Kommentar: Steinmeier im Umfragetief

Schröder-Karaoke reicht nicht

Florian Kain

Es hat Frank-Walter Steinmeier alles nichts genützt: nicht die Talkshow-Offensive samt Ehefrau, mit der er Sympathiepunkte sammeln wollte. Nicht die engagierte Rede auf dem Parteitag, mit der er seinen Anspruch auf das Kanzleramt unterstrich. Und auch nicht die danach häufiger gewordenen Sticheleien gegen Angela Merkel.

Es fragt sich: Wann, wenn nicht jetzt, weniger als 90 Tage vor der Bundestagswahl, soll die Aufholjagd beginnen? Es hat schon fast tragische Züge, dass der Führungsspitze des Willy-Brandt-Hauses angesichts der weiter sinkenden Umfragewerte nichts anderes einfällt, als gebetsmühlenartig die Ereignisse des Jahres 2005 zu beschwören.

Sicher, damals gelang den Genossen ein spektakulärer Endspurt, der Wahlkampfgeschichte geschrieben hat. Doch der Spitzenmann war seinerzeit ein anderer - Gerhard Schröder. Die Leute spüren, dass Steinmeier sein Idol imitiert, dass er in Wahrheit gar nicht so ein Volkstribun sein will. In Berliner Kreisen wird längst über das "Schröder-Karaoke" des Kandidaten gelästert, der durch die Spitzenkandidatur in eine Rolle gedrängt wurde, die nicht zu ihm passen will. Dabei zeigt die wachsende Beliebtheit des Wirtschaftsministers Guttenberg, dass Steinmeier - würde er sich weniger verstellen - vielleicht sogar besser ankäme. Denn Guttenberg ist, bei allem Talent zur Selbstinszenierung, authentisch. Und auch Merkel profitiert von der natürlichen Aura, die sie sich bewahrt hat. Steinmeier macht aber auch die Strategie der Kanzlerin zu schaffen, die bis zum 27. September einen Wahlkampf aus dem Amt heraus führen will. Auf der internationalen Bühne, auf der sich auch der Außenminister überzeugend bewegen kann, ist deshalb nur noch Merkel sichtbar.

Schließlich schadet dem Kandidaten auch sein bisher fehlender Sensus für Stimmungslagen in der Bevölkerung. Alle Umfragen zeigen, dass Firmenrettungen auf Kosten der Allgemeinheit kein Gewinnerthema sind. Dabei hätte er nur auf Finanzminister Peer Steinbrück hören müssen, der von Anfang an vor diesem Kurs gewarnt hatte. Steinbrück, das wird nun immer klarer, hätte Merkel als Herausforderer gefährlicher werden können.

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