel. "Die Chancengleichheit war da schon besser realisiert", sagt sie. "Im Kabinett von Monti waren wir Frauen sogar in der Mehrzahl. Und die meisten Kolleginnen waren verheiratet und hatten Kinder."

Mentoren können wichtige Begleiter und Berater sein. Denn beim Weg nach oben stoßen Frauen oft auf "Closed Shops": Männerrunden, die trotz aller Animositäten untereinander gegen eine Frau zusammenhalten. Deshalb sagen Personalexperten, dass eine einzelne Frau in einem Zwölfer-Vorstand (oder Aufsichtsrat) noch nicht viel bewirkt. Der Frauenanteil muss eine "kritische Masse" übersteigen, die bei etwa 30 Prozent beginnt.

Das ist vor allem deshalb wichtig, weil in Männerrunden das Leitwolf-Prinzip herrscht - und von Unternehmensberatern auch emsig verbreitet wird. Zum Beispiel von Johannes Voss ("Die Führungsstrategien des Alphawolfes"). Voss betont zwar, dass die Alphastärken Selbstbewusstsein, Erfolgswillen, Leistungsstärke und Konfliktbereitschaft auch negative Seiten beinhalten. Aber das Bild ist verkehrt. Denn der Leitwolf toleriert keine durchlässigen Hierarchien zu. Und er akzeptiert auch nur eine Wölfin.

Das Dauerargument gegen Frauen in Chefetagen ist immer noch das Kind. Adelheid Sailer-Schuster bekam ihre beiden Töchter 1983 und 1984, als sie schon in leitender Stellung bei der Hamburger Landeszentralbank tätig war. Sie habe es nur mit einer privaten Kinderbetreuung zu Hause geschafft, sagt sie. "Da war ich natürlich privilegiert. Aber wir hatten auch keine Alternative. Denn es gab ja keine Krippenplätze." Eine Frau, die nach oben will, müsse in Kauf nehmen, einen Großteil ihres Gehalts für gute Betreuung auszugeben, sagt Sailer-Schuster. Eine ihrer Töchter ist heute Ärztin, die andere Volkswirtin.

Statt aber nun allein darauf zu starren, dass sich das große Förder-Onkel-Prinzip durchsetzt, muss eine ambitionierte Frau auch sich selbst einiges klarmachen. Zum Beispiel, dass sie ihre Kompetenz öfter unter Beweis stellen muss als ein Mann (dem wird meist einfach unterstellt, "dass er das packt"). Sie darf nicht hyper-selbstkritisch mit sich sein (wozu Frauen neigen). Sie muss sich gut vernetzen - bei Männern und Frauen. Sie muss lernen, lauter zu sprechen. Ein paar Verhaltensweisen von Männern und Frauen sind einfach unterschiedlich. Und Frauen haben, anders als Männer, mehr als eine positive Option fürs Leben. Wenn ihnen die Vorturner an der Firmenspitze zu anstrengend werden, können sie sich nicht nur wegbewerben oder selbstständig machen, sondern auch ein Kind kriegen.

Geht es also weiterhin um einen Bewusstseinswandel? Einerseits ja: "Wir haben vielfach noch ein Wahrnehmungsdefizit gegenüber qualifizierten Frauen", sagt Sailer-Schuster. "Zum anderen: Die männlich geprägte Unternehmenskultur ist ja eine Präsenzkultur. Wer von morgens früh bis abends um elf im Büro oder auf Sitzungen sitzt, der hat da bessere Chancen, Karriere zu machen. Von solchen Strukturen müssen wir uns verabschieden."