Glosse

Ja, ist denn scho’ wieder Weihnachtsfeier?

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Auf Weihnachtsfeiern geht es meistens locker zu. Trotzdem sollte man gewisse Regeln beachten. Eine Glosse von Christoph Rybarczyk.

Hamburg. Die gute alte Weihnachtsfeier ist für die Deutschen inzwischen zur größten menschlichen Herausforderung aller Zeiten geworden. Das wird auch an diesem Wochenende wieder für Tausende Hamburger und ihre Familien, ehemalige und zukünftige Partner virulent. Ob Kerze, gute Laune oder Amors Masern – eine gelungene Weihnachtsfeier ist schlicht ansteckend. So sehen für viele die kommenden 24 Stunden aus: Raus aus dem Büro, rauf auf den Weihnachtsmarkt, rein in die Kneipe oder ein Restaurant für die betriebliche Vereinigung vor dem Fest.

Zwei Wochen vor Heiligabend werden die Weihnachtsfeiern in Hamburger Unternehmen zum Höhepunkt eines geschäftsmäßigen Jahres. Schon am Nachmittag lockern sich in Vorbereitung auf das närrische Wochenende mit Punsch, Party und vielleicht ein bisschen Tabledance die Krawatten, Gürtel und Sprüche.

Doch was, wenn aus Spaß Ernst wird? Juristen empfehlen es seit Jahren, doch es scheint sich nicht in alle Weihnachtsfeier-Köpfe gepflanzt zu haben: Nicht über eine Gehaltserhöhung reden, wenn der Chef die Sekretärin nach Hühnchen auf Thai-Art noch zum Diktat auf der Tanzfläche bittet. Einfache Regel: nie dazwischenquatschen. Auch der Boss ist nur ein Mann – selten eine Frau – und muss diesen auch mal raushängen lassen. Deshalb wird hierarchieübergreifend auf der Weihnachtsfeier oft das Du angeboten.

Die Experten sagen: Am nächsten Bürotag lieber erst einmal wieder das Sie bemühen. Alkohol könnte zum Du verleitet haben, das später bereut wird. Grundsatzfrage dabei: Möchte man im Streitfall lieber ,Du Arschloch’ oder ,Sie Arschloch’ sagen? Und zwischen Aperitif, Bier und Wein und Caipi auch mal ein Wasser trinken, kalorienarm und kohlenhydratreduziert. Ist gut für die Linie und geruchsneutral, falls man Frau Müller-Meier doch noch in die Wohnung folgen darf.

Nun sind von Weihnachtsfeiern des FC Bayern München wahre Verbrüderungs- und Anbahnungsszenen bekannt. So soll der einzige deutsche Kaiser, der je einen (Fußball-)Weltkrieg gewann, Franz Beckenbauer, auf einer dieser Feiern einer seiner Zukünftigen nahe gekommen und neun Monate später wieder Vater geworden sein. Das geht mutmaßlich Tausenden Feierwilligen so, ist doch Weihnachten das Fest der Liebe.

Sollte sich ein Kater nach der Weihnachtsfeier einstellen, der mit Alkohol oder Reue zu tun hat, helfen am Morgen danach handelsübliche Aspirin oder einfach das Weitermachen. Bisweilen muss man sich die Folgen einer solchen Feier auch schöntrinken. Wie gut passt es da, dass nach kurzem Christmas-Shopping in den Kauftempeln der Hamburger City (oder bei Amazon, weil das vom Bett aus mit Laptop besser geht) die nächste Wohltat am Fernseher lockt. Ausgerechnet beim FC Bayern, wo Franz Beckenbauer wegen seiner Erfolge bei Meister- und Weihnachtsfeiern zur Ikone wurde, spielt der FC St. Pauli an diesem Sonnabend. Bei Sky, im Radio und selbstverständlich im Liveticker auf abendblatt.de lässt sich das Spiel der Roten gegen die Braun-Weißen bestens verfolgen.

Wem nach der Weihnachtsfeier und ihren denkbaren Folgen diese Farbenkombination nur eklig erscheint, sollte schnell wieder Blondes ordern. Zum ersten Tor darf es wieder ein Bier sein. Der Franz, der wirbt ja schließlich dafür. Und Paulaner, Erdinger und die anderen Schaumigen gibt’s ja auch alkoholfrei.

Das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel, das sich oft nach Weihnachtsfeiern anschließt, hat Franz Beckenbauer auf spektakuläre Weise ebenfalls vollzogen. Nicht dass er ein Sechziger und Fan von 1860 München geworden wäre. Allerdings wechselte er vor einiger Zeit schon den Werbepartner aus der Telekommunikationsbranche. Ein Spruch ist uns seitdem abhanden gekommen: „Ja, ist denn scho’ wieder Weihnachten?“