20 Jahre - Auf dem Weg zur Einheit

Volkskammerwahl stellte Weichen für DDR-Ende

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Hamburg. 21. Januar 1990: Am Grenzübergang Gerblingerode/Duderstadt herrscht Gedränge. Etwa 40 000 DDR-Bürger begeben sich mit Koffern in den Händen in die Bundesrepublik. Mit dieser Kofferdemo, die unter dem Motto "Bürger verlassen ihre Republik" steht, machen die Ostdeutschen den Verantwortlichen in Ost-Berlin und Bonn deutlich, dass sich ihre politische und wirtschaftliche Lage sehr schnell verbessern muss. Bald ist klar, dass die für den 6. Mai geplante erste freie Volkskammerwahl viel schneller stattfinden muss. Ende Januar beschließt die von der SED-Nachfolgepartei PDS dominierte "Regierung der nationalen Verantwortung" die Wahlen auf den 18. März vorzuziehen.

Innerhalb weniger Tage hängen überall Wahlplakate, vor allem von der PDS, bald aber auch von einem politischen Bündnis, das am 5. Februar unter dem Namen "Allianz für Deutschland" gegründet wird. Die ehemalige Block-CDU, die inzwischen massiv von der westdeutschen CDU unterstützt wird, die von der CSU geförderte Deutsche Soziale Union (DSU) und die ehemalige Oppositionsbewegung Demokratischer Aufbruch (DA) haben sich zu einem Wahlbündnis zusammengeschlossen. Ziel der Allianz, für die Bundeskanzler Kohl persönlich Wahlkampf macht, ist die schnelle Wiedervereinigung. Als entscheidende Kraft gilt zu dieser Zeit jedoch die im Herbst 1989 gegründete Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP), die sich inzwischen SPD nennt und stark von der West-SPD unterstützt wird.

Die basisdemokratischen Bürgerbewegungen haben sich schon weitgehend von ihrem Machtanspruch verabschiedet und auch von der Stimmungslage der DDR-Bevölkerung entfernt.

Der 18. März ist ein Frühlingssonntag, an dem Volksfeststimmung herrscht. Die Wahlbeteiligung liegt mit 93,4 Prozent fast so hoch wie bei den durch Kontrolle und Repression erzwungenen früheren Einheitslistenwahlen. Als am Abend im Fernsehen die Ergebnisse bekannt gegeben werden, ist die Überraschung riesengroß: Die SPD, die von den meisten Wahlforschern als Favorit gehandelt worden war, ist mit knapp 22 Prozent weit abgeschlagen. Die Bürgerrechtler von Bündnis 90 haben sogar nur 2,9 Prozent erhalten. Erstaunlich gut hat die PDS mit 16,4 Prozent abgeschnitten. Großer Wahlsieger ist aber die Allianz für Deutschland mit 48 Prozent, die allerdings sehr ungleich verteilt sind: Die CDU erhält 40,8, die DSU 6,3 und der durch die Enttarnung von Wolfgang Schnur als Stasi-Spitzel schwer getroffene Demokratische Aufbruch 0,9 Prozent. Der CDU-Spitzenkandidat Lothar de Maizière wird am 12. April zum Ministerpräsident gewählt. Seine einzige Aufgabe besteht darin, die Weichen für eine schnelle Vereinigung mit der Bundesrepublik zu stellen. Nur mit dieser Perspektive, das hat der 18. März 1990 gezeigt, sind die Ostdeutschen bereit, die Koffer im Schrank zu lassen und nicht massenweise in den Westen zu gehen.