James Krüss an Briten-General: "Die Zerstörung ist ein Unrecht"

Im Hamburger Abendblatt erschien auf der Titelseite vom 8. August 1949 der folgende offene Brief, in dem sich der auf Helgoland geborene Schriftsteller James Krüss (1926-1997) an den Chef der britischen Militärverwaltung in Deutschland, Lord Brian Robertson (1896-1974), wandte:

"Sehr geehrter Herr General,

Ihre Äußerung über Helgoland auf der Münchner Pressekonferenz hat uns Helgoländer tief bestürzt. Sie erklärten, daß die Sicherheit Englands und Europas dem Wohnrecht einiger Insulaner vorginge. Das aber bedeutet, daß die Insel entweder zerstört oder zumindest nicht wieder bewohnbar gemacht werden soll. Die Sprengung der zum großen Teil nachträglich in die Felsbunker geschafften Munition und die häufigen Bombardierungen unserer Insel lassen stark vermuten, daß man es auf eine Zerstörung mit allen Mitteln abgesehen hat.

Ich will gern zugeben, daß dort, wo es um die Sicherheit Europas geht, viele Mittel recht sind, die man im Grunde verwerfen muß; daß aber die Existenz Helgolands als Wohn- und Badeort eine Bedrohung Europas darstellt, ist mehr als zweifelhaft.

Natürlich ist es richtig, daß Bewegungen der englischen Flotte durch ein befestigtes Helgoland gestört werden, aber erstens ist England nicht Europa, zweitens kann eine Befestigung der Insel durch Abmachungen unterbunden werden, drittens ist es sehr unwahrscheinlich, daß England und Deutschland sich in den nächsten fünfzig Jahren den Krieg erklären werden. Und viertens schließlich bleibt die Bombardierung des bewohnbaren Ortes Helgoland im Nichtkriegszustand durch britische Flugzeuge auch dann nach völkerrechtlichen Gepflogenheiten ein Unrecht, wenn die Existenz Helgolands die militärische Sicherheit Englands zu gefährden scheint!

Im übrigen hat der Verlauf des vorigen Krieges gezeigt, daß die militärische Bedeutung des Eilandes sehr gering ist und daß sie lediglich Bewegungen der englischen Flotte in ihrem Feuerbereich störte. Daß diese Tatsache entscheidend für die Verteidigung Europas sein soll, kann ich nicht glauben.

Wir Helgoländer würden es dankbar begrüßen, wenn über das Verbot militärischer Anlagen auf unserer Insel eine internationale Abmachung getroffen würde. Denn der überwiegende Teil der Inselbewohner hat den Ausbau des Eilandes zur Festung mißbilligt, weil dadurch die alten Erwerbsquellen der Helgoländer verringert wurden.

Was die politische Einstellung der Helgoländer angeht, so erlauben Sie mir zu bemerken, daß die Helgoländer ihre Insel seit je auf demokratische Weise verwaltet haben, wenn nicht ein Landesherr ihnen mit Gewalt andere Formen zur Pflicht machte.

Ich bin überzeugt, daß es auch andere Wege als den der Zerstörung gibt, um den Mißbrauch einer Insel zu kriegerischen Zwecken zu verhüten, dessen Wert für die Schiffahrt, für die Wissenschaft und für die Erholung tausender Kranker auch Sie, Herr General, werden bestätigen müssen!

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Wege gibt es ... Ihr sehr ergebener

gez.: James Krüss