Kommentar: Streit um die Büste der Nofretete

Geschichte ist nicht immer gerecht

Wer der Büste der Nofretete, die seit Mitte Oktober im prachtvoll restaurierten Neuen Museum in Berlin wieder Hof hält, jemals ins Gesicht geblickt hat, wird verstehen, mit welcher Leidenschaft um die Zukunft dieser Frau gerungen wird, deren ebenmäßiger Schönheit selbst dreieinhalb Jahrtausende nichts anhaben konnten.

Es war der deutsche Ägyptologe Ludwig Borchardt, der sie im mittelägyptischen Amarna entdeckt hat. Mag sein, dass Borchardt bei der damals üblichen Aufteilung der Funde zwischen dem Herkunftsland und den deutschen Ausgräbern die Einzigartigkeit der Nofretete tunlichst verschwiegen hat. Für eine böswillige Manipulation, die ihm einige Experten jetzt unterstellen, reichen die Beweise aber bei Weitem nicht aus. Was im Januar 1913 dazu geführt hat, dass Nofretete nach Berlin gelangt ist, geschah auf der Grundlage des damals geltenden Rechts.

Dass Zahi Hawass, der Generalsekretär der ägyptischen Altertumsverwaltung, diese Geschichte sofort aufgegriffen hat, liegt auf der Hand. Aus seiner Sicht gehört Nofretete selbstverständlich nach Kairo und nicht nach Berlin, ganz unabhängig davon, ob 1913 alles mit rechten Dingen zuging oder nicht. Gestern hat Hawass angekündigt, dass Ägypten jetzt offiziell von Deutschland die Rückgabe der berühmten Büste verlangen wird. Damit würde Nofretete erstmals zur deutsch-ägyptischen Staatsaffäre. Juristisch ist die deutsche Haltung wohl kaum angreifbar. Wahrscheinlich kann Nofretete daher weiterhin in Berlin Hof halten. Das ist das Resultat einer von Kolonialismus und europäischer Dominanz geprägten Geschichte. Aber Geschichte schafft Fakten und lässt sich nicht einfach ungeschehen machen. Dass Zahi Hawass das als ungerecht empfindet, wird daran nichts ändern.