9. November

Bei Gedenkrede in Paulskirche droht Eklat

Zentralrat der Juden ist empört über Alfred Grossers Auftritt: "Er polarisiert". Der Zentralrat beklagt zunehmenden Antisemitismus.

Berlin. Der Tag der Erinnerung wird von einem bitteren Streit überschattet: Anlässlich des 72. Jahrestags der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 soll der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser heute die Hauptrede bei der Gedenkfeier in der Frankfurter Paulskirche halten. Der Zentralrat der Juden droht nun damit, die Veranstaltung vorzeitig zu verlassen. Werde der Festredner Grosser "ausfallend gegenüber dem Zentralrat oder Israel werden, werden wir den Raum verlassen", sagte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, im Deutschlandradio Kultur. Er fügte hinzu, in Grossers Äußerungen seien immer die Israelis schuld und niemals Hamas oder Hisbollah. Korn hatte noch vor wenigen Tagen wegen der Benennung Grossers als Redner vergeblich bei der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) interveniert.

Der Zentralrat der Juden hatte die geplante Rede des Israel-Kritikers zuvor als grandiose Fehlbesetzung und Provokation bezeichnet. Über die Einladung Grossers sei mit niemandem in der Jüdischen Gemeinde gesprochen worden, hatte es vonseiten des Zentralrats geheißen. Grosser hingegen hatte zuvor gesagt, sein Auftritt sei mit Zentralrats-Vizepräsident Dieter Graumann abgesprochen worden. Grosser stammt aus einer Frankfurter Familie jüdischer Herkunft, die 1933 nach Frankreich emigrierte. Der Publizist und Politologe wurde für seinen Beitrag zur deutsch-französischen Aussöhnung geehrt. Er hatte im vergangenen Jahr dem Zentralrat "das reflexhafte Schwingen der Antisemitismuskeule" vorgeworfen, "sobald irgendwo Kritik an Israel laut wird". Dadurch werde Antisemitismus geradezu erzeugt.

Neben dem 75-jährigen Grosser will auch Graumann heute in der Paulskirche reden. Er bekräftigte die Kritik an Grosser. "Es geht hier gar nicht um politische Eitelkeiten oder darum, dass der Zentralrat etwa zu allem und jedem seinen Koscher-Stempel vergeben muss. Schon gar nicht geht es um persönliche Befindlichkeiten", sagte Graumann dem Abendblatt. Es gehe darum, dass Herr Grosser, der ein zu Recht angesehener Mann mit eindrucksvoller Biografie sei, Positionen vertrete, die von der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Gemeinschaft nicht geteilt werden. In diesem Sinne sei er eben kein Brückenbauer, sondern "jemand, der Gräben aufreißt und polarisiert". Grosser könne seine Meinung immerzu vertreten. "Aber ausgerechnet am 9. November in der Paulskirche ist das eine Besetzung, die uns schmerzt." Unterdessen beklagt der Zentralrat einen zunehmend enthemmten Antisemitismus in der Gesellschaft. Zentralrats-Vize Graumann sagte, Antisemitismus habe man lange Zeit eher an den extremistischen Rändern der Republik verortet. "Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen nunmehr, was für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland schon seit Längerem fühlbar ist: dass sich der Antisemitismus in all seinen Facetten in die gesellschaftliche Mitte vorgearbeitet hat und dort auch zunehmend enthemmt geäußert wird", kritisierte Graumann.

Man könne sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass der Konsens, der zum Fundament dieser Gesellschaft nach der schrecklichen Erfahrung des Holocaust gehörte - nie wieder Antisemitismus, nie wieder Fremdenfeindlichkeit und Rassismus -, dass dieser Konsens durch aktuelle politische Entwicklungen bis weit in die Mitte unserer Gesellschaft hinein aufgeweicht zu werden drohe, sagte Graumann weiter. Er betonte: "Das ist beängstigend und muss uns anspornen, hier gemeinsam aktiv gegenzusteuern."

Der designierte Präsident des Zentralrats, der Ende November als Nachfolger von Charlotte Knobloch gewählt werden soll, gab zu bedenken, dass die Würdigung des 9. Novembers sich nicht nur in Gedenkveranstaltungen oder Gedenkreden auf der großen politischen Bühne widerspiegele. Sie spiegele sich auch in den kleinen lokalen Initiativen wider, die sich dafür engagieren, dass die grauenvollen Ereignisse des 9. November 1938 und die noch grauenvolleren, die folgen sollten, nicht vergessen werden, so Graumann. Das finde leider oftmals viel zu wenig Beachtung, monierte der Vizepräsident.