Elisabeth Noelle-Neumann gestorben

Adenauer vertraute der Pythia vom Bodensee

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Tod einer Jahrhundertfigur: Die 1916 geborene Elisabeth Noelle-Neumann gründete in Allensbach das erste deutsche Institut für Meinungsforschung.

Berlin. Hitler empfing sie zum Kaffeetrinken auf dem Obersalzberg, Konrad Adenauer besprach sich mit ihr beim Tee, und überhaupt hat Elisabeth Noelle-Neumann jeden gekannt, der in Deutschland politisch wichtig war. Erst recht nachdem sie 1947 das Institut für Demoskopie Allensbach gegründet hatte. Denn Elisabeth Noelle-Neumann war die Erste, die den Deutschen mit Meinungsumfragen zu Leibe rückte. Die von ihnen wissen wollte, wie oft sie sich die Zähne putzten, was sie für Hobbys hatten und wo sie bei Wahlen ihre Kreuze machten. Selbst dem Glück wollte die Sozialforscherin auf die Spur kommen, denn sie war überzeugt, auch das müsse man "messen" können". Dass man sie deshalb gern die "Pythia vom Bodensee" nannte, machte ihr nichts aus. Wissenschaftler müssten es ertragen können, Außenseiter zu sein, pflegte sie mit rauchiger Stimme zu sagen.

Elisabeth Noelle-Neumann war zweifellos eine deutsche Jahrhundertfigur. 1916 als Tochter eines Juristen in Berlin geboren, studierte sie nach dem Abitur Philosophie, Geschichte, Zeitungswissenschaft und Amerikanistik. Erst in Berlin, dann in Königsberg, schließlich im amerikanischen Missouri. Schon 1940 wurde sie in Berlin promoviert. Ihr Thema: die Meinungs- und Massenforschung in den USA. In ihrer Dissertation fand sich auch der hässliche Satz, seit 1933 hätten "die Juden, die einen großen Teil von Amerikas geistigem Leben monopolisiert haben, ihre demagogischen Fähigkeiten auf die Deutschlandhetze" konzentriert. Anschließend schrieb sie für die von Joseph Goebbels herausgegebene Wochenzeitung "Das Reich". Trotzdem war die einstige Zellenführerin im Nationalsozialistischen Studentenbund später der Ansicht, "nie mit den Nazis verknüpft" gewesen zu sein.

Die Karriere der Elisabeth Noelle-Neumann ist eine Aufstiegs- und Emanzipationsgeschichte, die in der sogenannten Stunde null begann. Ausgerechnet eine Frau wollte den Männern die Welt erklären, mit Methoden, von denen in Deutschland kaum einer gehört hatte. "Wir wurden ausgelacht", erinnerte sich Noelle-Neumann, die von 1964 bis 1983 eine Professur an der Universität Mainz innehatte, noch Jahrzehnte später.

Einen besonderen Namen hat sich das Allensbach-Institut mit der politischen Meinungsforschung gemacht. Gegen die Unterstellung, die "Haus-Demoskopin" der CDU gewesen zu sein, hat sich Elisabeth Noelle-Neumann allerdings stets gewehrt. Trotz ihrer persönlichen Beziehung zu den Kanzlern Adenauer und Erhard, trotz ihrer engen Freundschaft mit Helmut Kohl.

1957 veröffentlicht das Allensbach-Institut erstmals eine Wahlprognose, und fortan waren die politischen Trefferquoten durchweg bemerkenswert. Bis zur Bundestagswahl 2005. Damals kam es nicht zum vorhergesagten klaren Sieg von Schwarz-Gelb, und die Demoskopie geriet in eine tiefe Krise. Zu dem Zeitpunkt hatte Elisabeth Noelle-Neumann die Leitung ihres Unternehmens allerdings längst abgegeben.

Elisabeth Noelle-Neumann hat mehrere Bücher veröffentlicht. Als wegweisendes Werk gilt "Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsere soziale Haut" von 1980. Gestern ist Elisabeth Noelle-Neumann im Alter von 93 Jahren gestorben. Zu Hause, in Allensbach am Bodensee.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) würdigte die Demoskopin als "Wegbereiterin der modernen Meinungsforschung und überzeugende Stimme in der öffentlichen Debatte in Deutschland". Der Leiter der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, nannte sie ungeachtet methodischer Differenzen zu Allensbach eine der "ganz Großen ihres Fachs in Deutschland und in der westlichen Welt".