Migranten

Junge Migranten sagen "Ja" zu Deutschland

Foto: Marcelo Hernandez

Deutsche Politiker beklagen, dass sich zu wenige junge Migranten mit zwei Pässen zu dem Land bekennen, in dem sie leben.

Vanessa Seifert stellt drei junge Hamburger vor, die sich längst für Deutschland entschieden haben.

Steilpass. Querpass. Oder Rückpass. Blitzschnell muss er dem Ball die Richtung geben. An drei Nachmittagen in der Woche, als Mittelfeldspieler für den Niendorfer TSV. Für seine Freunde ist Okan Simsek dann "der Blitz", das bedeutet nämlich sein türkischer Nachname übersetzt. Für seine Mitschüler am Gymnasium Allee in Altona ist er einfach "der Okan", der angehende Abiturient aus der zwölften Klasse, Profilfächer Wirtschaft und Politik. Für die Politiker aber ist der knapp 18-Jährige ein "Optionskind". Eines von derzeit rund 4000 in Deutschland, etwa die Hälfte davon sind Türken. Zwischen 18 und 23 Jahre sind diese Kinder mittlerweile alt. Sie besitzen eine doppelte Staatsbürgerschaft. Noch. Denn für sie kann es nur eine geben, schreibt das Staatsangehörigkeitsgesetz vor. StAG, Paragraf 29.

Türkischer Pass. Deutscher Pass. Er muss seinem Leben die Richtung geben. Er gehört zu jenen, die sich entscheiden müssen, zu welchem Staat sie gehören wollen. Zu welchem Staat sie sich zugehörig fühlen. "Dieser Zwang ist schon ein bisschen komisch", sagt Okan Simsek. Zumal seine Freundin Basak, gerade einmal ein Jahr jünger als er, Türkin und Deutsche gleichzeitig sein dürfe. Noch mindestens ein Jahr lang. Spätestens aber im Alter von 23 Jahren wird sich auch die junge Pinnebergerin entscheiden müssen. "Dieser Zwang ist eine regelrechte Geißel für viele junge Menschen mit Migrationshintergrund", sagt Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen.

Okan, dessen Mutter und Vater selbst Kinder waren, als sie Mitte der 70er-Jahre mit ihren Gastarbeiter-Eltern vom Bosporus an die Elbe kamen, hat sich schon entschieden. Schnell, wie beim Fußball. Er hat sich entschieden für das Land, in dem er geboren wurde. Für das Land, in dem er eine Vergangenheit hat. Für das Land, in dem er seine Zukunft sieht. "Ich fühle mich als Deutscher", sagt der junge Mann, der Jura studieren möchte. Und dann zieht er ihn aus der Tasche seiner Jeans, den wichtigsten Pass abseits des Spielfeldes: den deutschen Ausweis. Klar, in den Sommerferien fliege er manchmal mit den Eltern und der 16-jährigen Schwester in die Türkei in den Urlaub. "Aber mal ehrlich", sagt Okan Simsek, "das machen die meisten meiner 'deutschen' Freunde mit ihren Familien genauso."

Marika Williams will möglichst bald den Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft stellen. Weil die Ghanaerin endlich auch auf dem Papier das sein will, was sie im Herzen schon immer war: eine "echte" Deutsche, wie die 18-Jährige es lächelnd nennt. "Ich bin eine kleine Bürokratin, total ordnungsliebend. Das ist doch typisch deutsch, oder?", sagt sie lachend. Vielleicht sogar so typisch, dass es manchmal bloß negativ verstanden wird, was vielleicht dann auch wieder "typisch deutsch" ist. Pünktlich, diszipliniert, gewissenhaft. Für Marika, die nicht einmal ein Jahr alt war, als sie mit ihrem Vater nach Deutschland zog, sind das Komplimente.

Mit Ghana, ihrem Geburtsland, habe sie wenig zu tun, sagt die Schülerin des Kurt-Körber-Gymnasiums. Sie wisse noch nicht einmal, warum ihr Vater damals mit ihr Afrika verlassen habe. "Stimmt, so richtig nachgefragt habe ich nie", sagt sie. Natürlich koche ihr Vater, ein Lieferwagenfahrer, schon mal die westafrikanische Spezialität Fufu, jenen festen Brei aus Maniok und Kochbananen. Und manchmal höre er auch "ziemlich laut" afrikanische Musik. "Ich selbst spreche aber kein Wort Ghanaisch, verstehe also absolut nichts", sagt die junge Frau, die im Herbst an der Medienakademie Hamburg ein Schauspielstudium beginnt. Schon dafür sei ein deutscher Pass hilfreich - wegen der zahlreichen Studienstipendien, die nur an deutsche Staatsbürger vergeben würden. Vor allem aber wolle sie endlich offiziell dort ankommen, wo sie eigentlich schon immer war: in ihrer Heimat, in Deutschland. "Ich bin es einfach leid, alle zwölf Monate meine Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen zu müssen." Ein halber Nachmittag gehe dafür locker drauf.

