Kritik an der Bundesregierung

Arbeitgeberpräsident Hundt lehnt die anonyme Bewerbung ab

Foto: Roland Magunia

Der BDA-Chef verweist auf größeren Aufwand bei der Stellenbesetzung. Im September soll in fünf Unternehmen ein Pilotprojekt starten.

Berlin. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hat den Vorstoß der Bundesregierung zur Anonymisierung von Bewerbungen zurückgewiesen. "Ich halte von dieser Idee äußerst wenig", sagte Hundt dem Hamburger Abendblatt. Die Pläne seien in der Praxis schwer umsetzbar. "Der Aufwand, um neue Stellen zu besetzen, wird wesentlich größer. Allein die Zahl der Gespräche mit Bewerbern, die nach der ersten anonymen Bewertungsphase folgen müssten, würde steigen", kritisierte Hundt.

Es liege im Interesse der Unternehmen, Diskriminierung zu verhindern und die Vielfalt in den Belegschaften zu stärken, fügte der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) hinzu. Schon heute ergriffen die Betriebe zahlreiche Maßnahmen. Die Forderung nach anonymisierten Bewerbungsverfahren konterkariere diese Anstrengungen allerdings. Zuvor hatte schon Patrick Adenauer, Präsident des Verbandes der Familienunternehmen, seinen Widerstand angekündigt.

Im September soll ein Pilotprojekt starten, an dem sich fünf Unternehmen beteiligen - unter ihnen die Konsumgüterhersteller Procter & Gamble und L'Oreal. Auch zwei Ministerialverwaltungen sind dabei: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will in ihrem Ministerium anonyme Bewerbungen einführen. Das von der SPD geführte nordrhein-westfälische Integrationsministerium sagte ebenfalls zu. In diesen Häusern sollen die eingereichten Bewerbungen lediglich Aufschluss über die Qualifikation der Kandidaten geben. Name, Alter, Geschlecht und Herkunft werden nicht mehr erwähnt; ein Foto fehlt ebenfalls. Näher lernen die Unternehmen die Bewerber erst im Vorstellungsgespräch kennen. Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) wird das Modellprojekt wissenschaftlich begleiten.

Die Leiterin der federführenden Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, verteidigte das Vorhaben. Der Aufwand für Betriebe werde deutlich überschätzt, sagte sie dem Abendblatt. "Wenn das Vorzimmer oder eine neutrale Stelle im Unternehmen Angaben unkenntlich macht, ist das kein großer Kosten- oder Zeitfaktor", erklärte sie. Bei Online-Ausschreibungen müssten lediglich die Internetformulare angepasst werden.

Das Pilotprojekt sei dringend notwendig, um Diskriminierung am Arbeitsplatz zu vermeiden. "Es ist leider eine Tatsache, dass Menschen über 50 Jahre, Frauen mit Kindern und Bewerberinnen und Bewerber mit ausländischem Namen häufig zuerst vom Stapel der Bewerbungen aussortiert werden", sagte Lüders. Das belegten Studien und die Erfahrungen in Beratungsgesprächen.

Auch die familienpolitische Sprecherin der SPD, Caren Marks, lobte das Projekt. Trotz guter Qualifikation hätten Ältere, Migranten und auch Frauen nach wie vor geringere Chancen in Einstellungsverfahren, sagte sie.

Mit anonymen Bewerbungen sei es allerdings nicht getan. "Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist noch längst nicht erreicht, man denke nur an die Lohnungleichheit von 23 Prozent", ergänzte Marks. Die SPD fordere deshalb eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent in Aufsichtsräten und Vorständen, ein Entgeltgleichheitsgesetz und gesetzliche Mindestlöhne.

Andere Länder haben bereits Erfahrung mit anonymisierten Bewerbungen gesammelt. In Frankreich beteiligen sich derzeit 50 Unternehmen an einem vergleichbaren Projekt. "Ich möchte, dass der anonyme Lebenslauf zum Automatismus für die Arbeitgeber wird", hatte Staatspräsident Nicolas Sarkozy im Dezember 2008 gefordert. In der Schweiz rief vor drei Jahren der dortige Kaufmännische Verband im Kanton Zürich ein Pilotprojekt namens "Smart Selection" ins Leben, um Lehrstellen in 20 verschiedenen Berufen im anonymisierten Bewerbungsverfahren zu vergeben. In den USA sind teilweise anonymisierte Bewerbungen Standard - die Namen der Kandidaten werden weiterhin genannt.

Die deutsche Projektleiterin Lüders hob positive Erfahrungen vor allem in Schweden hervor. In dem skandinavischen Land zeige sich: "Lässt man persönliche Angaben weg, haben Frauen und Einwanderer deutlich bessere Einstiegschancen."

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