Der hohe Aufwand bei der Einbürgerung schreckt womöglich auch die "Optionskinder" ab. Denn viele passen offensichtlich, wenn es um den deutschen Pass geht - und entscheiden sich für das Land ihrer Eltern. "Häufig verstehen die Jugendlichen die komplizierten Details bei der Einbürgerung nicht", sagt die christdemokratische Integrationsbeauftragte Maria Böhmer, die das Verfahren vereinfachen will.

Doch das sei nicht der einzige Grund, sagt Marika Williams. Sie habe einige Bekannte mit doppelter Staatsbürgerschaft, die sich nicht vorbehaltlos für die deutsche entscheiden würden. "Man sieht doch immer noch fremd aus", sagt sie. "Der Pass garantiert überhaupt nicht, dass man plötzlich gesellschaftlich dazugehört. Und das ist doch die eigentliche Sehnsucht." In Billstedt, wo Marika lebt, gehöre man schneller dazu. Weil alle irgendwie anders sind. Und damit auch irgendwie gleich. Überhaupt sei Hamburg eine weltoffene Stadt, mit einem Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der sich für die doppelte Staatsbürgerschaft einsetzt. "Aber im eher ländlichen Deutschland", sagt Marika Williams nachdenklich, "da muss bestimmt noch viel mehr getan werden für die Integration."

Die habe bei ihm gut geklappt, sagt Nawid Nikkhwa. Damals, 1995. Als er mit seinen Eltern und den vier Schwestern als Kriegsflüchtling aus Kabul nach München kam. "Wir haben schnell Deutsch gelernt, und meine Eltern haben zügig Jobs gefunden." Der Vater als Arbeiter in einer Holzfabrik, die Mutter als Verkäuferin. Wenn er jetzt im Fernsehen Bilder aus Afghanistan sehe, dann blicke er auf eine fremde Welt. "Ich finde es selbst erstaunlich, aber mir fehlt komplett der Bezug. Es liegt vielleicht daran, dass ich nur eine sehr düstere Erinnerung an Afghanistan habe", sagt der 22-Jährige, und ein bisschen schwingt bayerische Mundart mit, wenn er spricht. Im Gegensatz zu seinen Schwestern will er nicht an den Hindukusch reisen. "Ich will da überhaupt nicht hin, mich reizt das wenig", sagt der gelernte Bürokaufmann, der jetzt an der Staatlichen Handelsschule H12 am Ausschläger Weg sein Fachabitur macht. "Obwohl es mein Vaterland ist." Vielleicht liegt es aber auch genau daran: Es ist das Land seines Vaters. Nawids Land ist Deutschland.

Deshalb möchte der Afghane Deutscher werden. So wie es schon eine seiner jüngeren Schwestern ist. Den Antrag hat er gestellt. "Die Unterlagen meiner Schwester wurden schnell bearbeitet und bewilligt, so bürokratisch lief das gar nicht ab", sagt Nawid Nikkhwa, der Architektur studieren will. Ein großer Vorteil sei zum Beispiel, dass man als deutscher Staatsbürger leichter reisen könne. Vor allem in die USA, dort, in New York City, hat Nawid einen Onkel . "Als Afghane bräuchte ich ein Visum, um ihn zu besuchen", sagt er. "Außerdem würde man mit afghanischem Ausweis wahrscheinlich schon bei der Einreise komisch beäugt."

Verleugnen wolle er seine afghanischen Wurzeln aber auf gar keinen Fall. Mit dem Islam und bestimmten Traditionen sei er schließlich aufgewachsen. "Der Respekt vor den Eltern ist zum Beispiel etwas, das mir in meiner Erziehung vermittelt wurde", sagt er. Grundsätzlich sei er aber sicherlich offener und weniger streng erzogen worden als beispielsweise seine Cousins in Kabul. Obwohl er sich als Deutscher fühlt, weiß er nicht sofort, wie er die Frage "Woher kommst du?" beantworten würde. "Ich bin sowohl Afghane als auch Deutscher", sagt er. "Aber intuitiv würde ich sagen: Ich komme aus Afghanistan."

Für Okan Simsek ist die Antwort eindeutig. "Ich komme aus Hamburg", sagt er und zeigt auf seinen Personalausweis. Er habe türkische Wurzeln. Aber er sei jetzt ein erwachsener Deutscher. Kein "Optionskind" mehr. Nicht mal für die Politiker. Zwischen verschiedenen Pässen wird er sich trotzdem noch oft entscheiden müssen. Aber eben nur auf dem Fußballplatz.